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Die „kleinen Dinge“, von denen Claire Keegan erzählt, sind in Wirklichkeit die großen Fragen des Lebens. Und genauso ist der kurze, stille Roman, in dem sie das tut, nur vom Umfang her klein. Tatsächlich handelt es sich bei Kleine Dinge wie diese in meinen Augen um ein ganz großes Werk.

Claire Keegans neuen Roman zu lesen, ist jederzeit gewinnbringend und berührend. Aber gerade als Lektüre zum Weihnachtfest dürfte er besondere Wirkung entfalten. Nicht nur weil die Handlung im Wesentlichen an den Tagen bis Heiligabend spielt, sondern auch, weil der Inhalt zum Kern dessen vorstößt, worum es an Weihnachten gehen sollte. Der Roman verhandelt Nächstenliebe und den Mut, den es erfordert, diese auch entgegen von Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungen zu leben. Von Liebe als Revolution könnte man sprechen – klänge das nicht viel zu kitschig. Das würde so ganz und gar nicht zum sehr zurückgenommenen Ton dieses Buches passen. Keegans Text hat so gar nichts Überhöhendes an sich, sondern findet das Heroische im Alltäglichen, im grauen Zweifeln, Schwanken und Nicht-anders-Können.

Christliche Werte versus katholische Kirche

Die gelebten christlichen Werte, die Kleine Dinge wie diese uns zeigt, stehen im Roman – wie es ja leider verschiedentlich zu beobachten ist – im Gegensatz zur Praxis der katholischen Kirche. Als zeitgeschichtliches Thema greift das Buch das Phänomen der sogenannten Magdalenen-Wäschereien in Irland auf. Junge unverheiratet schwanger gewordene Frauen, die von ihren Familien verstoßen worden waren, kamen in Klöstern unter – offiziell zum Zweck ihrer „Besserung“. Tatsächlich wurden sie zu Frondiensten in Wäschereien missbraucht. Es kam zu Misshandlungen, die Kinder nahm man ihnen weg und gab sie gegen den Willen der Mütter zur Adoption frei, oft nach Amerika. Erst 1996 wurde die letzte solche, von der katholischen Kirche mit Unterstützung des irischen Staates betriebene Einrichtung geschlossen.

Claire Keegan buchstabiert das Leiden in einer Magdalenen-Wäscherei in ihrem Buch aber nicht aus, sondern rückt es in einer literarisch großartig gemachten Umkehrung der Tragik des großen Ganzen und des scheinbar unspektakulär Alltäglichen in den Hintergrund ihrer Geschichte. Die Dimension der Grausamkeiten im Kloster lässt sie den Leser nur indirekt erahnen. Sie spiegelt sich in den mit wenigen Sätzen beschriebenen Körpern, Gesichtern und knappen Worten der jungen Frauen wider. Und doch ist mit diesen Andeutungen mehr gesagt als mit der detailliertesten Ausschmückung. Das ist Teil der großen Kunst dieser Autorin.

Zerbrechliche soziale Sicherheit

Manchmal sind Dinge aus der Nähe schlechter zu erkennen und es bedarf eines Blicks von außen, heißt es sinngemäß im Roman. Auch Keegan bedient sich in Bezug auf das unbarmherzige Treiben im Kloster der Perspektive eines Außenstehenden. Das ist in diesem Fall der Protagonist des Romans, der Kohlenhändler Bill Furlong. Er lebt in den 1980er-Jahren mit Frau und fünf Töchtern in einer irischen Kleinstadt, geht rechtschaffen seinem Geschäft nach und ist mit der kleinbürgerlichen Sicherheit, die er seiner Familie damit ermöglicht, zufrieden. Doch diese soziale Stabilität steht auf dünnem Eis. Überall ringsum ist zu beobachten, wie Existenzen zusammenbrechen, wie Menschen hungern, frieren, verzweifeln.

Lieferaufträge führen Bill Furlong immer wieder auch zum Kloster, das isoliert über der Stadt thront. In der Stadt gibt es allerlei Gerüchte, was hinter dessen Mauern passiert. Selbst dahinter schauen möchte aber niemand. Bill Furlong tut es mehr aus Zufall doch und bekommt durch zwei Begegnungen eine Ahnung von dem Leiden, das hier jungen Frauen widerfährt. Nein, eigentlich ist es mehr als eine Ahnung, es ist eine Gewissheit. Doch seine Frau Eileen macht ihm klar: „Wenn man im Leben vorankommen will, muss man einige Dinge ignorieren, damit man überhaupt weitermachen kann.“ Auch von anderer Seite wird Bill davor gewarnt, sich einzumischen. Zu viel Macht hat die Kirche, zu engmaschig ist die soziale Kontrolle in der Kleinstadt, von der der Roman en passant eine pointiertes Gesellschaftsportrait mitliefert.

Ein unerhörtes Ereignis an Heiligabend

Die Art, auf die Claire Keegan novellenartig von dem „unerhörten Ereignis“ an Heiligabend, und wie alles unterschwellig darauf zusteuert, erzählt, ist meisterhaft. Ihr reichen wenige Worte, scheinbar sachlich und knapp dahingeschriebene Sätze, um einen großen gedanklichen Reichtum zu entfalten. Sie reißt hinter einer vermeintlich unspektakulären Fassade eine Reihe von individuellen, innerfamiliären, aber auch gesellschaftlichen Konflikten auf. Wie viel Solidarität kann sich ein Mensch leisten? Muss man sie sich leisten können? Wo liegt die Verantwortung des Einzelnen? Machen „kleine Dinge wie diese“ einen Unterschied ?

Keegan setzt zu all dem beim Leser viele Gedanken in Gang – unaufdringlich und sprachlich hochpräzise. Jedes Wort von ihr möchte man aufsaugen. Jede einzelne Szene, so alltäglich sie auch wirkt, hallt nach. Beschreibt sie in wenigen Sätzen ein Zimmer, eine Landschaft, eine Sternennacht, fühlt man ganz dicht die Atmosphäre des Ortes und des Moments, ohne dass einem die Bilder mit Adjektiven und Metaphern aufgezwungen würden. Sitzt Bill Furlong einfach nur im Dunkeln in seinem Auto, weiß man mehr über sein Innenleben, als es jeder ausbuchstabierte innere Monolog vermitteln könnte. Ein kurzer Dialog zwischen Bill und seiner Frau reicht, und das Spannungsfeld zwischen ihrer lebenspraktischen Tüchtigkeit und seiner grübelnden Suche nach einem Mehr, einem Sinn im Leben steht klar vor dem Leser.

Die Gegensätzlichkeit der Eheleute kann allerdings nicht ihre liebevolle Zugewandtheit überschatten. Auch das zählt zu den großen Qualitäten dieses Romans: Er ist voller Menschlichkeit und Wärme und transportiert – besonders durch die Figur des Bill Furlong, der so gut ist, ohne gutmenschelnd zu sein, ein Grundgefühl der Zuversicht und Hoffnung. Eben passend zum Fest der Liebe.

  • Claire Keegan, Kleine Dinge wie diese, Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl, 112 Seiten, 18 Euro. Als E-Book: 10,99 Euro.
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Ein Kommentar zu “Claire Keegan, Kleine Dinge wie diese

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