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Komik und Tragik liegen nah beieinander und verstärken sich in ihrer Wirkung gegenseitig. Diesem Phänomen begegnet der Leser in David Grossmans Roman Kommt ein Pferd in die Bar – wobei einem hier das Lachen meist im Hals stecken bleibt und die Tragik eine quälende Dimension annimmt. In seiner emotionalen Intensität hat mich das Buch beeindruckt wie lange keines mehr.

Der erste Geniestreich des Romans ist die ungewöhnliche Erzählkonstruktion: Die Handlung erstreckt sich über vielleicht zwei Stunden – die Zeit, die der Auftritt des Stand-up-Comedians Dovele Grinstein in einer Kleinkunstbühne der isrealischen Hafenstadt Netanja dauert. Größtenteils ungefiltert hören wir den Bühnenmonolog einer scheinbar windigen Gestalt, die dem Publikum anfangs routiniert seine abgeschmackten bis geschmacklosen Scherze präsentiert.

Im Zuschauerraum sitzt auch der Erzähler – wie sich herausstellt, ein früherer Jugendfreund Doveles. Nach Jahrzehnten hat sich der Komiker bei ihm, dem inzwischen pensionierten Richter, gemeldet und ihn gebeten, dieser Vorstellung beizuwohnen. Warum, bleibt zunächst rätselhaft.

Bald schon aber verlässt der Comedy-Auftritt seinen erwartbaren Rahmen. Das Abzünden eines Gag-Feuerwerks geht über in eine Abrechnung und Lebensbeichte Doveles. Hinter der Verkleidung von Ironie und Zynismus, hinter der Sicherheit der oft wiederholten Witze treten eine tragische Familiengeschichte und ein traumatisches Jugenderlebnis hervor.

Die schmierige Bühnenfigur legt nach und nach die Maske ab und gibt den Blick auf eine verletzte Seele frei – eine Zumutung, angesichts derer immer mehr Zuschauer den Saal verlassen und die auch den Leser an den Rand des Erträglichen führt. Von Fremdscham, Antipathie, Genervtsein und quälender Ungeduld bis zu einem tiefen Mitgefühl führt die emotionale Reise.

Es ist große Erzählkunst, wie Grossman seinen Protagonisten Dovele entwickelt: In diesem lauten, scheinbar rücksichtslosen Schmierenkomödianten steckt noch immer das sensible, mitfühlende Kind von einst, das in Theater und Komik einen Fluchtpunkt sah. Dorthin lässt sich aus einer feindseligen Realität entkommen. Und die Clownereien waren und sind ihm letztlich eine Strategie, um geliebt zu werden. Am Ende steht der große Zampano wehrlos und verletzlich vor den letzten paar verbliebenen Zuschauern auf der Bühne. Das habe ich als sehr bewegend empfunden.

Worum es denn nun eigentlich geht in dieser schmerzhaften Lebensbilanz, will ich an dieser Stelle nicht nacherzählen. Denn gerade die Ungewissheit, welche Wunden der Vergangenheit zutage kommen, macht die Spannung des Romans aus. Der Leser befindet sich ganz in der Position eines Zuschauers im Publikum, der keine Ahnung hat, was auf ihn zukommt.

Auf jeden Fall führt der Roman von der banalen Oberfläche in Abgründe, und die haben viel mit dem Land Israel zu tun: mit dem Aufwachsen einer Generation von Kindern von Shoa-Überlebenden, mit einer militaristisch geprägten Gesellschaft, aber auch mit ganz persönlichen Fragen von Freundschaft, Schuld und Verlust.

Grossman verbindet dabei eine innovative Erzählstruktur mit einem eigentlich klassischen Motiv – kamen doch auch schon bei Simmel mit den Clowns die Tränen. Das Bild des Komikers mit der traurigen Seele entfaltet auch hier seine Wirkung. Beim Lachen – sei es über Doveles billige Gags oder auch nur darüber, wie ihm diese misslingen – öffnet sich die Seele für Gefühle. Und von da ist es nur ein kleiner Schritt zum Weinen. Umgekehrt bewahrt Dovele als mitunter abstoßende Karikatur das Buch davor, in Sentimentalität abzugleiten.

Gebrochene Figuren, eine gebrochene Handlung, eine große thematische und psychologische Vielschichtigkeit, dazu höchste literarische Originalität und Finesse; nicht zuletzt ein reizvolles Spiel mit der Sprache (besonders mit dem ritualisierten Comedy-Slang) sowie eine Offenheit, die nicht alles ausformuliert, sondern auch den Gefühlen und Gedanken des Lesers Raum lässt: All das sind Qualitäten, die Kommt ein Pferd in die Bar für mich zu einem großen Roman machen.

  • David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar, Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Fischer Taschenbuch, 256 Seiten, 12 Euro.

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