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Der Autorin Sally Morgan und dem wichtigen Thema ihres Buchs My place (deutscher Titel: Ich hörte den Vogel rufen) gehört meine ganze Sympathie. Ohne Zweifel war die Veröffentlichung 1987 ein Meilenstein, um das Schicksal der Stolen Generations der australischen Aborigines ins Bewusstsein eines breiten Publikums zu rücken und nachfühlbar zu machen. All denen eine Stimme zu geben, die lange aus Scham, Angst und Erniedrigung geschwiegen hatten, ist ein unschätzbares Verdienst. Vom ästhetischen Standpunkt hingegen ist Sally Morgans Werk alles andere als ein Schritt nach vorn. Die Lektüre barg für mich leider einige Durststrecken.

Sally Morgan erzählt in Ich hörte den Vogel rufen ihre Lebensgeschichte. Sie wächst im westaustralischen Perth als ältestes von fünf Kindern auf, zunächst unter dem Regime des vom Zweiten Weltkrieg schwer traumatisierten, alkoholkranken und in Wahnzuständen auch gewalttätigen Vaters, bis er – man kann sagen, zum Glück der Witwe und der Waisen – frühzeitig stirbt.

Sally Morgan erzählt die Geschichte dieser Kindheit in prekären Verhältnissen trotz allem fast als heiteres Idyll, blickt liebevoll, versöhnlich und humorvoll auf Unordnung und Chaos in der Familie. Das ist zwar wirklich sympathisch, und man kann vor allem die äußerst nachgiebige Mutter Gladys liebgewinnen. Doch Sally Morgans erzählerische Mittel sind so bieder, dass diese Autobiografie ungeachtet ihrer tragischen Komponenten lange Zeit kaum über das Niveau eines „Schwanks aus der Kindheit“ beim Familienlienfest hinaus kommt.

Was ihr eigentliches Lebensthema ist, dem nähert sich das Buch erst nach gefühlt hunderten Seiten von Beschreibungen des Schuleschwänzens und der Streiche des ausgeflippten Familienhunds: Sally beginnt, ihre Herkunft zu hinterfragen. Die Schulkameraden fragen, woher sie denn komme, denn ihre Haut ist etwas dunkler als die der anderen Kinder. Mutter und Großmutter erklären lapidar, die Familie stamme aus Indien. Mit 15 aber findet Sally heraus, dass ihre Vorfahren Aborigines waren.

Sally Morgan erzählt die Geschichte der Gestohlenen Generationen Australiens

Da sich sowohl Mutter Gladys als auch insbesondere Großmutter Daisy, die ebenfalls bei der Familie lebt, bei dem Thema ausgesprochen verschlossen zeigen, gestalten sich die Nachforschungen äußerst langwierig – wobei sich diese Zähigkeit auch auf den Text überträgt.

Puzzleteil für Puzzleteil setzt Sally mit den Jahren die Geschichte zusammen. Daisy wurde auf einer Farm in Nordaustralien geboren, als illegitimes Kind des weißen Gutsbesitzers und einer Aborigine-Frau, die dort als eine Art Leibeigene lebte. Von der Mutter wurde sie früh getrennt, um der Familie auf einem anderen, weit entfernten Anwesen in West-Australien wie eine Sklavin zu Diensten zu sein. Ihr eigenes Kind Daisy muss sie ebenfalls sehr bald abgeben. Gladys wird in ein Kinderheim gesteckt, wo sie unter lieblosen, kargen Bedingungen aufwächst.

Sowohl Daisy als auch Gladys gehören zu den Stolen Generations von Aborigines. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Menschenrechtsverletzung, die über Jahrzehnte in Australien gängige Praxis war und die heute mitunter auch als eine Art Völkermord bezeichnet wird. Die weißen Machthaber entrissen Aborigine-Familien systematisch ihre Kinder.

Aborigines auf der schwierigen Suche nach ihrer Identität

Die Motivation war wohl vielschichtig, in jedem Fall aber rassistisch. Teils war man der Ansicht, Aborigines seien nicht in der Lage, Kinder – ganz besonders Kinder mit einem weißen Elternteil – angemessen aufzuziehen. Als Vorwand, die Familien auseinander zu reißen, wurde das Ansinnen vorgebracht, den Kindern eine „zivilisierte“ Erziehung angedeihen zu lassen und sie so in die australische Gesellschaft zu integrieren. Dahinter stand die Absicht, die Kultur und Lebensart der Aborigines auszulöschen, ihre Gemeinschaften zu zerstören. Wie gerade Daisys Geschichte zeigt, ging es aber wohl auch schlicht um die Ausbeutung von Kindern als Arbeitskräfte.

Die zweite Hälfte von Ich hörte den Vogel rufen beinhaltet die mit Abstand stärksten Passagen des Buchs, nämlich jeweils als eigene Texteinheiten die in der Ich-Form erzählten Geschichten von Daisys Bruder Arthur, Gladys und schließlich von Daisy selbst. Es sind sehr unmittelbare Einblicke in das alltägliche Leben in einem grausamen, rassistischen Unterdrückungsapparat. Und auch wenn die Betroffenen selbst nicht viel mehr sagen, als dass sie „verletzt“ oder „traurig“ waren, wenn sie geschlagen, missbraucht und gedemütigt wurden und wenn man ihnen die eigenen Kinder wegnahm: Die geschilderte Grausamkeit, Diskriminierung und Ungerechtigkeit ist tief erschütternd und zum Aufschreien.

Sally Morgans Familiengeschichte ist sicherlich in mancher Hinsicht exemplarisch für Aborigines und ihre Nachfahren in Australien. Etliche sind in ihrem Erscheinungsbild kaum noch als „Blackfellas“, wie es dort heißt, zu erkennen, und dieser Teil ihrer Herkunft wurde ihnen nicht selten verheimlicht. Nach der Lektüre von Ich hörte den Vogel rufen versteht man die Motive dafür, ebenso wie eine tief verwurzelte Angst vor jedweder staatlicher Institution inklusive Krankenhäusern und das Gefühl der Entwurzelung. Es gibt auf der einen Seite die Leugnung der Aborigine-Herkunft, auf der anderen Seite aber auch diejenigen, die sich wie Sally Morgan vorbehaltlos als Aborigine definieren, selbst wenn die Mehrzahl ihrer Vorfahren weiß ist, und sich auf die mühsame Suche nach ihrer Identität machen.

Die große politische Relevanz, die tabubrechende Schlagkraft, die große Menschlichkeit und Ehrlichkeit sind die Pluspunkte von Sally Morgans Buch. Auf der anderen Seite steht die insgesamt sehr konventionelle, teilweise dröge Machart ohne künstlerische Ambition. Die Poesie, die der deutsche Titel verspricht, kommt erst auf den letzten Seiten zum Tragen. Es ist der bewegende Schluss, der halbwegs mit so mancher Länge versöhnt.

  • Sally Morgan, Ich hörte den Vogel rufen, Aus dem Englischen von Gabriele Yin, Unionsverlag, 448 Seiten, 14,95 Euro.

Ein Kommentar zu “Sally Morgan, Ich hörte den Vogel rufen

  1. Pingback: Blogbummel November/Dezember 2019 – buchpost

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