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Dringende Warnung vor Risiken und Nebenwirkungen: Nach Lektüre des Romans Der Idiot droht akute PDD. Die Symptome der Post-Dostojewski-Depression: Der Patient fühlt sich ohne die Gesellschaft von Lew Nikolajewitsch Myschkin, Nastassja Philippowna & Co. allein und orientierungslos. Die Welt wirkt auf den Betroffenen blass und fade. Jede weitere Lektüre erscheint ihm sinnlos.

Das ist der Preis für den Rausch, den das Lesen eines Dostojewski-Romans mit sich bringt, die harte Landung nach dem Höhenflug. Aber natürlich ist auch Der Idiot die Sache wert.

Auch wenn auf den knapp 1000 Seiten dieses Meisterwerks viel, sehr viel passiert, ist sein Rückgrat weniger die Handlung – sie franst im Vergleich zum stringenter erzählten Schuld und Sühne eher aus -, sondern seine Hauptfigur: Dieser Fürst Myschkin, den andere Personen des Romans so häufig als Idioten bezeichnen, ist eine Ikone der Literatur. Er wurde als eine Art Christus-Inkarnation gesehen, auch als russischer Nachfolger des Idealisten Don Quijote – auf den wird im Roman tatsächlich wiederholt Bezug genommen. Doch in Wirklichkeit leuchtet Fürst Myschkin ganz für sich und strahlt wiederum selbst auf unsere ganze Kultur aus.

Der Idiot ist zu gut für diese Welt

Er verkörpert das Gute, das Arglose, absolute Ehrlichkeit – also eine Reihe von Eigenschaften, mit denen man weder heute noch in der geschilderten russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts besonders weit kommt. Inmitten eines atemberaubenden Intrigantenstadls, eines großen Zirkus von gnadenlosen Selbstdarstellern, überspannten Egozentrikern und vor allem eiskalt berechnenden Materialisten ist der Fürst ein faszinierendes Kuriosum. Er sieht in allem und jedem nur das Gute. Seine Liebe hat nichts mit Besitzanspruch und Machtausübung zu tun, sondern ist reines Mitgefühl. Er pfeift aufs Geld und stellt die Bedürfnisse anderer über die eigenen. Er sagt ehrlich seine Meinung statt zu taktieren. Kurz: Er ist zu gut für diese Welt und muss in ihr krachend scheitern.

Das ist die Quintessenz einer Geschichte, die sich mit ihren zahlreichen Verästelungen und Nebenkriegsschauplätzen kaum zusammenfassen lässt. Um es nur auf das absolute Grundgerüst zu reduzieren: Fürst Myschkin kehrt nach vier Jahren, in denen er in der Schweiz seine Epilepise behandeln ließ, zurück nach St. Petersburg. Dort gerät er in allerlei Irrungen und Wirrungen rund um die Familie des Generals Jepantischin – dessen Gattin Lisaweta ist eine geborene Myschkina und somit die einzige entfernte Verwandte des Fürsten. Vor allem aber ist Fürst Myschkin hin- und hergerissen zwischen zwei charismatischen Frauen: der seelisch zerrütteten, düsteren Nastassja Philippowna und der schnippischen, verwöhnten Aglaja Iwanowna Jepantschina. Als finsterer Gegenspieler steht dem Fürsten zudem der Millionenerbe Rogoschin gegenüber, der wie wahnsinnig in Nastassja Philippowna verliebt ist.

Ein Leuchtturm der Vernunft

Ja, in Dostojewskis St. Petersburg sind die Gefühle groß, die Leiden(schaften) existenziell und die Abgründe tief – was den Roman einerseits so intensiv und dramatisch macht, andererseits von Dostojewski aber auch trefflich karikiert wird, etwa wenn Lappalien zum Anlass für tief beleidigte, hochdramatische Attitüden genommen werden.

In diesem Umfeld wirkt der vermeintliche naive Idiot Fürst Myschkin bei genauer Betrachtung als ein Leuchtturm der Vernunft und Aufklärung. Bewundernswert modern und human etwa sind seine wiederholt vorgetragenen Plädoyers gegen die Todesstrafe – biografisch fußend auf Dostojewskis Erfahrung, quasi schon einmal auf dem Schafott gestanden zu haben. Da sollte bis heute so mancher Fanatiker einmal genau zuhören.

Fürst Myschkin deckt Fake News auf

Von frappierender Aktualität ist auch eine Episode, in der Myschkin, sozusagen unter Rückgriff auf Fakten und Recherche ein Musterbeispiel an ideologisch aufgeladenen und böswillig kolportierten „Fake News“ in sich zusammensinken lässt. Eine angebliche soziale Ungerechtigkeit, die zunächst sehr stimmig erscheint und Grund genug für flammende Empörung wäre, entpuppt sich bei genauerem Hinterfragen als falsche Fährte. Doch eine Gruppe ungestümer Revoltierer damit zu konfrontieren, dass die Realität doch ein wenig komplexer ist, als sie es sich zusammengezimmert hatten, bringt sie leider auch nicht von ihrem selbstgerechten Zorn und dem Verrennen in die eigene Opferrolle ab. Kommt das jemandem bekannt vor?

Dem gegenüber steht, wie plastisch und fundiert der Roman tatsächliche gesellschaftliche Missstände und Schieflagen deutlich macht. Zentral und besonders berührend ist Dostojewskis Darstellung der Folgen eines – modern gesprochen auf Sexismus und Kapitalismus basierenden – Machtmissbrauchs des reichen Kaufmanns Totzki gegenüber der verwaisten Nastassja Philippowna. Er macht sie, als sie noch ein blutjunges Mädchen ist, zu seiner Geliebten. Während er selbst allenfalls mit sanften gesellschaftlichen Sanktionen zu rechnen hat, ist Nastassjas Leben zerstört – und eigentlich der Grundstock der ganzen Tragödie des Romans gelegt. Auch dieses Thema ist leider topaktuell. Totzki ist ein unheilvoller Verwandter der Weinsteins, Epsteins oder Domingos von heute.

Diese paar willkürlich herausgegriffenen Details bilden aber nur einen kleinen Teil vom inhaltlichen Reichtum dieses Romans ab. So viel Kluges und Tiefes zu ethischen, philosophischen, sozialen, politischen und religiösen Fragen steckt darin, dass man es kaum umfassen kann – und wahrscheinlich auch nicht muss. Jeder Leser zu jeder Zeit wird etwas darin finden, das ihn gerade berührt und zum Nachdenken bringt.

Theatralik auf die Spitze getrieben

Und damit ist noch gar nichts gesagt über die ästhetischen und künstlerischen Qualitäten des Romans. Die Rezeptionsgeschichte hat nun nicht gerade auf mich gewartet, um Dostojewski eine enorme Sprachgewalt, eine Kraft zur plastischen Figurenzeichnung und ein erstaunliches psychologisches Feingefühl zu attestieren. Bemerkenswert sind darüber hinaus noch der überraschend modern wirkende trockene Humor, der einigen Stellen aufblitzt, und das raffinierte Wechselspiel der Perspektiven. Hier maßt sich kein allmächtiger Erzähler die Verfügungsgewalt über eine „absolute Wahrheit“ an, sondern er durchbricht und relativiert geschickt die verschiedenen Sichtweisen.

Was den heutigen Leser allerdings auch irritieren kann, ist die große Theatralik. Die Geschehnisse werden immer wieder derartig zugespitzt, dass man daran nicht den Maßstab der Glaubwürdigkeit anlegen sollte. Vielmehr gleicht die Handlung dann einer äußerst effektvollen Theaterinszenierung, bei der nach und nach immer mehr Personen die Bühne betreten und die Dialoge von einem dramatischen Höhepunkt zum anderen voranpeitschen.

Da wirkt es bisweilen fast grotesk, wie immer neue Menschen oder Gruppen von Menschen unerwartet bei einer Abendgesellschaft auftauchen, für Tumult sorgen oder auch einmal zu einen 50-seitigen Monolog ansetzen. Binnen eines Tages oder einer Nacht nehmen da die Schicksale eines ganzen Figurenarsenals entscheidende Wendungen, bis der Leser ganz ermattet ist – und nur allzu gut versteht, dass Fürst Myschkin am Ende einer hochdramatischen Geburtstagsfeier auf der grünen Parkbank, an der er in der Morgendämmerung dann auch noch mit Aglaja zum Stelldichein verabredet ist, einnickt. Diese hohe Verdichtung bei Dostojewski ist einerseits faszinierend, verlangt dem Leser andererseits auch einiges ab.

Beeindruckendes Schlussbild

Umso erstaunlicher, wie dann so manche Handlungsentwicklung doch wieder sehr summarisch und oberflächlich abgetan wird oder auch mal zäh vor sich hindümpelt. Wie viele Male etwa nimmt der tuberkulosekranke Jung-Philosoph Ippolit in hochtrabenden Worten Abschied vom Leben, bevor er dann doch immer wieder blass, hüstelnd, aber irgendwie vom Totenbett auferstanden wieder auftaucht? Tatsächlich enervierend ist das ewige Hin und Her Aglajas, die dem hilflosen Fürsten quälend lange mal Hoffnungen macht, ihn mal lockt und dann wieder veräppelt und brüsk zurückweist.

Diese Leseeindrücke sollen natürlich nicht bedeuten, dass ich mir in irgendeiner Form Kritik an Dostojewski und einem Roman anmaße, der noch immer unglaublich frisch wirkt und in seiner Konstruktion in jedem Detail durchdacht ist. Jedes kleine Motiv hat hier seine Bedeutung. Und am Ende schließt sich die Handlung, die ich vorher als ausgefranst bezeichnet habe, mit dem eindrucksvollen Schlussbild zu einem großen Kreis.

Kein Zweifel: Dostojewski ist eine Lektüreerfahrung, die man in seinem Leseleben gemacht haben sollte, um zu ermessen, was Literatur vermag. Und zur Behandlung der PDD gibt’s Gegenmittel: sich ins nächste Buch zu stürzen – und darin zu erkennen, dass Dostojewski wirklich überall Spuren hinterlassen hat.

  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Der Idiot, ist in zahlreichen deutschen Buchausgaben erhältlich; als Beispiel sei genannt: in der Übersetzung von Swetlana Geier, Fischer Taschenbuch, 912 Seiten, 16 Euro.
    Die Abbildung oben zeigt eine antiquarische Ausgabe von 1980; aus dem Russischen übertragen von H. von Hoerschelmann, Wilhelm Goldmann Verlag, 974 Seiten.

3 Kommentare zu “Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Der Idiot

  1. Pingback: Blogbummel August/September 2019 – buchpost

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