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Man mag über dieses Buch sagen, was man will, aber in einer Beziehung hat es Seltenheitswert: Es ist durchgängig geprägt von einem intelligenten Humor. Ein Roman von gewissen Niveau und Anspruch, bei dem man sich über weite Strecken gut amüsiert und immer wieder laut lachen muss, ist auf dem heutigen Buchmarkt, zumal dem deutschen, nicht leicht zu finden. Insofern kann ich Großmama packt aus empfehlen – trotz mancher Schwächen.

Großmama packt aus ist (vermutlich) eine Art Autobiografie der Autorin, auch wenn mir nicht bekannt ist, wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion in dieser Familiengeschichte stecken. Der besondere Kniff dabei: Irene Dische legt ihre Familien- und Lebensgeschichte der Großmutter in den Mund. Damit hat der Roman eine sehr markante, eigenwillige Ich-Erzählerin: eine erzkatholische, eitle, konservative Frau mit festgefügten Ansichten, unverrückbarem Selbst- und Standesbewusstsein, einem Hang zur Theatralik und unübersehbaren rassistischen und antisemitischen Tendenzen. Eigentlich eine unmögliche Figur, die kategorisch über andere urteilt und sich selbst nicht hinterfragt. Doch genau dieser bornierten Erzählstimme die dramatische Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie inklusive Verfolgung im Nazi-Deutschland und Auswanderung nach New York in den Mund zu legen,  ist Irene Disches erzählerischer Clou. Daraus bezieht der Roman seinen Reiz und seine  komische Spannung.

Die Konstellation erzeugt tatsächlich viel Witziges, hat auch manchen entlarvenden Effekt. Dabei ist angenehm, dass die doch sehr ambivalente Figur dieser Elisabeth Rother nie denunziert wird. Trotz ihrer Spleens und vermeintlichen Ignoranz scheint doch immer wieder eine starke, liebevolle, beherzte Persönlichkeit durch: Wie weit ist es mit ihren antisemitischen Floskeln wohl her, wenn sie selbst gegen alle Widerstände einen Juden heiratet (der aber für sie zum Katholizismus konvertiert)? Ihr schrecklicher Standesdünkel wird eine bewundernswerte Eigenschaft, wenn sie ihn gegenüber Nazis an den Tag legt, die von ihr verlangen, dass sie sich scheiden lässt. Und das ununterbrochene Herumkritisieren und -mäkeln an ihrer Tochter Renate und später der Enkelin Irene ist wohl auch nicht ganz ernst zu nehmen, da doch immer wieder die enge Verbundenheit und Solidarität zwischen den Frauen deutlich wird, wenn’s hart auf hart kommt.

Die Mischung aus Ironie und Sarkasmus auf der einen Seite und liebevoller Hommage an die Großmutter auf der anderen gefällt mir. Überzeugend ist auch das Porträt der eigenwilligen, störrischen, hochtalentierten und zunehmend verschrobenen Renate: ebenfalls eine originelle und starke Frauenfigur. Deren Rebellion wird von Irene als Dritter in der weiblichen Ahnenreihe auf die Spitze getrieben – eigentlich auch ein interessanter Romancharakter, doch gerade da schleicht sich ein Beigeschmack ein. Unverständnis und Empörung, mit denen die Großmutter Irenes Eskapaden kommentiert, verherrlichen Irene zur unbezähmbaren Heldin. So verleiht sich die Autorin in diesem autobiografischen Text auf etwas unangenehme Art letztlich selbst einen Glorienschein. Dabei hätte gerade die Übertragung der Erzählstimme auf die Großmutter die Chance eröffnet, aus der Distanz und mit Selbstironie auf die eigene Person zu blicken.

Doch dazu hätte es eben doch einer ernst zu nehmenden Ich-Erzählerin bedurft. Die originelle Perspektive birgt überhaupt so manches Problem. Durch die Augen einer Egozentrikerin bleibt der Einblick in andere Charaktere eben doch sehr begrenzt. Ganz besonders die männlichen Figuren – Elisabeths Mann Carl, Renates drei jüdische Ehemänner, allen voran der geniale, aber der Großmama verhasste Wissenschafter Zacharias Dische, sowie Irenes Bruder Carlchen – bleiben der Erzählerin und damit dem Leser weitgehend fremd. Eine Närrin sprechen zu lassen und dabei eine Wahrheit hervortreten zu lassen, die die Erzählerin selbst nicht wahrnimmt: Das wäre ganz große Romankunst, die Irene Dische vielleicht ansatzweise gelingt, aber eben nicht durchgängig. Vielmehr stößt Großmama packt aus an diesem Punkt an seine Grenzen.

Und man muss es einfach sagen: Mit der Zeit nervt das Geplapper der alten Dame. Die Pointen sind irgendwann verschossen, der Reiz verbraucht. Weil zudem nach der dramatischen Zeit der Judenverfolgung, der Flucht und des Neuanfangs in New York (Carl Disches Flüchtlingsdasein liest sich aus der Perspektive der heutigen Aktualität gerade wieder sehr aufschlussreich) die Familiengeschichte keine solchen Untiefen mehr birgt (zum Glück für die Familie), wird das Lesen in der zweiten Romanhälfte mitunter zäh.

Doch wie gesagt: Insgesamt macht Großmama packt aus durchaus Spaß, hat in seiner Schilderung einer intellektuellen jüdischen New Yorker Lebenswelt etwas schön Woody-Allen-haftes an sich und birgt berührende tragikomische Momente, in denen Lachen und Weinen nah beieinander liegen.

  • Irene Dische, Großmama packt aus, Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser, dtv, 384 Seiten, 9,90 Euro.
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3 Kommentare zu “Irene Dische, Großmama packt aus

  1. Pingback: Blogbummel April/Mai 2017 – buchpost

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