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Die verlorene Ehre der Gina Davies wäre ebenfalls ein passender Titel gewesen. Doch der australische Autor Richard Flanagan entschloss sich dann doch, seinem an Heinrich Bölls Katharina Blum angelehnten Roman den Titel The Unknown Terrorist zu geben, zu deutsch: Die unbekannte Terroristin. Tatsächlich stechen die inhaltlichen Parallelen der beiden Romane genauso ins Auge wie die krassen Unterschiede in Sprache und Umsetzung.

Mit Böll gemeinsam hat Flanagan den Grundtenor der scharfen Kritik an Medien, Gesellschaft und staatlichen Organen, die jeweils eine Frau ins Kreuzfeuer nehmen und ihr Leben zerstören. Offenbar ein zeitloses Thema, das durch den Abstand von 32 Jahren und gut 16.000 Kilometern nichts an Virulenz und Aktualität verliert.

Katharina Blum gerät bei Böll ins Visier der Behörden und vor allem einer großen Boulevardzeitung, nachdem sie eine Nacht mit einem gesuchten Verbrecher verbracht hat. Im Sydney des Jahres 2006 ersetzt Flanagan die deutsche geschiedene Haushälterin durch eine andere randständige Einzelgängerin mit ebenfalls schwieriger Vergangenheit: die Stripperin Gina Davies. Auch sie hat Sex mit einem Unbekannten – in diesem Fall mit einem attraktiven Südländer mit Namen Tariq -, auch ihre Zufallsbekanntschaft ist am nächsten Morgen verschwunden. Und auch sie findet sich nun unversehens in der Rolle einer verfolgten Verbrecherin wieder.

Wie bei Katharina Blum reichen vier Tage, um eine Existenz zu zerstören

In Sydney wurden am Fußballstadion drei in Rucksäcken deponierte Sprengsätze gefunden. Gina – bezeichnenderweise wird diese fremdbestimmte Figur den ganzen Roman über nur mit ihrem Spitznamen „Puppe“ bezeichnet – sieht nun, wie ein Bild aus einer Überwachungskamera über alle TV-Bildschirme flimmert, das sie an der Seite des angeblich terrorverdächtigen Tariq zeigt. Ganz wie im Fall von Katharina Blum reichen bei Gina nun vier Tage aus, damit sensationslüsterne Medien, eine manipulierbare Öffentlichkeit und moralisch verkommene Staatsorgane die Existenz eines Individuums auf dem Altar ihrer jeweiligen Machenschaften opfern. In beiden Romanen sehen wir die Protagonistin am Ende dieser vier Tage mit einer Waffe in der Hand – und wussten von Beginn an, dass es schlecht endet.

Richard Flanagan transportiert das Thema nicht nur in die Moderne und auf einen anderen Kontinent, sondern dreht dabei auch die Schraube der Bitterkeit, des Sarkasmus und der Brutalität noch ein gutes Stück weiter. Flanagan schreibt wütend, explizit und kompromisslos, seine Gesellschaftsanalyse ist desolat. Er geht an die Grenzen der Karikatur und der Verschwörungstheorie – und beweist doch Hellsichtigkeit, indem er schon 2006 die Terrorismus-Paranoia westlicher Gesellschaften beschreibt, die erst in den folgenden Jahren ihren Höhepunkt erreichen sollte.

Richard Flanagan zeigt ein äußerlich wie innerlich verkommenes Sydney

Diese leicht instrumentalisierbaren Ängste und der ihnen innewohnende Rassismus sind aber nicht das Kernthema des Romans, sondern fungieren als nur eines von vielen Symptomen einer zerbröckelnden Gesellschaft. Empathie, Demokratie, Solidarität sind im Australien, wie Flanagan es stellvertretend für die westlichen Gesellschaften schildert, verschwunden und wurden auf abstoßende Art von Ausbeutung, Egoismus und sinnentleertem Materialismus verdrängt.

Entsprechend verkommen, innerlich wie äußerlich schmutzig ist das Sydney, durch das Flanagan den Leser führt. Dabei stößt einen das schmuddelige, von Junkies und Transen bevölkerte Rotlichtviertel fast weniger ab als die geleckten, mit Kunstwerken prahlenden Villen der Menschenhändler oder TV-Magnaten. Wohin man auch blickt, Flanagan zeigt Verfall und Trostlosigkeit – hier eine entstellte Bettlerin, die auf wenig Mitleid hoffen darf, dort Jugendliche, die auf einen Obdachlosen einprügeln. Und dazwischen fließen Rotz, Kotze, Sperma und natürlich Blut durch die Seiten – Flanagan erspart dem Leser nichts, und das ist sicher nicht für jeden gut aushaltbar.

Das eigentlich Widerliche in Flanagans Sydney aber sind der Zynismus des eitlen Journalisten, der brutale Machtmissbrauch und die Lügen von Politikern und Verbrecherkartellen sowie die alltägliche Gleichgültigkeit und Menschenfeindlichkeit jedes einzelnen.

Flanagan greift zum groben Pinsel und den grellen Farben

Schön zu lesen ist das freilich nicht, aber es sind auf alle Fälle beklemmende und beeindruckende Bilder dabei. Sprachlich ist hier ein Könner am Werk, das ist nicht zu übersehen, und er glänzt mit einigen hervorragenden Pointen. Irgendetwas Versöhnliches, Abmilderndes sucht der Leser allerdings vergeblich. Humor, ja, den gibt es immerhin, doch er ist fast immer sarkastisch und schneidend. Wenn man auflacht, dann sehr bitter. Der Roman ist mit sezierender Kühle geschrieben. Einige sentimentale Anflüge zum Ende hin wirken da fast wie Fremdkörper, da wäre es vielleicht glaubwürdiger gewesen, Flanagan wäre bei seinem gnadenlosen Tonfall geblieben.

Die einzige Figur, mit der sich mitfühlen lässt, ist Gina. Sie entwickelt im Laufe des Romans einen Grad an Tiefe und Selbstreflexion, den man ihr anfangs nicht zugetraut hatte. Das ist von Flanagan sehr gekonnt gemacht. Man hätte sich gewünscht, dass er weiteren Figuren ebenfalls ein paar mehr Schattierungen gegönnt hätte. Nach meinem Geschmack dürfte so ein Roman schon etwas subtiler und differenzierter sein. Der Gefahr von Pauschalisierungen entkommt Flanagan in seinem Furor leider auch nicht ganz. Die Vorstellung der bösen, finsteren Strippenzieher ist teilweise nicht weit von Gemeinplätzen entfernt. Was eine radikale Abrechnung mit dem Kapitalismus sein soll, bedient sich mitunter der Klischees eines konventionellen Politthrillers und teils unnötiger Schockeffekte.

Aber gut, der Autor hat sich eben für den groben Pinselstrich entschieden, für Unversöhnlichkeit und Überzeichnung. Flanagan greift in den Topf mit den grellen Farben. Er legt aber den Finger in eine offene Wunde der westlichen Gesellschaften, die sich so gerne auf ihre Werte berufen, diese aber gleichzeitig selbst erodieren – und ja, das tut weh.

Die unbekannte Terroristin ist ein unbehagliches Leseerlebnis. Aber doch ein Erlebnis. Was wohl Böll dazu gesagt hätte?

  • Richard Flanagan, Die unbekannte Terroristin, Aus dem australischen Englisch von Eva Bonné, Piper Taschenbuch, 336 Seiten, 11 Euro.

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