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Kanada erschrak 2021 wohl in gewisser Weise vor sich selbst. In der Nähe mehrerer ehemaliger katholischer Internate wurden nicht gekennzeichnete Massengräber gefunden, darin die Überreste hunderter indigener Mädchen und Buben. Die Internate dienten einst dem Zweck, die Kinder unter Zwang der Kultur ihrer Familien zu entreißen und an die Lebensweise der weißen Bevölkerungsmehrheit anzupassen. Dabei wurden die Kinder offenbar häufig Opfer von Gewalt, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch. Die aktuellen Entdeckungen werfen ein grelles Licht auf die Tatsache, dass auch Kanada wohl noch etliche Kapitel finsterer Kolonialgeschichte aufzuarbeiten hat.

Einen literarischen Beitrag dazu leistet der Roman Taqawan des frankokanadischen, seit Jahren in Frankreich lebenden Journalisten Éric Plamondon. Ausgehend von realen Ereignissen in der Provinz Québec des Jahres 1981 entwickelt er eine ungewöhnliche Erzählkonstruktion, in der sich eine Vielzahl kurzer sachbuch- oder essayartiger Abschnitte mit den Kapiteln eines Thriller-Plots abwechseln. Letzterer allerdings gleitet gegen Ende für meinen Geschmack zu stark ins Effekthascherische und Platte ab. Vielleicht ein Köder, um das Publikum an das wichtige Anliegen und die interessanten Fakten des Romans heranzuführen? Ich hätte jedenfalls auch so angebissen.

Die dezent in diese Rezension eingeführte Angelmetaphorik kommt nicht von ungefähr, denn in Taqawan spielt die Lachsfischerei eine zentrale Rolle. Sie ist die traditionelle Lebensgrundlage der First-Nations-Volksgruppe der Mi’gmaq, die in einem Reservat auf der Halbinsel Gaspésie am Sankt-Lorenz-Strom lebt. Das Wort Taqawan bezeichnet in der Sprache der Mi’gmaq die Lachse, die erstmals zum Laichen in den Fluss ihrer Geburt zurückkehren. Ein eskalierender Konflikt um die Fischereirechte, die der Staat gegenüber den Indigenen mit einer brachialen Razzia durchzusetzen versucht, ist der historische Ausgangspunkt der fiktionalen Romanhandlung.

Das 15-jährige Mi’gmaq-Mädchen Océane wird zuerst Zeugin der Polizeigewalt an ihrer Gemeinschaft und ihrer Familie, später fällt sie selbst einem brutalen Übergriff zum Opfer: einer Gruppenvergewaltigung durch Polizisten. Sie bleibt in abgelegener freier Natur zurück, wo sie der Ranger Yves Leclerc findet. Er nimmt sie auf, will sie mit Hilfe des einsiedlerischen Indigenen William und der französischen Austauschlehrerin Caroline aufpäppeln – und muss sie bald vor erneuter Gewalt schützen beziehungsweise aus den Fängen eines Prostitutionsrings retten. Dies gelingt unter Feuerbällen und Tötung des ein oder anderen Widersachers, selbstredend in Notwehr.

Dieser „Action-Film“, der auch erst gegen Ende wirklich Fahrt aufnimmt, wirkte auf mich eher wie ein Fremdkörper in einem Roman, der eigentlich tiefsinniger begonnen hatte. Plamondon zeigt nämlich durchaus gelungen, wenn auch nicht immer subtil, die Mechanismen strukturellen Rassismus‘ auf, das Fortleben der Unterdrückung der First Nations und einige politische Hintergründe des Fischereistreits – auch die Québecer Unabhängigkeitsbestrebungen und Auflehnung gegen die englischsprachige Bundesebene spielen hier eine Rolle, während Belange des Arten- und Naturschutzes eindeutig vorgeschoben sind. Doch dann entgleitet dem Autor die Sache irgendwie, und er rutscht zunehmend in oberflächliche special effects und in Schwarz-Weiß-Malerei bei den Charakteren ab.   

Viel ansprechender sind da die Sequenzen, die – stilistisch sehr unterschiedlich – dem Leser eine Vielzahl von Einblicken gewähren, mal in die Kolonialgeschichte Kanadas, mal in die traditionelle und bedrohte Lebensweise der Mi’gmaq im Einklang mit der Natur, dann wieder in die globale Kulturgeschichte des Lachfischens oder in moderne kanadische Alltagskultur der 1980er-Jahre: Auch ein Fernsehauftritt der jungen Céline Dion ist ein Thema. Das alles bietet Plamondon in verträglichen Häppchen dar – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr mit erhobenem Zeigefinger, bisweilen auch schön poetisch, aber immer kurzweilig und aufschlussreich.

So hinterlässt Taqawan als Kunstwerk bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Aber eine originelle und den Horizont erweiternde Lektüre war der Roman für mich allemal.

  • Éric Plamondon, Taqawan, Aus dem Französischen von Anne Thomas, Lenos Verlag, 208 Seiten, 12,99 Euro (Kindle).

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