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Eine Mischung aus Don Quijote und Woody-Allen-Film, getaucht in ein wunderschönes, sanftes Licht: So habe ich diesen ungarischen Klassiker des 20. Jahrhunderts gelesen. Ich habe mich von Antal  Szerb mit Freude und etwas Melancholie mitnehmen lassen auf die Reise im Mondlicht, die manchmal nirgendwohin zu führen scheint und die sich wahrscheinlich am besten genießen lässt, wenn man sich von der Erwartung löst, irgendwo anzukommen.

Reise im Mondlicht ist ein handlungsreicher Roman, der aber gleichzeitig so nonchalant daherkommt, dass der Fortgang des äußeren Geschehens fast keine Rolle zu spielen scheint. Daher ist es recht schwierig und tendenziell irrelevant, ihn nachzuerzählen. Trotzdem ein Versuch: Es geht um eine Hochzeitsreise durch Italien, die für die beiden frisch Angetrauten jeweils zu einer Reise auf der Suche nach sich selbst wird – allerdings alsbald getrennt voneinander. Denn bei einem Zwischenstopp an einem Bahnhof steigt der Bräutigam Mihály aus, um einen Kaffee zu trinken, und als er eilig auf den wieder losfahrenden Zug aufspringt, muss er erkennen, dass es der falsche war. So rollt seine Frau Erszi nun also allein Richtung Rom, während er selbst auf dem Weg in die Toskana ist. Das vermeintliche Missgeschick wurzelt freilich in Mihálys innerem Wunsch und Willen. „Rein zufällig“ hat er zuvor auch einen Reisescheck aus dem Gepäck in seine Jackentasche geschmuggelt.

Mihály – und man könnte sagen, mit ihm der Roman – verfranst sich nun in den mittelalterlich-romantischen Städtchen der Toskana, vor allem aber in den Erinnerungen an seine schwärmerische Budapester Jugendclique rund um das charismatische, inzestuös angehauchte Geschwisterpaar Éva und Tamás. Die jungen Leute schwelgten seinerzeit in einer sublimen Todessehnsucht. Die Vergangenheit, die Liebe zur unerreichbaren Éva und das Rätsel um Tamás‘ Selbstmord, wohl assistiert von seiner Schwester, bilden ein Netz, in dem Mihály auch mit seinen 36 Jahren noch immer verstrickt ist.

Die verlassene Erszi probiert derweil in Paris den Ausbruch aus der bürgerlichen Konvention und sucht das erotische Spiel mit dem Feuer.

Soweit der Ausgangspunkt, von dem aus der Roman sich mäandernd fortbewegt, von einem mystisch aufgeladenen, mit literarischen Topoi und Illusionen spielenden Szenario zum anderen: von der „heiteren Märchenhaftigkeit“ Sienas zur abergläubischen Düsternis in der Enge der mittelalterlichen Häuser Gubbios; vom asketischen Kloster bis hin zur überbordenden Arme-Leute-Tauffeier in Rom und zum französischen Schloss im Unwetter wie aus einem Schauermärchen. Dieser Reise im Mondlicht zu folgen, ist, wie sich genussvoll in unübersichtlichen Gassen zu verirren, wie es Mihály so gerne tut.

Neben dieser Ziellosigkeit ist es vor allem der Humor, der dem Roman Charme und Leichtigkeit verleiht. Antal Szerb betrachtet seine Figuren mit freundlicher Ironie und lässt immer wieder mit meisterhaft gesetzten Spitzen die profane Wirklichkeit über ihre, vor allem Mihálys, träumerische Sinnsuche hereinbrechen. Oft passiert das in herrlichen Dialogen – etwa wenn Erszi ihren frisch Angetrauten aus allen Wolken holt und ihn ins Bild setzt, dass der vermeintlich aus vielen Jahrhunderten herüberwehende dekadente Verwesungsgeruch in Ravenna von einer Kunstdüngerfabrik herrührt.

Das ist typisch für Szerb: Indem er das Erhabene unvermutet mit dem Banalen kontrastiert, erzeugt er eine Komik, die jedoch nie beißend ist. Er gibt seine verwirrten Figuren nicht der Lächerlichkeit preis, sondern hat einen zutiefst menschlichen, mitfühlenden Blick auf sie. Das hat mich an den Vergleich mit Woody Allen und seinen liebenswerten Neurotikern denken lassen. Und an Don Quijote fühlte ich mich erinnert, weil ich in Mihály ebenso eine Figur sehe, die scheinbar aussichtslos und doch heldenhaft versucht, der schrecklich eindimensionalen Realität davonzuschweben. Wie Don Quijote wird er ein ums andere Mal schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Man könnte ihn dafür auslachen – man könnte seinem Scheitern aber auch eine besondere Würde zugestehen.

Dieselbe Weltabgewandtheit zeichnet auch den Roman selbst aus. Zuerst erschienen 1937, würdigt er mit kaum einer Anspielung die prekären Umstände einer Zeit, in der Europa am Abgrund stand. Stattdessen zelebriert Antal Szerb ungerührt eine großbürgerliche, hochkulitivierte Lebenswelt, in der sich Menschen wie selbstverständlich in einem gemeinsamen Kulturraum Europa bewegen und zu Hause fühlen.

Auf außerliterarischer Ebene erhält Szerbs literarische Realitätsverweigerung eine tiefe Tragik dadurch, dass er, der feinsinnige, hochgebildete Literaturprofessor, nur wenige Jahre später als – wenngleich katholisch getaufter – Jude interniert und 1945 im KZ Balf von einem Aufseher erschlagen wurde. Sein beglückendes Meisterwerk aber fand über den Umweg der Wiederentdeckung auf dem anglophonen Buchmarkt etwa 60 Jahre später wieder den Weg zurück zu den deutschsprachigen Lesern. Und beschert uns so wundervolle Sätze wie: „Ich mag Menschen nicht, die nicht so sind wie andere Menschen. Schon die anderen Menschen sind widerlich genug. Und erst noch die, die nicht so sind.“

  • Antal Szerb, Reise im Mondlicht, Aus dem Ungarischen von Christina Viragh, Mit einem Nachwort von Péter Ersterházy, dtv, 272 Seiten, 10,90 Euro.
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Ein Kommentar zu “Antal Szerb, Reise im Mondlicht

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