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Gar nicht so einfach, so ein Buch zu finden: eine leicht lesbare, unterhaltsame und doch mit Tiefgang ausgestattete Liebes- und Familiengeschichte, und das auch noch von einem deutschsprachigen Autor. Benedict Wells‘ Vom Ende der Einsamkeit hat mich positiv überrascht. Gar nicht so einfach ist es aber auch, so ein Buch zu rezensieren. Denn eigentlich bietet sich dieser Roman weniger dazu an, was ich hier sonst so mache oder zumindest versuche.

Ein wenig erzähle ich in der Regel den Inhalt nach – obwohl das prinzipiell nicht den Kern, die Wesensart eines Buches ausmacht. Es muss in einem Roman eigentlich auch gar nichts oder nicht viel „passieren“, damit er mir gefällt. Hier ist das anders. Vom Ende der Einsamkeit ist ausgesprochen handlungsgetrieben. Man möchte von Anfang an immer wissen, wie es weitergeht – vor allem, ob und wie die beiden Protagonisten, der Ich-Erzähler Jules, und seine Jugendliebe Alva, noch zusammenkommen. Wells entspinnt einen klassischen love interest, der den Leser immer bei der Stange hält: zwei Königskinder, die nicht zusammenkommen, obwohl sie doch offenbar füreinander bestimmt sind. Vor allem aber ist über den Inhalt wohl zu sagen, dass der Roman die Geschichte dreier Geschwister von den 1980er- bis in die 2010er-Jahre erzählt, die im Kindes- beziehungsweise Teenageralter ihre Eltern durch einen Autounfall verlieren und auf je eigene Weise ihren Platz in der Welt suchen. Mehr sollte ich an dieser Stelle aber nicht erzählen, um nicht zu verderben, was die Freude am Lesen des Romans ausmacht: neugierig zu sein und bei immer neuen, oft unerwarteten Wendungen mitzufühlen.

So, und an dieser Stelle fange ich dann normalerweise an, zu analysieren und das Haar in der Suppe zu finden. Das könnte man bei Vom Ende der Einsamkeit sicher auch. Es ist bestimmt nicht frei von Klischees, vereinfacht manches, lässt kaum einmal einen Widerspruch stehen oder eine Frage offen. Es ist sehr klassisch erzählt, bietet in dieser Hinsicht keinerlei Innovation. Dieses Buch habe ich aber nicht auf diese Art gelesen. Sondern ich habe mich einfach mit gutem Gefühl dem Erzählstrom überlassen und mich durch die Seiten tragen lassen. Wells erzählt in einfacher, klarer Sprache, findet schöne Bilder, zeichnet Charaktere, die man alle verstehen und ins Herz schließen kann. Es ist handwerklich so gut und stimmig und auf emotionaler Ebene so ansprechend, dass man nicht auf die Idee kommt, Fehler zu suchen.

Ich kann nicht sagen, dass mich der Roman zu neuen, tiefen Erkenntnissen geführt oder unerwartete Einblicke eröffnet hat. Es ist vielmehr das Bekannte – ein vertrautes Milieu (München!), Gedanken, die sich wohl jeder mal so oder ähnlich gemacht hat, Figuren, die man auch selbst im seinem Umfeld der leicht gehobenen Gymnasiasten-Mittelklasse kennt -, das dazu führt, das man sich in diesem Buch heimisch fühlt. Es hat an vielen Stellen in mir ausgelöst, dass meine Gedanken zu meinen eigenen Erinnerungen an Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter und zu meiner Familie abgeschweift sind. Die Weihnachtsrituale, das Frotzeln unter Geschwistern, das Sich-Fremd-Werden und doch Vertraut-Bleiben – und die leise Melancholie, dass nichts bleibt, wie es ist.

Man kann nichts festhalten, die Zeit nimmt uns alles wieder weg, aber sie bringt auch Neues. Man muss lernen loszulassen, doch es bleiben die Erinnerungen. Das würde ich als Thema dieses Romans bezeichnen. Es mag keine allzu tief schürfende Botschaft sein, aber trivial und banal ist sie auch nicht, sondern sehr nachvollziehbar, lebensnah und menschlich, und das macht diesen Roman tröstlich.

  • Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 368 Seiten, 13 Euro.
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