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Ist Karte und Gebiet Houellebecqs bester Roman? Oder eher ein Ausreißer nach unten? Die Kritikermeinungen gingen bei Veröffentlichung 2010 auseinander. Denis Scheck nahm Karte und Gebiet in seinen persönlichen Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur auf. Im Literaturclub im Schweizer Fernsehen hingegen mutmaßte Stefan Zweifel sinngemäß, Houellebecq habe hier absichtlich ein aufregungslos vor sich hin plätscherndes Werk geschrieben, kalkuliert langweilig genug, um den überfälligen Prix Goncourt zugesprochen zu bekommen.

Ich persönlich habe die Lektüre jedenfalls sehr genossen, und auch ohne Houellebecq-typische Skandalthemen und Sexismus-Provokationen den im Grunde melancholischen, fein ironischen und von der Welt enttäuschten Ton wiedergefunden, wie er sich auch in Unterwerfung hinter der Fassade des lauten Islamismus-Themas verbirgt.

Was natürlich stimmt, ist, dass Karte und Gebiet keinen so plakativen Aufhänger hat und auch keine pointiert nacherzählbare Handlung. Das stört in diesem Fall aber keineswegs.

Houellebecq hat vielmehr einen fast klassischen Künstlerroman geschrieben. Er schildert Leben und künstlerische Entwicklung von Jed Martin, der in Paris nach und nach zunächst zur renommierten Figur auf dem Kunstmarkt aufsteigt, später zur wahren Berühmtheit, deren Werke für astronomische Summen gehandelt werden. Und wenn ich hier von „Markt“ und „Summen“ spreche, dann hat das seinen Grund. Denn es geht für mich in diesem Roman zentral darum, wie die „Kunst“ – genau wie alles andere in unserer Gegenwart – zur Ware wird. Und das Leben besteht darin, diese Ware bestmöglich zu vermarkten. Der Preis ist eine Sinnentleerung und Verflachung der kompletten Lebenswelt.

Insofern passt das Schaffen Jed Martins perfekt in diese Moderne. Er beschäftigt sich mit der Oberfläche, mit der reinen Abbildung der Realität, nicht mit ihrer tieferen Wahrheit. Nachdem er mit der Fotografie von Gebrauchs- und Industrieobjekten begonnen hat, gelingt ihm der Durchbruch mit einer Werkserie, in der er Michelin-Straßenkarten auf raffinierte Weise abfotografiert und ihnen Satellitenaufnahmen der entsprechenden Landstriche gegenüberstellt.

Damit macht er das französische Sprichwort „La carte n’est pas le territoire“ konkret, also: „Die Landkarte ist nicht dasselbe wie das Gebiet“. Die abstrakte Vorstellung, die idealisierte Abbildung von etwas entspricht nicht den realen Bedingungen, wie man sie in der Lebenswirklichkeit vorfindet. Die käuflich erwerbbaren Landkarten sind oft einladender und attraktiver als das verschwommene Graubraun der Landschaften, wie man sie aus der Luft sieht. Aber sie entbehren doch einer inneren Wahrheit und Tiefe, sind letztlich nur Ideen und Vereinfachungen.

Später kehrt Jed Martin zur Malerei zurück und macht Furore mit hyperrealistischen Darstellungen berühmter Persönlichkeiten, etwa von Wirtschaftslenkern wie Ferdinand Piëch, Bill Gates und Steve Jobs bis hin zum Großgemälde „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“, das Martin jedoch in einem Anfall von Frustration und Einsicht in die Vergeblichkeit des Wahrheitsstrebens in der Kunst zerstört.

Ein reizvoller literarischer Clou des Romans ist dann die Einführung der Figur eines Schriftstellers Michel Houellebecq – womit der Autor noch einmal auf einer weiteren Ebene mit dem Spannungsfeld zwischen künstlerischer Abbildung und Lebenswirklichkeit spielt. Jed Martin bittet den Bestsellerautor um ein Grußwort zu einem Ausstellungskatalog, besucht ihn in diesem Zusammenhang auf seinem Landsitz in Irland, portraitiert ihn zum Dank.

Nach etwa drei Viertel des Romans schwenkt die Handlung recht abrupt, die Perspektive wechselt auf den Kommissar Jasselin. Ihm obliegen die Ermittlungen im Fall der bestialischen Ermordung des Schriftstellers Michel Houellebecq, der in seinem französischen Landhaus, in das er mittlerweile umgezogen war, mitsamt seinem Hund getötet und in kleinste Einzelteile zerlegt worden ist.

Ich sehe diesen Krimiplot als erneute Variation des Themas der Kommerzialisierung und Konsumausrichtung. Der Autor Houellebecq benutzt hier genretypische Motive der Splatter-Thriller, die sich ach so gut verkaufen. Je abgedrehter und skurriler die dort geschilderten Serienmorde sind, desto höher klettert das Ganze auf den Bestsellerlisten. Da hat Houellebecq noch einem draufzusetzen und imitiert diese Art von „literarischen“ Spannungsmomenten.

Wobei sich die Lösung des Falls letztlich als ausgesprochen banal erweist. Der Mord hatte keinen tieferen Sinn, sondern folgte rein materialistischen Motiven. Aufgeklärt wird er nicht durch die Genialität der Ermittler, sondern nach Jahren durch Zufall. Die platte, oberflächliche Realität hat einmal mehr die Oberhand behalten – eine weitere Enttäuschung, eine weitere Kluft zwischen „Karte“ und „Gebiet“.

All das spielt sich ab in einem Frankreich, das immer mehr zur reinen Oberfläche mutiert. Diejenige, die Jeds Weg zum Erfolg bahnt, ist die richtige PR-Managerin. Die romantische Beziehung zur schönen Kommunikationsexpertin Olga fällt praktischen Hindernissen – ihrer Rückkehr nach Russland – zum Opfer. Stattdessen vermarktet sie französische Romantikhotels. Dörfer auf dem Land verkommen zur Kulisse für Touristen. Die Beschreibung der Welt erschöpft sich sprachlich immer wieder in kursiv gesetzten Gemeinplätzen und Hohlphrasen.

Selbst der Tod wird am Ende zur Ware, deren Bestellung bürokratisch und ausgesprochen intranszendent abgewickelt wird. Jeds Vater beschließt, die Dienste eines Anbieters von Sterbehilfe in Zürich in Anspruch zu nehmen, wo sein Ableben effizient und professionell organisiert wird. Als Jed dorthin reist, in der vagen, aber hoffnungslosen Absicht, herauszufinden, was mit seinem Vater passiert ist, lässt er sich per Taxi zur Adresse der Organisation bringen. Da er nur den Straßennamen genannt hat, wird er irrtümlich vor einem benachbarten Bordell abgesetzt, einer weiteren Stätte käuflicher Vortäuschungen. Die Gegenüberstellung beider Adressen mündet in eine von Houllebecqs so komischen wie tieftraurigen Pointen:

Der Verein Dignitas brüstete sich damit, in Stoßzeiten die Nachfrage von hundert Kunden pro Tag zu befriedigen. Er war durchaus nicht sicher, ob die FKK-Relax-Oase Babylon vergleichbare Besucherzahlen geltend machen konnte, obwohl die Öffnungszeiten länger waren – Dignitas war im Wesentlichen zu den Bürozeiten geöffnet und mittwochs bis 21 Uhr – und man beträchtliche Anstrengungen unternommen hatte, die zwar von zweifelhaftem Geschmack, aber unzweifelhaft sehr aufwendig war.

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Jed schlägt die Dignitas-Angestellte, die ihm vor Ort genervt erläutert, dass die Prozedur bei seinem Vater ganz normal abgelaufen sei, nieder.

Am Ende des Romans steht Jed Martins jahrzehntelange völlige Abschottung von der Außenwelt hinter hohen Mauern, die er um sein Anwesen zieht. In seiner späten Schaffensperiode inszeniert er nun mit fotografischen Überblendungen die Überwucherung aller menschlichen industriellen und kulturellen Produkte durch die Natur – vielleicht ein Sinnbild für eine letzte Chance auf eine Rückkehr zu einer Art von Authentizität, während die Welt umher immer glatter und polierter erscheint. Zugleich ist dieser Schluss der Ausdruck einer tiefen Desillusionierung.

Doch um desillusioniert zu sein, muss man vorher Illusionen gehabt haben, und das macht für mich den berührenden, romantischen Kern hinter Houellebeqcs vermeintlich kühler, sarkastischer, im Fall von Karte und Gebiet gleichzeitig unaufgeregter und gut konsumierbarer Oberfläche aus.

  • Michel Houellebecq, Karte und Gebiet, Aus dem Französischen von Uli Wittmann, DuMont, 416 Seiten, 12 Euro.

2 Kommentare zu “Michel Houellebecq, Karte und Gebiet

  1. Definitiv der beste, wer sieht das anders? Houellebecq hat ja eigentlich immer nur wieder den gleichen Roman verfasst, mit verschiedenen Fluchtpunkten, die zugleich auch bedrohlich wirken. Transhumanismus, Landflucht, „Islamisierung“. Und Karte und Gebiet ist mit Sicherheit von all denen der rundeste, der am wenigsten Thesenhafte, usw.

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    • Nun ja, zum Beispiel Iris Radisch äußerte sich damals doch eher zurückhaltend. Aber vielleicht hat sich nun, zehn Jahre später, doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass es ein Roman von bleibendem Wert ist. Ich fand ihn jedenfalls sehr gut.

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