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Das azurblaue Meer, gespickt mit leuchtend weißen Yachten, Sandstrände wie aus dem Bilderbuch, Palmen, Kiefernbäume, Bougainvilleen, Fischerdörfer und mondäne Städte mit prachtvollen Häfen und Promenaden, auf denen es reichlich schöne (oder solche, die sich dafür halten) und reiche (oder, solche, die so tun, als wären sie’s) Menschen zu beobachten gibt: All das macht den fast schon klischeehaften Reiz von Ferien an der Côte d’Azur aus.

Doch was jenseits all dieser äußerlichen Eindrücke ebenfalls immer mitschwingt, ist die kulturelle Aufgeladenheit dieser wunderbaren Landschaft: Die Côte d’Azur ist historisch eines des klassischen Sehnsuchtsziele am Mittelmeer. Dementsprechend tummelten sich hier zu allen Zeiten nicht nur (Geld-)Adelige, sondern in überreichem Maße auch Kunst- und Kulturschaffende aller Art. Auf Schritt und Tritt begegnet man den Spuren von Malern wie Matisse, Chagall, Picasso bis hin zu Miró und vielen, vielen anderen, die im mediterranen Licht Inspiration oder auch nur Mäzene fanden und die ihrerseits unser Bild der französischen Riviera prägten.

Schriftsteller fühlten sich an der blauen Küste ebenfalls zu Hause. Gerade viele deutsche Autoren und Intellektuelle begegneten sich hier allerdings vor einem alles anderen als idyllischen Hintergrund, nämlich als Exilanten, die Nazi-Deutschland verlassen hatten, sich später in Marseille sammelten, um Visa und Schiffstickets für die Überfahrt in noch weiter entfernte Zufluchtsorte zu ergattern.

Inbegriff des mondänen Cannes: Das Hotel Carlton an der Croisette. (Foto: Andreas Steppan)

Gänzlich unbeschwert gibt sich hingegen ein literarisches Dokument der deutschen kulturellen Verliebtheit in die Côte d’Azur, das es bis in die heutige Zeit und ganz aktuell in eine hübsch gestaltete Neuauflage mit historischen Fotos bei Kindler geschafft hat: Das Buch von der Riviera von Erika und Klaus Mann, das den ganzen Zauber der Küste auf unterhaltsame, mitunter durchaus ironische Art einfängt.

Dass das Büchlein aus dem Jahr 1931 nun 2019 eine Wiederauferstehung feiert, ist genau genommen ein Paradox. Denn eigentlich ist es konzipiert als eine Art Reiseführer – und solche haben bekanntlich über den Tag hinaus nur wenig Bestand, sind doch die darin enthaltenen praktischen Informationen rasch überholt.

Erika und Klaus Mann, damals Mitte 20, verfassten ihr Buch von der Riviera im Auftrag des Piper-Verlags für die Reihe Was nicht im Baedeker steht als pfiffige Anleitung zum unkonventionellen Reisen, als gewitzte Inspiration, einmal die ausgetretenen Pfade zu verlassen und sich am Urlaubsort den versteckten Attraktionen jenseits der wohlbekannten kulturellen Denkmäler zuzuwenden. Die zuhauf enthaltenen Hinweise zu Hotelpreisen, wo man am besten Austern essen kann, zu Autorouten und Busverbindungen sind mittlerweile selbstverständlich obsolet. Und dennoch ist dieser Reiseführer weiterhin lesenswert.

Ein fast schon klischeehafter Sehnsuchtsort: Yachten zwischen den Îles de Lérins vor Cannes. (Foto: Andreas Steppan)

Denn den beiden literarischen Wunderkindern gelingt es an vielen Stellen, pointiert und sprachlich brillant Atmosphärisches einzufangen, das zeitlos ist und sich noch immer wiedererkennen lässt. Erfrischend, worauf der Blick dieser beiden Reisenden fällt und was sie teils bewundernd, teils bissig kommentieren – sei es die eindringliche Warnung, in Südfrankreich „wenn irgend möglich“ bloß nicht zum Frisör zu gehen oder die Beobachtung, dass die Frauen hier „eine leichte und schöne Sommeruniform“ tragen, „weite Matrosenhosen, runde Mützen, breitgestreifte Trikotsweater, die die braunen Arme nackt lassen“. Ja, das lässt sich auch knapp 90 Jahre später noch sehr gut an der Côte d’Azur tragen.

Ein Teil des Leseinteresses gilt freilich den Figuren Erika und Klaus Mann selbst. Die ältesten Kinder des Nobelpreisträgers Thomas Mann waren schließlich schillernde, faszinierende Gestalten, und ihr Buch von der Riviera eröffnet Einblicke in ihre Reise- und Lebensart als junge, verwöhnte Menschen.

Für die Unterkunft geben sie offensichtlich möglichst wenig aus, um dann umso mehr in ihre Vergnügungssucht investieren zu können, die sich unter anderem im schicken Ambiente der Casinos bestens ausleben lässt. Pflichtschuldig erwähnen sie die eine oder andere zu besichtigende Kirche – vielleicht, um den gestrengen Papa zu beruhigen, der immer wieder angeschrieben werden muss, um eine Hotelrechnung zu begleichen? Ihr wahres Interesse liegt aber ganz woanders, nämlich in den finsteren, schmuddligen Ecken der properen High-Society-Orte. In den engen Gassen der Hafenviertel zieht es sie in allerlei Spelunken.

Der bunte Schmelztiegel Marseille übte auf Erika und Klaus Mann besonderen Reiz aus. (Foto: Andreas Steppan)

Wenn sie schwärmen, in einer Bar in Marseille sei es wunderbar, den „schwarzen Burschen in ihren blauen Arbeitskitteln“ zuzuschauen, „wie sie tanzen und lachen“; und wenn sie in Cannes einen Tipp haben für denjenigen, „der kleine Kneipen mit einem etwas speziellen Einschlag gern hat“, lässt sich unschwer herauslesen, dass sich die jungen Reisenden gerne den südländischen (homo-)erotischen Reizen der Region hingaben. Um zu wissen, dass die Faszination des Verruchten für sie auch viel mit Drogenkonsum zu tun hatte, braucht es dagegen Wissen jenseits des Textes.

Kein Wunder jedenfalls, dass Erika und Klaus Mann über den chaotischen, bunten, abenteuerlichen Schmelztiegel Marseille am meisten ins Schwärmen geraten, während ihre Begeisterung auf der italienischen Seite der Riviera merklich nachlässt und sie ernüchtert feststellen: „Von Städten gehen bekanntlich erotische Strömungen aus, wie von Menschen. Nicht jeder ist geeignet, jede zu empfangen.“

Auch mir kommt heute alles gleich weniger strahlend vor, kaum dass ich auf dem Heimweg die Grenze nach Italien überquert habe. Das ist natürlich ungerecht, sehe ich fast alle Orte doch bloß im Vorbeifahren von der Autobahn aus. Doch das sind eben diese „erotischen Schwingungen“ – ein herrliches Bild für die hemmungslose Subjektivität der Wahrnehmung.

Trotz aller Veränderungen hat etwas vom Zauber der Côte d’Azur überlebt: Abendstimmung in Saint-Raphaël. (Foto: Andreas Steppan)

Bei Erika und Klaus Mann mag die getrübte Stimmung auch damit zu tun gehabt haben, dass Italien zu jener Zeit bereits faschistisch war (die Parallele zu heute erspare ich mir jetzt). Und damit sind wir bei einer Dimension des Textes, die erst im Nachhinein dazugekommen ist, doch ebenfalls zu seiner Wirkung auf den heutigen Leser beiträgt.

1931 schildern Erika und Klaus Mann noch einmal das unbeschwerte Reisen durch ein kosmopolitisches, freies Europa. Es handelt sich um eine im Untergehen begriffene Welt. Von den dunklen Wolken, die das Ambiente 1931 schon unübersehbar überschatteten, erfährt der Leser aus dem Text allenfalls in Andeutungen, er weiß es aber natürlich aus historischer Perspektive. Und er weiß auch, dass der Lebensweg von Erika und Klaus Mann keineswegs so fröhlich weiterging; dass sie nur wenige Jahre später in Marseille auf ihre Ausreise ins Exil warten sollten statt sich über den Preis von Langusten oder attraktive Matrosen auf den Straßen Gedanken zu machen.

Aus diesem Blickwinkel umgibt eine Melancholie den heiteren Text und verleiht ihm eine ungeahnte Tiefe. Doch ein Bummel an der Croisette in Cannes, ein Bad am Strand von Sainte-Maxime oder eine Fahrt über die Küstenstraße entlang den roten Felsen des Esterel-Massivs bringt dem heutigen Reisenden auch ein gutes Gefühl zurück: Am Ende hat die Côte d’Azur triumphiert. Irgendwo zwischen Touristen-Nepp, prahlerischen Russen und deutschen Sandalen-Trägern hat ihr Zauber überlebt. Und für Momente sehen und spüren wir noch immer dasselbe wie einst Erika und Klaus Mann.

  • Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera, Kindler, 176 Seiten, 16 Euro.

Sehr sehenswert dazu: die passende Doku Die große Literatour: Erika und Klaus Manns Côte d’Azur in der ARD-Mediathek:

https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS8yMDYzOTU0OA/

Ein Kommentar zu “Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera

  1. Pingback: Was nicht im Baedecker stand | Frau Lehmann liest

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