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„Nicht möglich“: Das habe ich mittlerweile allzu oft gedacht, um dann eines Schlimmeren belehrt zu werden. Dass die Briten auf der Grundlage einer lügnerischen und fremdenfeindlichen Kampagne für den Brexit stimmen – „nicht möglich“. Dass ein rechtspopulistischer Clown Präsident der Vereinigten Staaten wird – „nicht möglich“. Dass Menschen, die ich kenne, AfD wählen und neben Reichsfahnenträgern auf Corona-Demos mitmarschieren – „nicht möglich“.

Tja, all das ist eben doch möglich und auch passiert, und ich falle dann aus allen Wolken. Damit der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen nicht jedes Mal wieder so hart ist, hätte ich vielleicht früher auf Sinclair Lewis hören sollen. Seine eindringliche Warnung, sich nicht in der falschen Sicherheit eines beschwichtigenden „Das ist bei uns nicht möglich“ zu wiegen, macht er im gleichnamigen Roman überaus plastisch.

Dass Sinclair Lewis‘ Roman aus dem Jahr 1935 immer wieder mal eine Renaissance erlebt, hat in der Regel unerfreuliche Gründe – nämlich dass speziell in den USA wieder einmal etwas passiert, das der vermeintlichen Sicherheit, es handle sich um einen unkaputtbare liberale Demokratie, den Boden unter den Füßen wegzieht. Das war zuletzt 2016 die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Tatsächlich wirkte da plötzlich wieder vieles, was Lewis Jahrzehnte zuvor als düstere Zukunftsvision an die Wand gemalt hatte, auf unheimliche Art prophetisch.

Er beschreibt den politischen Aufstieg eines schamlosen Lügners und Populisten, der gänzlich ohne Wissen und Fakten auskommt, dafür aber ein paar leere Versprechungen auftischt. Im Roman heißt dieser Agitator Buzz Windrip. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie man an etlichen Stellen diesen Namen recht nahtlos gegen „Donald Trump“ austauschen könnte – und schon befindet man sich fast in einer Beschreibung des Hier und Heute.

Der zeitlose Populist bedient antisemitische und rassistische Klischees, inszeniert sich als Gegenentwurf zu einem ominösen „Establishment“, streichelt die Seelen einiger alter weißer Männer, die Angst haben, dass die Moderne ihnen ihre Privilegien wegnehmen könnte, und ködert die Massen mit der unrealistischen Ankündigung, jeder bekomme 5000 Dollar von der Regierung geschenkt. Hinter Worthülsen wie dem Bestreben, aus Amerika wieder eine große Nation machen zu wollen, bleibt Windrips politische Agenda aber doch recht nebulös. Am greifbarsten ist da noch das reaktionäre Frauenbild.

Und während die halbwegs Vernünftigen ihn noch belächeln und darauf vertrauen, der durch und durch solide, aber langweilige Gegenkandidat Walter Trowbridge werde schon das Rennen machen, wittern einige zu kurz Gekommene ihre Chance, die Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen. Windrip wird gewählt. Und so wie für Donald Trump in der Anfangszeit der Chefideologe Steve Bannon zieht auch bei Sinclair Lewis‘ intellektuell minder bemitteltem Roman-Präsidenten ein unheimlicher Hintergrundstratege die Fäden – hier heißt er Lee Sarason.

Bis hierher wirkt Das ist bei uns nicht möglich tatsächlich wie eine vorweggenommene Satire auf die Ära Trump. Doch es wird bald deutlich, was Sinclair Lewis hier tatsächlich prototypisch beschreibt – nämlich etwas, das im Jahr 1935 in mehreren Staaten, allen voran Deutschland, schon zu beobachten war: die rasche Vernichtung der Demokratie und die Errichtung einer totalitären Gewaltherrschaft.

Präsident Buzz Windrip fackelt nicht lange, schaltet den Klerus, der ihm erst zur Macht verholfen hatte, aus, hebt die Gewaltenteilung auf, schaltet die Medien gleich, lässt politische Gegner verhaften und töten. Mit den „Minuten-Männern“ etabliert eine schlagkräftige Miliz die Gewaltherrschaft und den Überwachungsstaat, Konzentrationslager werden eingerichtet. Machtmissbrauch, Opportunismus, Verrohung und Korruption schießen als typische Begleiterscheinungen des totalitären Staats ins Kraut – und die Oppositionellen zerfleischen sich lieber gegenseitig, als ein schlagkräftiges Bündnis zu bilden. Sobald das Machtsytem aber doch innerlich zu erodieren beginnt, bricht das Regime rasch einen Krieg gegen Mexiko vom Zaun.

Hier grüßt nun tatsächlich weniger Donald Trump als Sinclair Lewis‘ Zeitgenossen Mussolini und Hitler. Doch auch wenn es übertrieben wäre, Trump die Errichtung einer faschistischen Diktatur zu unterstellen, so kann einem doch auch bei der Beobachtung seines Treibens angst und bange um die Demokratie werden. Hochaktuell ist Sinclair Lewis‘ Mahnung, wie fragil unser liberales politisches System ist, allemal. Schnell kann es damit vorbei sein, wenn wir nicht alle sensibel und wachsam auf antidemokratische und autoritäre Tendenzen reagieren.

Die Schlüsselstelle, die in Das ist bei uns nicht möglich am meisten unter die Haut geht, ist eine Reflexion der rundum liebenswerten Hauptfigur Doremus Jessup, eines Journalisten aus Vermont, der zum verfolgten Widerstandskämpfer wird:

Die Tyrannei dieser Diktatur ist nicht so sehr das Werk des Großkapitals oder der Demagogen, die ihr schmutziges Geschäft betreiben, sondern sie ist das Werk des Doremus Jessup! All der gewissenhaften, ehrbaren, nachsichtigen Doremus Jessups, die den Demagogen das Tor geöffnet haben, weil sie sich nicht heftig genug widersetzten.

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Heute, im September 2020, weiß ich: Eine Wiederwahl von Donald Trump in zwei Monaten ist alles andere als unmöglich. Ein wenig Hoffnung bleibt aber doch, dass sich zumindest der unmittelbare aktuelle USA-Bezug von Sinclair Lewis‘ Roman schon bald erledigt haben könnte. Genauso kann es natürlich sein, dass die Präsidentschaftswahl 2020 tatsächlich der Auftakt für äußerst unruhige Zeiten in den Vereinigten Staaten und ein Rückschlag für die Demokratie weltweit wird – anders, als es sich Sinclair Lewis vorgestellt hatte, aber ebenfalls auf bedrohliche Art. Gründe, Das ist bei uns nicht möglich zu lesen, wird es in jedem Fall weiter geben. Überall auf der Welt und auch „bei uns“. Leider.

  • Sinclair Lewis, Das ist bei uns nicht möglich, Aus dem Amerikanischen von Hans Meisel, Mit einem Nachwort von Jan Brandt, Aufbau Taschenbuch, 442 Seiten, 14 Euro.

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