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Ein Roman über Extremsport, und dann auch noch im Wasser: Nichts könnte meinem Lebensstil ferner liegen. Aber die Kunst eines guten Erzählers liegt natürlich darin, den Leser auch mit einem Thema in Bann zu schlagen, das ihn per se gar nicht interessiert hätte. Und so hat mir auch das Buch Atem des Australiers Tim Winton in bester Literatur-Manier eine Welt nähergebracht, die mir eigentlich völlig fremd ist: die des Surfens auf Monsterwellen. Doch das ist nur der äußere Rahmen für eine kluge, bewegende Geschichte übers Erwachsenwerden, über Freiheit und die Schönheit des absolut Nutzlosen – und darüber, wie man sich genau darin verlieren kann.

Atem begleitet seine Hauptfigur im Lebensalter von etwa 11 bis 15 Jahren – eine komplizierte Zeit, in der man sucht, stolpert, sich abgrenzt, sich Vorbilder sucht und experimentiert, um zu einer eigenen Persönlichkeit zu finden und zu einer Art, auf die man leben möchte. Vieles von der Weichenstellung in diesem Alter widerfährt einem dabei ganz unfreiwillig, man ist manipulierbar – und sehr verletzlich. So verhält es sich auch mit Bruce Pike, genannt Pikelet, der in einer gottverlassenen Gegend an der westaustralischen Küste aufwächst.

Mit Extremsport auf dem Weg zu sich selbst

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden sind es im Wesentlichen drei Figuren, die ihn prägen. Er freundet sich mit dem etwa gleichaltrigen Loonie an – ein Außenseiter wie er auch, nur im Gegensatz zum im Grunde braven Pikelet in der wilderen, „böseren“ Variante. Er ist einer, der immer über die Stränge schlagen muss und die nächste Eskalationsstufe sucht. Mit ihm gemeinsam entdeckt Pikelet das Surfen für sich.

Nach ersten dilettantischen Versuchen lernen die Buben bald eine zunächst fast mystisch erscheinende Figur kennen, die an der Küste einsam und mit unerreichten Fähigkeiten ihre Kreise in den höchsten Wellen zieht. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Bill „Sando“ Sandman, einen ehemaligen Profisurfer. Er lebt auf einer abgelegenen Farm ein Hippie-Dasein und wird zu einer Art Vaterfigur und Surf-Guru der Jungs. Er fasziniert sie mit seinem in der Provinz exotisch wirkenden alternativen Lebensstil, vor allem aber nimmt er sie mit und treibt sie an zu immer waghalsigeren, irrwitzigeren Surf-Abenteuern – von denen sich im Mittelteil des Romans vielleicht etwas zu viele aneinanderreihen, wobei Winton sie andererseits immer wieder höchst packend und variantenreich schildert.

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Die perfekte Welle suchen die Figuren in Tim Wintons Roman. Bild von F McDaniel auf Pixabay

 

Schließlich wird noch Sandos junge Ehefrau, die bitter wirkende Amerikanerin Eva, zunehmend eine Rolle bei Pikelets Reifung spielen. Aber dazu sei nicht zu viel verraten, nur dass der Roman thematisch noch einmal eine ganz andere Facette seines Leitmotivs des Atmens und Luftanhaltens aufschlägt…

Begeistert hat mich Tim Winton wie schon kürzlich bei der Lektüre von Der singende Baum mit der kargen Schönheit seiner Sprache, der sparsamen, aber wirkungsvollen Vermittlung von Sinneseindrücken und grandiosen Landschaften, den knappen, rauen Dialogen, vor allem aber mit den gebrochenen, randständigen Charakteren.

Eine Gesellschaft auf der fiebrigen Jagd nach Action

Die vier Hauptfiguren ringen alle um einen Platz im Leben – jeder auf seine Art und doch letztlich alle erfolglos. Und obwohl alle den Extremsport als Mittel zur Selbstverwirklichung wählen, sind die Herangehensweisen und Ergebnisse doch höchst unterschiedlich. Für den einen geht es um Eitelkeit, Machtproben oder ein ständiges „Höher, schneller, weiter“, für den anderen um den nächsten Kick und trotziges Rebellentum, für wieder einen anderen um die pure Freude und das Losgelöstsein vom ewigen Streben nach Sinn und Zweck im Leben. Alles Attitüden, die Menschen auf der Sinnsuche nicht nur beim Surfen an den Tag legen. Insofern ist Atem natürlich viel mehr als ein spannender Wassersport-Roman, den man verschlingt, weil man immer wissen möchte, wie es weitergeht.

An einer Textstelle bin ich bei meiner persönlichen Lektüre im April 2020, also inmitten des Corona-Stillstands, besonders hängen geblieben:

Im Fernsehen waren Amerikaner immer so kitschig und sentimental, unbeschwert und in alle Ewigkeit sicher zu Hause. Aber so wie Eva es erzählte, waren ihre Landsleute ruhelos und nomadisch, und sie verstopften Autobahnen und Flughäfen auf ihrer fiebrigen Jagd nach Action. Sie meinte, sie seien von Ehrgeiz getrieben auf eine Art, die ein Australier nie verstehen könne. Sie wollten neue Blickwinkel, einen besseren Service, hundertprozentige Mobilität. Ich versuchte mir auszumalen, was sie meinte. So wie sie redete, wirkten ihre Landsleute bösartig. Und doch sei Gott in allem – im Reden, der Musik, sogar auf ihrem Geld. Ehrgeiz, erklärte sie. Gier und tödliche Angst. (Seite 151)

Jetzt also blicken wir auf leere Autobahnen und Flughäfen. Werden wir nicht gerade schmerzhaft gezwungen, von genau diesem Lebensstil der ewigen Jagd abzulassen und ihn zu hinterfragen? Ich glaube nur, dass wir „danach“, wann immer das ist, ganz genau so weitermachen werden, wie Eva es hier beschreibt.

  • Tim Winton, Atem, Aus dem Australischen von Klaus Berr, btb Verlag, 240 Seiten, 8,99 Euro.

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