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Meine Versöhnung mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur macht in jüngster Zeit große Fortschritte. Oder sagen wir so: Ich baue mit beträchtlicher Lesefreude meine bis dato bestehenden Vorurteile ab. Wobei durchaus bemerkenswert ist, dass mir dabei gerade Autoren helfen, die auf Deutsch schreiben, ohne dass Deutsch ihre Muttersprache ist.

Mit unerwartetem Vergnügen habe ich jedenfalls zuletzt Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters von Dmitrij Kapitelman gelesen. Das Buch verhandelt eine Migrationserfahrung, eine jüdische Identitätssuche und den Nahostkonflikt – und hat mich trotz der wichtigen und ernsten Themen immer wieder zum Lachen gebracht.

In Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters erzählt der 1986 in Kiew geborene Autor autobiografisch von einer Reise nach Israel, die er mit seinem Vater unternimmt. Die Familie ist in den 1990er-Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, wurde hier als „jüdische Kontingentflüchtlinge“ aufgenommen. Kapitelman kontrastiert die erschreckenden Berichte von neonazistischen Nachstellungen, denen die Familie in Ostdeutschland ausgesetzt ist, mit selbstironischen Schilderungen des Zurechtfindens in der neuen Heimat. Ein Teil davon sind etwa die wöchentlichen Fußmärsche von der Flüchtlingsunterkunft ins „Kaufland“ als Vater-Sohn-Ritual.

Doch auch wenn sich die Familie wirtschaftlich etabliert – mit einem Russische-Spezialitäten-Geschäft in Leipzig -, beobachtet der Sohn doch, wie dem Vater in Deutschland etwas von der alten Unbeschwertheit, Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit abhanden gekommen ist. Er wirkt irgendwie „unsichtbar“.

Der mittlerweile erwachsene Sohn regt eine Fahrt nach Israel an. Wird der Vater dort als Jude mehr in seinem Element, mehr er selbst sein können, sein verloren gegangenes Lächeln wiederfinden? Wird der Sohn dort zu einer Identität als Jude gelangen, die ihm in Deutschland eigentlich wenig bedeutet, ihn allenfalls von außen definiert? Nicht zuletzt ist es eine Reise zu einem großen „Was wäre, wenn…?“ Die Familie hätte seinerzeit schließlich auch entscheiden können, nach Israel statt nach Deutschland auszuwandern.

Die Erlebnisse und Begegnungen auf der Reise schildert Kapitelman mit viel Humor, Empathie und Direktheit. Er spielt gekonnt mit Klischees, sieht die komische Seite, aber auch den Reiz des Sich-selbst-Infragestellens und -Wiedererkennens im Aufeinandertreffen der Kulturen. Gerade der Blick auf den Vater, der zwischen Zaudern, Ängstlichkeit, falschen Illusionen und irrationaler Begeisterung schwankt, ist zwar oft ironisch, aber immer respekt- und liebevoll.

Dmitrij selbst muss sich ebenfalls widersprüchlichen Eindrücken und Empfindungen stellen, an denen er den Leser nachvollziehbar und mit Witz teilhaben lässt. Da ist einerseits die Tatsache, dass ihm die sofortige Einbürgerung in Israel und damit eine in Deutschland kaum zu erlangende Zugehörigkeit in Aussicht gestellt wird. Andererseits wird er nach jüdischem Gesetz nicht als Jude anerkannt, weil seine Mutter keine Jüdin ist. Was soll er damit anfangen, wenn ihm sein Vater sagt, Dmitrij sei von seiner Art her „jüdisch“, ohne zu artikulieren, was das eigentlich bedeuten soll, und ihm doch in Israel so vieles fremd bleibt?

Nach außen hin schreibt Kapitelman flapsig, sehr kurzweilig und unterhaltsam. Dahinter stecken aber viel Lebensklugheit und Menschlichkeit.

Unvermeidlich ist es, dass sich Kapitelman mit der Schilderung einer Israel-Reise auch auf politisch glattes Parkett begibt. Er schlittert elegant darüber, indem er den Nahost-Konflikt eben nicht ideologisch diskutiert, sondern ihn unverkrampft und unvoreingenommen aus menschlicher Perspektive betrachtet. Das wirkt keineswegs oberflächlich, sondern als wahrscheinlich einzig zielführende Herangehensweise.

Dmitrij reist in die Palästinenser-Gebiete – ohne den Vater, dem eine solche Tour zu riskant erscheint. Der Sohn versucht, sich den Vorurteilen des Vaters mit entgegenzustemmen, kommt aber mit rationalen Argumenten nicht dagegen an. Es mag sogar irritieren, spricht aber für mich letztlich von seinem ganzheitlichen, warmherzigen Blick auf sein Gegenüber, dass er die antiarabischen Ressentiments des Vaters schließlich nicht akzeptieren, aber doch als Teil eines geliebten Menschen gewähren lässt.

Und entwaffnend ehrlich ist es, wenn Dmitrij sich in Ramallah oder Nablus der eigenen Fremdenangst gegenüber der palästinensischen Bevölkerung stellen muss. Es ist menschlich verständlich, wenn ihn beim Anblick von „Märtyrer“ verherrlichenden Plakaten an Hauswänden ein mulmiges Gefühl überkommt, und er nicht wagt, sich als Jude zu outen.

Doch Kapitelman ist in der Lage, diese Gefühle zu reflektieren – und bei der offenen Begegnung mit jungen Palästinensern, mit denen er sich anfreundet, keine Bedeutung einzuräumen. Oder fast keine, denn auch ihnen gegenüber traut er sich nicht, seine jüdische Herkunft anzusprechen.

Auf individueller Ebene spiegelt Kapitelman damit unverstellt und ohne belehrend zu wirken, wider, was der Nahost-Konflikt doch letztlich ist: ein großes Dilemma, in dem man sich nicht so einfach auf eine Seite schlagen kann – und in dem es auch helfen würde, sich mit offenem Geist und Herzen zu begegnen.

  • Dmitrij Kapitelman, Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, Hanser Berlin, 288 Seiten, 20 Euro. Auch erhältlich als Taschenbuch: dtv, 10,90 Euro.

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