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Mit „Der letzte Pharao“ (Der Spiegel) oder „Pharao im Führerbunker“ (Süddeutsche Zeitung) waren vor wenigen Tagen in deutschen Medien die Nachrufe auf Hosni Mubarak überschrieben, der am 25. Februar 2020 das Zeitliche segnete. Der Vergleich des ehemaligen ägyptischen Präsidenten mit einem altägyptischen Herrscher zeigt einmal mehr, welch ungeahnte Aktualität einem Roman innewohnt, den man auf den ersten Blick auch als ollen Historienschmöker abtun könnte: Cheops, das 1939 veröffentlichte Erstlingswerk des späteren Nobelpreisträgers Nagib Machfus, mag zunächst als etwas altmodischer, harmloser Ausflug in die Welt der Pharaonen erscheinen. Doch hinter der märchenhaften Fassade verbirgt sich doch das vielschichtige Werk eines Autors, der zumindest auf dem Weg zu einem Meister ist.  

Machfus erzählt hier eine Abenteuergeschichte, die – nicht von ungefähr – an antike Mythen und Epen oder auch biblische Überlieferungen erinnert. Die Handlung spielt vor etwa 4500 Jahren zur Zeit des Baus der Cheops-Pyramide und thematisiert die unausweichliche Macht eines vorherbestimmten Schicksals.

Der Zauberer Dedi macht gegenüber dem Pharao Cheops eine weitreichende Prophezeiung: Ein Kind, das an just jenem Tag zur Welt komme, werde eines Tages seine Nachfolge als Herrscher über Ägypten antreten – mithin also weder Kronprinz Rachuf noch ein anderer Sohn des Pharaos. Cheops und sein Gefolge machen sich auf in die Stadt Un, wo das Kind geboren werden soll. Sie wollen den Lauf des Schicksals umbiegen und den Säugling töten. Doch dem Vater des von den Göttern Auserkorenen, dem Priester Mun-Ra, gelingt es, das Baby mitsamt der Mutter, Rada Didit, sowie der Dienerin Zaja auf einem Getreidewagen aus der Stadt zu schmuggeln…

In Cheops geht es um die Macht des Schicksals

Vielerlei unvorhergesehene Wendungen später ist der kleine Dadaf quasi im Schatten der Pyramide unerkannt zu einem herausragenden jungen Soldaten herangewachsen. Und obwohl er selbst nichts von seiner Bestimmung weiß und auch keineswegs nach der Macht eines Pharaos strebt, schreitet die Erfüllung der Prophezeiung unaufhaltsam voran.

Ist dieser Roman nun ein Werk, das schon auf die Meisterschaft des späteren Nobelpreisträgers von 1988 verweist? Oder ist es das literarische Pendant zu pseudohistorischen, kitschigen Monumentalfilmen der 1950er-Jahre, wie sie im Kino einmal modern waren – so wie etwa Howard Hawks‘ Land der Pharaonen mit Joan Collins? Weder noch, und von beidem ein bisschen, würde ich sagen.

Die Cheops-Pyramide in Gizeh. Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Mit den Monumentalfilmen gemeinsam hat Machfus‘ Jugendwerk wohl, dass es zugunsten eines unterhaltsamen, leicht nachvollziehbaren Plots mit den geschichtlichen Details – nun ja – recht großzügig umgeht. Aus dem Nachwort des englischen Übersetzers Raymond Stock etwa erfahren wir, dass die Pferde, auf denen Cheops und seine Mannen in einem großen Staubwirbel gen Un reiten, in Ägypten erst rund tausend Jahre später als Reittiere verwendet wurden. Und auch bei der Erwähnung einer preiswerten Pension in Memphis oder eines schnuckeligen Künstlerateliers, das Dadafs Bruder eröffnet, gerät man ins Stutzen. Ob’s das damals in dieser Form tatsächlich gab, ist zweifelhaft.

Machfus erweckt Hieroglyphen zum Leben

Wie authentisch sonst Machfus‘ Schilderungen des Lebens im alten Ägypten sind, ist schwer zu sagen. Doch insgesamt entwirft der Autor nach meinem Eindruck immerhin ein in sich stimmiges Bild. Auch wenn ihm die spärliche Quellenlage viel Raum lässt, seine Fantasie zu entfalten: Er lässt die Welt der Hieroglyphen, die man als starre, unzugängliche Bilder des alten Ägypten vor Augen hat, höchst lebendig und plastisch werden. Archäologen tun letztlich auch nichts anderes, als sich aus einigen Bruchteilen ein möglichst konsistentes Bild zusammenzubauen. Vorstellungskraft ist da so oder so von Nöten – und Machfus hat reichlich davon.

Durchaus überzeugend und wohl auch weitgehend im Einklang mit der modernen Forschung legt Machfus dar, dass die am Pyramidenbau beteiligten Männer ihre schwere Arbeit als identitätsstiftend empfanden und sich daraus eine Art ägyptisches Nationalbewusstsein entwickelte. Bis zu einem gewissen Grad nehme ich ihm ab, den Geist des alten Ägypten eingefangen zu haben.

Ein kleines Bruchteil als Ausgangspunkt für eine eigene Kreation: Dieses Prinzip gilt auch für die Handlung. Sie fußt auf dem antiken ägyptischen Papyrus Westcar, einer Papyrusrolle, die aus dem 17. bis 19. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stammt und eine Reihe von Geschichten rund um Pharao Cheops und dessen Vorfahren enthält. Doch auch an diese Überlieferungen lehnt sich Machfus eher lose an und lässt von dort ausgehend seiner Fantasie freien Lauf.

An manchen Stellen leicht angestaubt

Dabei zeigt er, dass er ein mitreißender, versierter Erzähler ist. Ich habe den orientalisch-lebensprallen, anschaulichen Duktus durchaus wiedererkannt, wie er mir von der Lektüre seines späteren Meisterwerks Die Midaq-Gasse in Erinnerung war. Und doch entspricht die Geschichte mit ihren märchenhaften Wendungen, schicksalhaften Begegnungen und unwahrscheinlichen Fügungen nicht unbedingt unseren modernen Lesegewohnheiten und -vorlieben.

Altägyptische Hieroglyphen. Bild von WikiImages auf Pixabay

So manches wirkt aus heutiger Perspektive doch ein wenig altbacken, angefangen bei den Geschlechterrollen. Der heldenhafte Jüngling, der allein durch den Anblick eines Gemäldes in hoffnungslose Liebe verfällt… nach Wahrscheinlichkeit und psychologischer Plausibilität sollte man da lieber nicht fragen. Darauf kommt es Machfus auch nicht an, sondern sein Erzählen steht allein im Dienst der Dramaturgie. Die ist spannend, aber in Teilen auch theatralisch.

Ähnliches gilt für die Sprache: Schmal ist der Grat zwischen Bewunderung für kunstvolle Formulierungen und Bilder – und dem leichten Widerwillen des modernen Lesers, dem das dann doch irgendwie zu pathetisch klingt:

„Das Leben und die Liebe kamen ihm wie ein Fluss vor, dessen Wasser einen Garten zum Blühen bringt und die Vögel vor Freude über das köstliche Nass singen lässt. Doch sobald die Quelle versiegt, verdorren Blumen und Bäume, und alles Grün wird von der öden Wüste verschlungen.“ (Seite 193)

So ergibt sich das Gesamtbild eines Textes, der zwar sehr gut formuliert und kurzweilig zu lesen ist, der uns in eine völlig fremde Welt eintauchen lässt, an dem die Jahre aber nicht spurlos vorübergezogen sind und der an manchen Stellen leicht angestaubt wirkt.

Ist Cheops also nichts weiter als ein etwas antiquiertes, eskapistisches Lesevergnügen? Nicht ganz, denn auch der junge Machfus hat seine unterhaltenden Werke schon vielschichtig und damit literarisch interessant gestaltet. In Cheops lassen sich auch philosophische und politische Gedanken finden, die bis heute Relevanz beanspruchen können.

Die Berufung auf den antiken Pyramidenbau darf als Ausdruck eines selbstbewussten postkolonialen Ägypten nicht unterschätzt werden – und kann gleichzeitig als Affront gegen engstirnige Islamisten gelesen werden, denen die Anknüpfung an eine vorislamische Hochkultur ein Dorn im Auge war und ist.

Machfus porträtiert einen grübelnden Herrscher

In Cheops  weicht die Übertragung der Herrschaft vom vorgezeichneten dynastischen Weg ab. Stattdessen ist die persönliche Eignung für die Auswahl des nächsten Machthabers zentral. In vielen Staaten der Welt ist das bis heute keine Selbstverständlichkeit – man denke nur daran, dass noch 2011 Hosni Mubarak in den Wirren des arabischen Frühlings die Macht in der Familie behalten wollte. Er plante, einen seiner Söhne seine Nachfolge antreten zu lassen – was am Ende bekanntlich nicht gelang.

Aufschlussreich ist insgesamt das Porträt Cheops als alternder, grübelnder Herrscher. Er blickt zurück auf eine autoritäre, gottgleiche mitunter grausame Art des Regierens, die sich unschwer mit heutigen Potentaten nicht nur der arabischen Welt in Verbindung setzen lässt. Cheops aber stellt sich immer öfter selbst in Frage. Ihn plagen Gewissensbisse ob der Opfer, die er seinem Volk beim Pyramidenbau abverlangt. Er will nicht die Unterwürfigkeit seines Volkes durch Unterdrückung und Gewalt erzwingen, sondern sich dessen Treue verdienen. „Soll sich das Volk für den Pharao opfern oder der Pharao für das Volk?“, fragt er.

Und – im Gegensatz zu Kronprinz Rachuf, der mit seinem egoistischen Machtstreben das negative Gegenbild zu seinem Vater abgibt – ist er nicht sonderlich darauf erpicht, in den Krieg zu ziehen, sondern richtet seine Energie lieber darauf, seinem Volk ein geistiges Erbe in Form eines großen Buchs der Weisheit zu hinterlassen. Zumindest an Cheops‘ Selbstreflexion und an seiner Maxime, das Wohl des Volkes über seine eigenen Interessen zu stellen, sollten sich (nicht nur ägyptische) Machthaber aller Epochen messen lassen.

  • Nagib Machfus, Cheops, Mit einem Nachwort von Raymond Stock, Aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, 272 Seiten, 19,90 Euro; als Taschenbuch; 9,90 Euro.

 

3 Kommentare zu “Nagib Machfus, Cheops

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