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Ich mag keine Menschen. Na ja, zumindest haben mich diverse Facebook- und andere Internet-Kommentare sowie auch die ein oder andere Begegnung in der analogen Welt zuletzt wiederholt fast bis zu dieser Einstellung gebracht. Da ist ein Buch wohltuend, dessen Autor einem bei der Lektüre so rundum sympathisch wird wie Saša Stanišić in Herkunft. Auch im Hinblick auf meine Beziehung zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur habe ich dieses Werk als Lichtblick empfunden.

Der Deutsche Buchpreis 2019 für Herkunft war für mich zunächst einmal kein Kriterium, um mich für das Buch zu interessieren oder von seiner Qualität zu überzeugen. Aber man will sich ja auch nicht völlig von den literarischen Entwicklungen und Tendenzen im eigenen Land abkapseln, und statt nur noch Amerikaner (und Spanier, Franzosen, Australier…) zu lesen, kann man es als Kompromiss ja mal zumindest mit einem deutschsprachigen Autor versuchen, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist. In diesem Fall hat es sich gelohnt. Es mit einem Preis zu bedenken, ist würdig und recht.

Tatsächlich gilt es, diesen Text unter verschiedenen Gesichtspunkten zu würdigen. Dies ist ein Buch über Deutschland. Und zwar ein Deutschland, in dem es mittlerweile völlig selbstverständlich ist, dass seine Bürger ganz unterschiedliche Geschichten aus ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt mitbringen. Wir oder unsere Eltern sind geboren in der Türkei, in Rumänien, im Iran, in Kamerun, und alle miteinander sind wir deutsch, und gleichzeitig haben uns verschiedene familiäre, gesellschaftliche und historische Einflüsse geprägt. Für diese Gegenwartsbeschreibung steht auch der Autor selbst, und so ist es nur stimmig, dass er das Thema anhand seiner eigenen Biografie darstellt.

Von unsichtbaren Barrieren

Geboren und aufgewachsen in Višegrad im heutigen Bosnien und Herzegowina floh er im Alter von 14 Jahren mit seiner muslimischen Mutter vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland. Die Familie mit dem nachgekommenen Vater landete in Heidelberg. Während die Eltern Deutschland 1998 wieder verlassen mussten, studierte Saša Stanišić in Heidelberg und später am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und avancierte zum erfolgreichen Schriftsteller.

In Herkunft stehen nun zwei autobiografische Themen im Mittelpunkt. Zum einen sind es die Jugenderinnerungen im Spannungsfeld eines Ankommens, eines Anschluss-Findens und Zurückgewiesen-Werdens in Deutschland, repräsentiert durch die emblematisch „deutsche“ romantische Stadt Heidelberg, in der jedoch gänzlich unpittoreske Außenbezirke zum ersten Ankerpunkt für die Geflüchteten werden.

Stanišić erzählt das subtil und differenziert. Er berichtet von Förderern wie dem Deutschlehrer, der sein literarisches Talent erkennt, aber auch von der Erniedrigung seiner Eltern, zweier Intellektueller, die sich mit Jobs auf dem Bau und in einer Wäscherei durchschlagen müssen. Von abweisenden wie auch von wohlwollenden Bürokraten in der Ausländerbehörde. Davon, dass ihm so etwas wie Integration zuerst mit anderen Jugendlichen ausländischer Herkunft gelingt, mit denen er an der Aral-Tankstelle abhängt. Statt mit der Anprangerung offensichtlicher böswilliger Diskriminierung berührt Stanišić mit der Schilderung mancher unsichtbaren Barriere, die ihn von anderen trennt. Nicht jede davon hat allein mit der Nationalität zu tun, es geht dabei auch um das soziale Gefälle.

Zwischen Loriot und Folklore

Insgesamt aber führt uns Saša Stanišić nicht plakativ eine „Integrationsgeschichte“ vor Augen, sondern eine alles in allem positiv besetzte Jugendnostalgie, in der letztlich wohl jeder Aspekte findet, mit denen er sich identifizieren kann. Es erzählt einer von uns. Auch sprachlich. Dass ein Nicht-Muttersprachler hier in völliger Sicherheit alle Register der deutschen Sprache zieht, sollte auf diesem Niveau eigentlich nicht erwähnt werden. Wohl aber, dass er an manchen Stellen einen speziellen Duktus reproduziert, der in einer loriotartigen, halb-parodistischen bürokratischen Gestelztheit über das rein Grammatikalische hinaus „deutsch“ ist, und dabei bisweilen in raffinierten Kontrast zu einem folkloristisch-balkanischen Inhalt tritt.

Meine Großmutter besaß ein Nudelholz, mit dem sie mir stets Prügel androhte. Es kam nicht dazu, ich habe aber bis heute ein reserviertes Verhältnis zu Nudelhölzern und indirekt auch zu Teigwaren.

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Das zweite autobiografische Thema in Herkunft ist eine warmherzige Hommage an Sašas in der Demenz versinkende Großmutter Katrina in Višegrad – und damit die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft, all dem, was aus vorigen Generationen zur Bildung der eigenen Persönlichkeit beigetragen haben mag, was jedoch – ähnlich den Erinnerungen der Oma – in einem Nebel zu verschwinden droht.

Stanišić erzählt – nun mit teils surrealem Einschlag – von Besuchen in Oskoruša, dem mittlerweile weitgehend verlassenen Bergdorf seiner Vorfahren. Auf einem beträchtlichen Teil der Grabsteine des örtlichen Friedhofs steht der in Deutschland mit Häkchen und Apostroph so exotisch wirkende Name Stanišić. Obwohl er hier fremd ist, wird der Erzähler als Hiesiger vereinnahmt und findet Anknüpfungspunkte. Diesen Teil habe ich als poetischen Beitrag zur Reflexion gelesen: Was macht mich aus? Was prägt mich? Und was davon ist greifbar, was vielleicht nur konstruiert?

Ein Land, das es nicht mehr gibt

Bei all dem ist Herkunft ein wichtiges politisches Buch. Denn es erzählt auch die Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt, des multiethnischen Jugoslawien nämlich. Die Verführungen eines chauvinistischen Nationalmus können jederzeit und überall von der vermeintlichen Normalität in eine zuvor unvorstellbare Zerstörung führen. Das schwingt im Hintergrund von Herkunft immer mit. Und es mangelt auch nicht an Verweisen auf die aktuelle Flüchtlingspolitik. Wenn Stanišić den Bogen zu xenophoben Ressentiments im heutigen Deutschland spannt, tut er das nicht im Duktus einer politischen Korrektheit, sondern mit der Autorität der eigenen Biografie.

Thematische Relevanz und inhaltliche Stärke schön und gut – doch was an Herkunft wohl noch markanter ist, das ist der Stil. Ganz am Anfang verspürte ich noch eine gewisse Abwehrhaltung, kam mir doch vieles zu gewollt vor, klang für mich nach Lehrstunde aus dem Literaturinstitut. Doch mit der Zeit hat Stanišić meinen Widerstand gebrochen. Denn sein sprachliches Spiel zwischen deutscher Trockenheit und überbordendem balkanischem Erzählen – oder den Klischees davon -, mit Darstellungsformen vom WhatsApp-Gruppenchat bis zum metaphorisch aufgeladenen Mythos, ergibt dann doch fast immer Sinn. Stanišićs Erzählen wirkt authentisch. Das Innovative daran scheint nicht aus Kalkül entstanden, sondern aus Lust am Spiel, es schließt den Leser nicht aus, sondern lässt ihn oft lächeln.

Epilog als Rollenspiel

Der Höhepunkt ist in dieser Hinsicht der Epilog unter dem Titel „Der Drachenhort“, der in Form eines interaktiven Fantasy-Rollenspiels verfasst ist: Der Leser wird in die Rolle des Helden versetzt, der am Ende jeden Abschnitts eine Entscheidung treffen kann und je nachdem auf einer anderen Seite des Buchs weiterlesen soll. O, ich habe als Jugendlicher solche Choose your own adventure-Bücher genauso geliebt wie Saša Stanišić offenbar auch und war entzückt von dieser Überführung einer populärkulturellen Technik in die „ernsthafte Literatur“.

Davon abgesehen, dass dieser Epilog auf hoch poetische Art in die Offenheit eines multiplen Endes führt – das paradoxerweise jedoch stets den Tod der Großmutter umschreibt: In jemandem, der gern Das Schwarze Auge gespielt hat, habe ich das Gefühl, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, unabhängig vom Geburtsort.

  • Saša Stanišić, Herkunft, Luchterhand Literaturverlag, 368 Seiten, 22 Euro (erhältlich auch als Taschenbuch, btb Verlag, 12 Euro).

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