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Wer auf der Suche nach einem veritablen Australien-Roman über Land und Leute ist, ist bei diesem Roman richtig. Wer wieder einmal eine gute Liebesgeschichte lesen möchte, ebenfalls. Dasselbe gilt für jeden, der sich für Außenseiter interessiert und ein Herz für kantige Charaktere hat, der Freude an schöner Sprache hat, der Reflexionen über Literatur und Musik liebt, der gerne in Gedanken auf Reisen in unbekannte Gefilde geht, der spannend unterhalten werden will und und und…

Ich habe Der singende Baum von Tim Winton als einen rundum kompletten Roman empfunden, der – und das ist die höchste Kunst – auf scheinbar einfache Art ein vielschichtiges Lesevergnügen bereitet.

Verbotene Liebe und Robinsonade

Zu einem wichtigen Teil lebt die Freude an der Lektüre von Der singende Baum davon, dass man eigentlich nie weiß, welche Wendung die facettenreiche Handlung als nächstes nimmt. Nur so viel: Der Plot hat zwei klassische Grundelemente, eine verbotene Liebe und eine Robinsonade. Das mag jetzt nach Kitsch und Klischee klingen – doch davon könnte Tim Wintons durch und durch glaubwürdige Erzählweise nicht weiter entfernt sein.

Ausgangspunkt ist das durch Hummerpfründe materiell reich gewordene und doch gottverlassene (fiktive) Fischerdorf White Point in Südwestaustralien. Dort treffen wir auf zwei im Leben gestrandete Menschen, die auf die eine oder andere Art festhängen und nicht dazugehören: Georgie Jutland als „Zugereiste“, ursprünglich eine Tochter aus gutem Hause, eine ehemalige Krankenschwester, 40 Jahre alt und nun unglückliche Lebensgefährtin des verwitweten „Dorfpatriarchen“, des reichen Hummerfischers Jim Buckridge, sowie Stiefmutter seiner beiden Söhne. Und Luther „Lu“ Fox, der allein auf einer kleinen Farm abseits des Dorfes wohnt und seinen Lebensunterhalt als illegaler Schwarzfischer in fremden – vorzugsweise Jims – Gefilden bestreitet.

Die beiden Außenseiter Georgie und Lu treffen aufeinander. Doch dass sie mit ihrer leidenschaftlichen Affäre gegen die Regeln verstoßen, bleibt in ihrem Kaff nicht unbemerkt – und nicht ungesühnt. Gleichzeitig aus Angst um sein Leben und in dem Wunsch, sich selbst aus dem Dasein zu tilgen, tritt Lu die Flucht an. Die Reise führt ihn Richtung Norden ans andere Ende Australiens, durch eindrucksvolle, plastisch beschriebene Landschaften: durch Berge, Wüste und subtropischen Dschungel bis zu einer einsamen Insel.

Tim Winton ist fasziniert von seinem Australien

Ja, Tim Winton erzählt ganz klassisch, man könnte sagen konventionell eine Geschichte – eigentlich keine, die einen per se schon aufhorchen lässt, nichts nie Dagewesenes. Und auch formal lässt sein Roman durch keine sonderlichen Innovationen aufhorchen. Winton wechselt lediglich – jeweils in dritter Person – zwischen den Perspektiven Georgies und Lus.

Doch scheinbar ohne etwas Besonderes zu wollen, schafft Tim Winton etwas Großes. Der Autor lässt seine Erzählung ganz natürlich und unverkrampft fließen – offenbar aus reinem Interesse an seiner Geschichte und seinen Figuren. Und an noch so viel mehr.

Winton ist ein Autor, der von seinem Land Australien ganz offensichtlich fasziniert ist – und den Leser an der Faszination teilhaben lässt. Es geht ihm dabei nicht um die Verklärung landschaftlicher Schönheiten. Als pittoresk erscheint keiner der geschilderten Landstriche. Nicht die schroffe Küste um White Point, nicht die monotonen Ebenen, die dramatischen Berge oder die überbordenden Subtropen.

Und doch transportiert Winton eine tiefere Schönheit des Landes. Und vor allem lässt er das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur hervortreten. Flora und Fauna sind hier genauso lebenspendend wie lebensfeindlich. Die menschliche Existenz definiert sich aus einer Interaktion mit der Natur und ihren Gewalten – sei es durch Ausbeutung, durch Kampf, das Streben nach Einklang oder sentimentale Aufladung. An vorderster Stelle steht dabei das Meer, das Australien umgibt und an dessen Ufern 80 Prozent der Bevölkerung leben.

Mindestens ebenso große Bedeutung für das Tim-Winton-Australien haben die Charaktere seines Romans. Die verschrobenen Bewohner von White Point; die auf unterschiedliche Art exzentrischen Reisenden, denen Lu unterwegs begegnet; Georgies verkorkste Familie; bis hin zum vierschrötigen Anglerführer an der Nordküste: Sie bilden ein widerborstiges Panorama von Figuren, die meisten schroff und wortkarg – der Roman zeichnet sich durch entsprechend knappe Dialoge aus -, so mancher engstirnig und verschlossen, andere freigeistig und verträumt.

Dirt Music hat einen eigenen Soundtrack

Sie alle sind geprägt vom Leben in, mit und gegen die Natur – doch dem stellt Winton auch die Bedeutung der Kultur für ihr Dasein gegenüber. Das gilt ganz besonders für den nur vermeintlich in primitiven Verhältnissen lebenden Lu.

Zu seiner Farm gehört eine Bibliothek. Und er ist Musiker – oder besser, er war es, denn ein Schicksalsschlag hat ihn die Gitarre beiseite legen lassen. Doch auch wenn er es mittlerweile nicht mehr erträgt, wie Lieder Emotionen freilegen: Die Musik ist Bestandteil seines Seins – und des Romans, zu dem Tim Winton sogar einen eigenen Soundtrack auf einer Doppel-CD zusammengestellt hat.

„Dirt Music“ gibt es auch zum Hören: auf zwei CDs.

Er besteht zum einen aus der im Original titelgebenden Dirt Music, wie Lu sie einst gespielt hat und als „anythin‘ you could play on a verandah“ definiert – eine in meinen Ohren recht kratzbürstige Musikrichtung zwischen Blues, Country und Bluegrass -, zum anderen aus fünf tiefgründigen klassischen Stücken, von denen einige im Roman feinsinnig akzentuiert werden, allen voran Arvo Pärts sphärischer Totengesang „Cantus in Memory of Benjamin Britten“.

So viele Bedeutungsebenen schwingen also mit – und fügen sich doch ungezwungen zu einem sehr authentisch wirkenden Gesamtbild unter dem Dach einer Handlung, die zwar nicht gerade treibend voranpeitscht und speziell im Mittelteil manchen verzögernden Schlenker nimmt, von der man aber immer wissen will, wohin sie führt.

Grundlage für alles ist dabei aber Tim Wintons großartige Sprache, für die gilt: Kunstvoll ist das Gegenteil von gekünstelt. Die Formulierungen sind geradeaus und vollbringen doch das Wunder, Wahrnehmungen aller Sinne erfassbar zu machen: die erwähnten Landschaftsbilder, das Brennen der Sonne auf der Haut, die Klänge der Musik und – besonders auffällig – viele nuancenreich und bildstark wiedergegebene Gerüche und ihre starken Assoziationen.

Insofern: Der singende Baum ist ein Roman, der viel in mir zum Klingen gebracht hat – und den ich ausgesprochen gut riechen kann.

  • Tim Winton, Der singende Baum, Aus dem Australischen von Klaus Berr, btb Verlag, 477 Seiten, 10 Euro.

5 Kommentare zu “Tim Winton, Der singende Baum

  1. Pingback: Blogbummel Januar/Februar 2020 – buchpost

  2. Pingback: Tim Winton, Atem | BuchUhu

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