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Wie jedes gute komische Buch ist auch dieses hier tief traurig. Barbara Pyms Quartett im Herbst besteht aus vier überaus verschrobenen Protagonisten, deren skurrile Eigenheiten mich beim Lesen häufig zum Lachen gebracht haben. Doch eigentlich ist das Buch doch eher zum Weinen. Denn die Autorin entwirft ein Panorama der Einsamkeit. Das tut sie in einer gekonnten Mischung aus einem scharf und gnadenlos beobachtenden Blick und fein durchblitzender Liebe zu ihren Figuren.

Vom wunderschönen, farbsatten Einband der deutschen Ausgabe sollte man sich nicht täuschen lassen: Der Roman verbreitet beim Lesen keineswegs heitere und warme Sommergefühle, sondern eher – zum Titel passend – den kühlen Hauch eines Herbstabends, an dem es früh dunkel wird. Obwohl Quartett im Herbst humorvoll geschrieben ist, ist es ein Buch, das nicht unbedingt gefällig ist, sondern ein wenig bitter und widerborstig. Ich könnte mir vorstellen, dass das der Grund ist, warum es seit seinem ersten Erscheinen 1977 bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Nun aber hat es der Dumont-Verlag in Angriff genommen, das Werk der einst erfolgreichen, zwischendurch aber als altmodisch in Verruf geratenen britischen Autorin (1913-1980) aus der Vergessenheit zu retten – und zwar nicht nur ihre größten Erfolge Vortreffliche Frauen oder In feiner Gesellschaft, sondern eben auch diesen letzten, eigenartigeren Roman von Barbara Pym. Und das ist gut so.

Eigenartig sind auch die vier Hauptfiguren, Marcia, Letty, Edward und Norman, die der gemeinsame Arbeitsplatz in einem Londoner Büro – niemand weiß so recht, mit welchen Aufgaben sie dort betraut sind, am Ende nicht einmal mehr ihr Arbeitgeber – zu einer Art Schicksalsgemeinschaft geformt hat. Man teilt den Alltag, das Teewasser, die Kaffeedose, was eine seltsame Art von Intimität herstellt, wie einer von ihnen einmal irritiert feststellt, und doch wahrt man Distanz. Ein Kontakt abseits der Schreibtische? Ziemlich undenkbar. Und so lebt nach Feierabend jeder sein eigenes einsames Leben.

Alle vier haben gemeinsam, dass sie sich dem Rentenalter nähern und alleinstehend sind. Seit seine Frau gestorben ist, geht Edward ungebremst seinem klerikalen Spleen nach: Er sucht täglich nach einer Kirche, in der ein schöner Gottesdienst stattfindet. Die spröde Marcia sammelt und sortiert in ihrem Häuschen obsessiv Konservendosen und Milchkannen. Nachdem ihr die Brust abgenommen wurde – eine „schwere Operation“, wie sie es immer dezent verschleiernd umschreibt – entwickelt sie eine Schwärmerei für den behandelnden Arzt Dr. Strong. Norman ist ein dauernörgelnder Schwarzseher, der sich bei einem Pflichtbesuch im Krankenhaus bei seinem Schwager – dem letzten verbliebenen Verwandten und sozialen Kontakt – sichtlich unwohl fühlt. Letty schließlich ist der Inbegriff einer reizenden Dame, die jedem zu gefallen wünscht – und einer „alten Jungfer“, wie man sie zu jener Zeit vermutlich sexistisch-abschätzig genannt hätte. Ihr Plan, in der Rente von ihrem Londoner Untermietverhältnis in ein mit einer alten Freundin geteiltes Haus auf dem Land umzuziehen, platzt wie eine Seifenblase.

Rein äußerlich ist es also kein allzu attraktives Figurentableau, das Barbara Pym den Lesern präsentiert. Sympathieträger und Identifikationsfiguren sind sie kaum. Doch genau das macht auch das Besondere und Menschliche des Romans aus: Pym widmet sich Menschen, die sonst leicht übersehen werden, die nie die Blicke auf sich ziehen, die eigentlich nichts Spannendes zu erzählen haben und über die, wenn sie aus dem (Erwerbs-)Leben scheiden, das Vergessen gnadenlos hinwegzugehen droht. Doch indem Barbara Pym gerade diese Menschen zu ihren Romanhelden macht, gibt sie ihnen ein Stück Würde zurück.

Schonung lässt Pym ihren Protagonisten freilich keineswegs angedeihen. Mit staubtrockenem englischen Humor und ironisch-gestelzter Sprache leuchtet sie sie in ihrer ganzen Spleenigkeit aus, und das ist an vielen Stellen höchst komisch und pointenreich. Sichtbar werden dabei aber nicht nur vier Charaktere im Spektrum von eigenbrötlerisch bis grotesk, die in einer großen Leere durch die vermeintliche Banalität des Lebens treiben, sondern auch stille Tragödien. Alle vier sind gefangen in einer abgrundtiefen Einsamkeit. Zwischen ihnen und den anderen Menschen stehen Barrieren, die sie nicht zu überwinden vermögen. Und als Letty und Marcia in Ruhestand gehen, bröckelt noch der letzte Rest des sozialen Gerüsts weg, den das Arbeitsleben geboten hat.

Barbara Pym zeichnet ein bei allem Humor doch im Grunde deprimierendes Bild einer Gesellschaft, der die Gemeinschaft verloren gegangen ist, die bis ins Äußerste individualisiert ist und in der das Individuum gerade deshalb seinen Wert zu verlieren droht. Quartett im Herbst spielt in den 1970er-Jahren, und manches davon wirkt heute anachronistisch – etwa dass die Figuren ohne Telefon und Fernseher leben. Nun, die seither rasant gewachsenen technischen Kommunikationsmöglichkeiten haben die Vereinzelung der Menschen ganz bestimmt nicht besser gemacht, im Gegenteil. Deswegen ist der äußerlich in manchen Aspekten vielleicht etwas angestaubt wirkende Roman auch weiter hochaktuell.

Liebenswert wird er freilich erst durch seine kleinen subtilen Momente, aus denen man doch so etwas wie Wärme und die innere Verbundenheit der vier Figuren herauslesen kann. Auch wenn sie es nicht zeigen können, sind sich Marcia, Letty, Edwin und Norman zugetan. Hätten sie nur einmal ausbrechen können aus ihrem Korsett von Steifheit und Konventionen, wer weiß, was aus diesem Quartett hätte werden können? Eine wunderbare, saukomische Alters-WG vielleicht. Davon bleiben sie weit entfernt. Trotzdem öffnet der Schluss des Romans noch einmal unerwartete Horizonte.

  • Barbara Pym, Quartett im Herbst, Aus dem Englischen von Sabine Roth, Dumont, 240 Seiten, 20 Euro.
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