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Die Abende sind seit der Zeitumstellung ganz schön lang. Die letzte Sommer-Illusion, die der Oktober bereithielt, ist merklich abgekühlt. Eine Methode, an diesen Herbstabenden ein bisschen Gemütlichkeit und Wärme ins Wohnzimmer zu bringen, ohne bange an die nächste Heizkostenabrechnung denken zu müssen, wäre, das Buch Ein irischer Dorfpolizist von Graham Norton zu lesen. Es hinterlässt ein gutes Gefühl und macht dem Leser das Leben dabei nicht allzu kompliziert. Zwei Dinge, die man in diesen Zeiten gut gebrauchen kann.

Ist Ein irischer Dorfpolizist ein Krimi? Irgendwie natürlich schon, eine Reihe von typischen Genre-Elementen ist enthalten: Der Polizist als titelgebende Figur, Leichen und ein ungelöstes Rätsel um ein mutmaßliches Verbrechen. Alles spielt Agatha-Christie-artig an einem eng umgrenzten Schauplatz, in diesem Fall einem abgelegenen irischen Dorf, was auch das Romanpersonal und den Kreis der Verdächtigen klein hält. Es gibt Ermittlungen und falsche Fährten. Und doch steht die Spannung, wie der Fall wohl geklärt wird, in diesem Roman nicht im Mittelpunkt. Er erzählt eher von verschiedenen miteinander verquickten Lebenstragödien auf dem Land, von Einsamkeit, Außenseitern, nicht gelebtem Leben – das alles aber sehr versöhnlich, leicht und mit einem gewissen Optimismus.

Warmer Blick auf Anti-Helden

Das Grundsympathische an diesem Buch ist die Wärme, mit der es seine Figuren betrachtet, die eigentlich allesamt Anti-Helden sind. Der ermittelnde Dorfpolizist etwa scheint schon rein körperlich wenig prädestiniert für die Verbrecherjagd zu sein: PJ Collins wird als stark übergewichtig beschrieben. Es ist auch nicht so, dass er dieses Defizit durch überbordende Intelligenz oder Listigkeit wettmachen würde. Es handelt sich einfach um einen Durchschnittstypen, der auf dem Land eine ruhige Kugel schiebt. Doch es sind gerade seine Unbeholfenheit, Komplexe und Unsicherheiten, wegen derer man ihn als Leser rasch ins Herz schließt – ohne dass er je zur Karikatur würde.

Aus der faden Routine reißt ihn die Tatsache, dass bei Bauarbeiten an einer alten Hofstelle etwas außerhalb des Dorfes eines Tages menschliche Überreste gefunden werden. Der Dorftratsch ist sich rasch einig, dass die Knochen nur Tommy Burke gehören können, der vor über 20 Jahren spurlos aus dem Dorf verschwunden ist – und zwar just an dem Tag, an dem sich vor dem Dorfladen zwei Frauen um ihn prügelten.

Der Fall bringt PJ in Kontakt zu eben jenen beiden Frauen. Ihre damalige Konkurrenz um Tommy scheint bei jeder von ihnen auf eigene Art bis heute nachzuwirken. Da ist zum einen Evelyn, die als junge Frau in Tommy verliebt war und deren Gefühle er offenbar erwiderte. Mittlerweile lebt sie als mittlere dreier allein stehender Schwestern auf dem Anwesen der früh verstorbenen Eltern. Und zum anderen Brid, die – physisch unattraktiv, aber mit einem reichen Erbe ausgestattet – damals alle Illusionen auf Tommys nur aus materieller Berechnung vorgetragenen Heiratsantrag richtete. Sie ist inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet und hat zwei Kinder. Im Gegensatz zu Evelyn ist es ihr scheinbar gelungen, über die damaligen Ereignisse hinwegzukommen und mit ihrem Leben vorwärts zu schreiten. Warum aber ist sie dann Alkoholikerin?

TV-Moderator legt Roman-Erstling vor

Graham Norton, zumindest dem Publikum im englischsprachigen Raum zuvor ausschließlich als TV-Moderator bekannt, präsentiert in seinem Roman-Erstling eine geschickt aufgebaute Geschichte um diese Protagonisten, die man mit Interesse verfolgt. Zu den unerwarteten, erzählerisch reizvollen Wendungen zählt es etwa, wie sich Evelyn und Brid mit einem Mal erneut in erotischer Rivalität wiederfinden, wobei das Objekt der gemeinsamen Begierde nun ausgerechnet der vermeintlich unattraktive Sergeant Collins ist.

Und noch manch anderes habe ich in der Handlung so nicht kommen sehen. Dass die Wahrheit nach und nach ans Licht kommt, ist allerdings keineswegs auf die geschickten Ermittlungen des Dorfpolizisten zurückzuführen, der Autor enthüllt sie einfach Stück für Stück. Zu Tage treten so letztlich drei Frauenschicksale, die – in Abstufungen – berühren und zum Nachdenken anregen.

Doch meine Beschreibung soll den Roman auch nicht mehr scheinen lassen, als er ist. Graham Norton führt den Leser bei aller Tragik nicht wirklich an die Abgründe der menschlichen Seele. Er wirft keine tief philosophischen oder gar gesellschaftspolitischen Fragen auf – auch wenn ein Handlungselement wohl durchaus mit katholischer Sexualstrenge und Geschlechterbildern zu tun hat. Und literarisch pflegt er zwar eine solide Kunst des Erzählens, entwickelt darüber hinaus aber keine weitergehende Ambition. Etwas zu leicht macht er es sich meines Erachtens vielleicht damit, dass ein allzu allwissender Erzähler abwechselnd so ziemlich jeder Figur in den Kopf schauen kann – außer, die Figur hat ein Wissen zu verbergen, das im Sinne des Aufrechterhaltens des Leserinteresses erst später offenbart werden soll.

Einfühlsam und menschenfreundlich

Stilistisch ragt an dem Text sein Humor heraus. Viele warm-ironische Formulierungen haben mich zum Lächeln und Lachen gebracht. Und einige – wenn auch eher küchenpsychologische – Lebensklugheiten und Beobachtungen sind schon sehr fein formuliert. „Es kam ihr so vor, als habe ihr emotionales Erdbeben nicht ein einziges Kräuseln der Wellen verursacht.“ (Seite 268) Ja, doch, das gefällt mir als Beschreibung dessen, wie gnadenlos die Welt über den einzelnen Menschen hinweggehen kann – und zeigt gleichzeitig in wenigen Worten viel Herz für die Unscheinbaren.

Für kunstvolle Raffinessen wie ein Spiel mit Perspektiven, für Doppeldeutigkeiten oder nachhallende Bilder tut sich allerdings kein Raum auf. Das kann man einem Roman aber nicht vorwerfen, der das gar nicht anstrebt und auch nicht so tut als ob.

Doch was sich Graham Norton vorgenommen hat, das schafft er, und das ist nicht nur legitim, sondern sehr lobenswert: ganz ruhig und unaufgeregt eine Geschichte zu erzählen, gut und leicht lesbar zu unterhalten und dabei den Blick auf Menschen zu richten, die gerade nicht dem Klischee des typischen Romanhelden entsprechen. Der Autor zeigt Einfühlsamkeit und Menschenfreundlichkeit und lässt am Ende Hoffnung aufscheinen.

Nur solche Bücher zu lesen, wäre mir auf Dauer zu wenig. Aber zwischendurch kann man mit Ein irischer Dorfpolizist bestens entspannen.

  • Graham Norton, Ein irischer Dorfpolizist, Aus dem Englischen von Karolina Fell, gebunden bei Kindler (antiquarisch erhältlich), als Taschenbuch bei Rowohlt, 336 Seiten, 12 Euro.
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