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Die Bilder sind unvergessen. Tausende und abertausende Menschen protestieren auf dem zentralen Platz Madrids, der Puerta del Sol, schlagen dort ihre Zelte auf. Aus Wut, Frust und Verzweiflung über schreiende soziale Ungerechtigkeiten und das Versagen des Bankensystems heraus entsteht speziell im Mai 2011 für einen Moment ein Gefühl des Aufbruchs und des Zusammenhalts. Unter diesem Eindruck scheint Almudena Grandes ihren Roman Kleine Helden von 2015 verfasst zu haben. In vielen erzählerischen Miniaturen macht die Autorin die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise in Spanien an den Schicksalen Dutzender Individuen plastisch und transportiert dabei doch eine Grundstimmung von Optimismus und Solidarität.

Kleine Helden schreibt sich dabei ein in die Tradition des Großstadtromans. Keine einzelnen Figuren übernehmen hier die Hauptrollen, sondern die Stadt Madrid selbst, genauer gesagt ein nicht genanntes, aber offensichtlich bodenständiges, eher kleinbürgerliches Viertel im Zentrum. Ob es so etwas in Zeiten der Gentrifizierung überhaupt noch gibt? Etwas nostalgisch-idealisierend mutet es schon an. In mir bringt Almudena Grandes damit allerdings etwas zum Klingen. Zumindest nach meinem subjektiven, vermutlich selbst verklärenden Empfinden – es basiert auf nun auch schon wieder 20 Jahre alten Erinnerungen – transportiert sie authentisch die Atmosphäre der Stadt und das Lebensgefühl ihrer Menschen.

Nachbarn, Familien, Kollegen: Jeder erlebt die Krise auf eigene Art

Grandes‘ Portrait von und Liebeserklärung an Madrid setzt sich aus vielen kurzen Kapiteln zusammen, die zwischen den Geschichten etlicher lose miteinander in Zusammenhang stehender Menschen hin- und herspringen. Nachbarn, Geschwister, Kollegen – jeder hat seinen ganz eigenen Plot. Doch in diesem historischen Moment reichen die Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage in ihrer aller Leben hinein. Sie bangen um ihre Jobs, sie verlieren ihre Jobs. Die Krise zieht ihnen den Boden unter Füßen weg, zwingt sie dazu, alte Sicherheiten und Gewohnheiten aufzugeben. Das kann sie in einen Abgrund stürzen. Oder auch eine ungeahnte Chance auf einen Neuanfang bergen, zu dem man sonst vielleicht nie den Mut aufgebracht hätte.

Davon abgesehen geht das Leben aber auch mit allen Unbilden und allem Schönen weiter, das es ohnehin parat hält. Almudena Grandes erzählt reihenweise Liebesgeschichten, von der heimlichen Affäre eines kleinen Polizisten mit der unerreichbaren Chefin bis zum unerfüllten Flirt am Kiosk der Metrostation. Ihre Figuren kämpfen nicht nur um jeden Cent, sondern auch um den Ausbruch aus der Gewalt in der Ehe, mit ihrer Geschlechtsidentität oder der Angst vor einer Krebsdiagnose.

Am ehesten als verbindende Klammer anzusehen ist die im Viertel umgehende Angst vor der Schließung des Gesundheitszentrums im Quartier. Dagegen gehen viele der Figuren gemeinsam auf die Straße. Und doch ist es viel mehr eine private als eine politische Geschichte der Krise, die Almudena Grandes erzählt – auch wenn natürlich ein sozialdemokratischer Grundtenor über allem schwebt, eine klare Ablehnung von Spar- und Austeritätspolitik und eine Anklage skrupelloser Banken. Aber auf keinen Fall schreibt Almudena Grandes hier einen trockenen Thesenroman, sondern setzt auf die Mittel der (sozial-)romantischen Unterhaltungsliteratur.

In einem Büro tut sich ein politischer Abgrund auf, im anderen haben zwei junge Menschen Sex

Symptomatisch für ihren Stil ist der Erzählstrang um eine gefeuerte TV-Journalistin. Sie erinnert sich zurück an den 23. Februar 1981, den Tag des gescheiterten Militärputsches gegen die junge spanische Demokratie. Als junge sozialistische Aktivistin belauscht sie in der menschenleeren PSOE-Zentrale das Gespräch zweier Parteifunktionäre, aus dem hervorgeht, dass diese durchaus offen wären, opportunistisch an einer möglichen Militärregierung mitzuwirken. Während sich in einem Büro also ein schmutziger politischer Abgrund auftut, ist die zufällig lauschende Jungsozialistin im Nebenraum eigentlich gerade mit etwas anderem beschäftigt: auf dem Sofa Sex mit einem jungen Genossen zu haben. Ein politischer Seitenhieb verknüpft mit erotischen Eskapaden – so gewitzt und leichthändig wie Almudena Grandes muss man das erst mal hinbekommen.

Ist das Ganze nun vielleicht banalisierend und trivialisierend? Nein, finde ich nicht. Almudena Grandes bricht Politik und Wirtschaft auf das herunter, worum es letztlich geht: was mit dem Leben der Menschen passiert. Davon erzählt sie mit Wärme, Empathie und Humor. Und genau die Leichtigkeit, mit der sie das ernste Thema angeht, kann ja eine wichtige Waffe sein, um den Herausforderungen der Krise auf individueller Ebene zu begegnen.

Almudena Grandes ist als Erzählerin mit allen Wassern gewaschen

Vor allem aber kann ich Almudena Grandes nicht widerstehen, weil sie so eine großartige Erzählerin ist. Ihre Romane sind kurzweilig und leicht konsumierbar, und gleichzeitig ist sie mit allen Wassern der Erzählkunst gewaschen. Sie wechselt Perspektiven, zeigt und verheimlicht, deutet an, hat immer wieder eine Pointe parat, fasst in einem präzisen Bild, einer kleinen Geste das ganze Drama einer Figur zusammen. Diese Meisterschaft kommt in den kurzen, short-story-artigen Sequenzen von Kleine Helden besonders gut zur Geltung.

Die Figuren sind so plastisch, dass es gar nicht mal so schwer fällt, all die Martas, Marisas, Maritas, María Gracias etc. auseinanderzuhalten. Dass der Leser in gewissen Ausmaß den Überblick über die vielen Figuren verliert, ist freilich auch Teil des Konzepts, die Geschichte eines Kollektivs zu erzählen.

Etwas voreingenommen bin ich natürlich, denn Almudena Grandes ist eine Autorin, die mich schon durch mein halbes Leseleben begleitet. Als junger Student saß ich mit roten Ohren im Publikum, als sie mit rauchiger Stimme, aber insgesamt doch recht ungerührt im spanischen Kulturinstitut pornografische Passagen aus ihrem Debütroman Lulú vorlas und so für mich ein bisschen movida lebendig werden ließ. Danach ließ ich mich immer wieder mal von ihren Romanen in die Atmosphäre des spanischen Alltags und in eine Bar zu café con leche und tapas entführen. Und auch bei Kleine Helden habe ich mich als Madrid-affiner Leser wieder sehr wohl gefühlt.

Die evozierte Aktualität des Romans allerdings, die hat sich beim leicht verspäteten Erscheinen auf Deutsch schon wieder etwas überholt. Das ist einerseits gut, weil es wirtschaftlich mit Spanien etwas bergauf zu gehen scheint, wobei fraglich ist, wie viel davon beim einzelnen Bürger tatsächlich ankommt. Andererseits hat die gesellschaftliche Solidarität, die Grandes heraufbeschwört, offenbar einen schweren Stand. Aus den Massenprotesten auf der Puerta del Sol ist mit Podemos eine linkspopulistische Partei hervorgegangen, die wohl eher Fronten aufbaut statt sie niederzureißen. Der Katalonien-Konflikt hat den politischen Fokus weg von der sozialen Frage hin zu nationalistischen Scheingefechten verschoben. Und mit den Wahltriumphen der Partei Vox ist nun die schöne Illusion gestorben, Spanien könne dem Erstarken rechtsradikaler Kräfte als große Ausnahme in Europa widerstehen. Nur vier Jahre nach dem Erscheinen von Los besos en el pan (so der Originaltitel) müsste der spanische Roman zur Stunde wohl ganz anders aussehen.

  • Almudena Grandes, Kleine Helden, Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda, Hanser, 320 Seiten, 24 Euro.

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