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Als „heiter & schnell lesbar“ stufte Virginia Woolf selbst ihren Roman Orlando ein. Nun ja, ein weiteres Beispiel dafür, dass man Schriftstellern besser nicht glauben sollte, was sie über ihr eigenes Werk so von sich geben. Eine gewisse Heiterkeit mag diesem Buch ja innewohnen. Schnell lesbar aber ist es trotz seines mäßigen Umfangs ganz sicher nicht. Wenn überhaupt, dann lässt es sich meiner Meinung nach nur beim langsamen, sehr bedächtigen und aufmerksamen Lesen genießen. Ich muss aber zugeben, dass mir Orlando über weite Strecken verschlossen geblieben ist. Ich bin zwar froh um die Erweiterung meines Lesehorizonts, doch die war mit harter Arbeit erkauft.

Wenn man wie ich nicht wirklich weiß, worauf man sich bei Orlando einlässt, ist es zunächst einmal beschwerlich, sich in das Buch hineinzufinden. Dazu muss man sich nämlich von einigen konventionellen Leseerwartungen lösen. Eine Handlung, für deren Fortgang man irgendeine Art von Interesse aufbringt? Gibt es nicht. Psychologisch nachvollziehbare Charaktere, in die man sich gar einfühlen könnte? Kein Interesse. Logischer Aufbau? Fehlanzeige. Sich von all dem losgelöst zu haben, sich sogar darüber lustig zu machen, macht sicherlich eine subversive Qualität dieses Romans aus. Intellektuell kann ich das schätzen. Den Zugang zu Orlando macht es allerdings nicht leichter.

Immerhin: Was die Chronologie betrifft, ist Orlando streng linear aufgebaut. Erzählt wird das Leben der Titelfigur etwa zwischen dem Alter von 16 und 40. Dennoch ist es leicht, die zeitliche Übersicht über das Geschehen zu verlieren. Denn die Handlung ersteckt sich über die Jahre von ungefähr 1500 bis in die Gegenwart des Erscheinungsjahres 1928. In knapp 430 Jahren altert Orlando somit lediglich rund 25 Jahre – was jedoch nicht weiter thematisiert wird. Als relativ selbstverständlich nimmt der Roman auch eine weitere Besonderheit im Lebenslauf ihrer Titelfigur hin: Irgendwann wacht der als Knabe aufgewachsene und zum jungen Mann gereifte Orlando nämlich nach einem siebentägigen Schlaf als Frau wieder auf.

Im Kontrast zu diesem Grenzen sprengenden magischen Realismus avant la lettre steht die Form der wissenschaftlich abwägenden, staubtrockenen Biografie, die Virginia Woolf für diese Lebenserzählung parodiert – beginnend bei der ausufernden Danksagung zu Beginn bis zum garantiert zweckfreien Personenregister am Ende.

Auf der Handlungsebene schildert der Roman episodisch Station um Station von Orlandos Lebenslauf. Als 16-Jähriger steigt der junge Adelige zum Günstling von Königin Elisabeth I. auf. Er verliebt sich in eine russische Prinzessin, die ihn jedoch schnöde verlässt. Er wird Gesandter in Konstantinopel. Zieht von dort – mittlerweile eine Frau – zusammen mit Zigeunern wieder gen Heimat. Sie heiratet (einen Mann) und bringt einen Sohn zur Welt. Am Ende veröffentlicht sie in einem modernen London ihr lyrisches Epos Der Eich-Baum, an dem sie ein Leben lang, mithin Jahrhunderte, gefeilt hat, und feiert damit einen Erfolg.

Dass Virginia Woolf beim Schreiben einen Heidenspaß hatte, mag ich gerne glauben. Der Roman wirkt wie ein großes Spiel. Doch auf mich übertrug sich die Freude und Leichtigkeit, von der die Autorin getragen zu sein scheint, beim Lesen eher punktuell. Über weite Strecken stand ich vor diesem Text wie vor einem Witz, den ich einfach nicht verstehe. Das mag meine eigene Schuld sein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem es so geht.

Irgendwann so zur Mitte hin hatte ich das Gefühl: Ja, jetzt hab ich’s, jetzt bin ich drin im Groove und finde Genuss an den grotesken Charakteren, den wunderschönen Gedankenspielen, der fröhlichen Ironie in der Sprache, dem feinen Spott, den poetischen Bildern, den absurden, oft sehr, sehr witzigen Ideen. All das findet sich in Orlando zuhauf und auf höchstem Niveau, das gebe ich zu. Zahlreich sind die Stellen, die man unterstreichen und herausschreiben möchte. An unvergänglichen Bildern und Szenerien mangelt es ebenfalls nicht.

Doch dann verliert mich die Autorin wieder mit ausgedehnten, verrätselten Reflexionen und abstrakten Allegorien. Insbesondere zum Ende hin habe ich mich immer wieder dabei ertappt, wie ich über etliche Seiten hinweggelesen habe, ohne danach sagen zu können, was da stand. Ich wollte mich dann aber auch nicht weiter damit aufhalten, denn die Sehnsucht, den Roman nun endlich abschließen und beiseite legen zu können, war zu groß.

Die Frage, worum es in Orlando denn nun eigentlich geht, ist entsprechend schwer zu beantworten. Auf einer Bedeutungsebene hat Virginia Woolf den Roman als ein Portrait ihrer Freundin und Geliebten Vita Sackville-West bezeichnet. Nun ja, eben jene englische Adelige mit dem herben Gesicht habe ich kürzlich als eher mittelmäßige Autorin des Romans Unerwartete Leidenschaft kennen gelernt. Mir erschließt sich Virginia Woolfs Faszination für die snobistische Lady mit vornehmem Stammbaum, großer Liebe zum familiären Landgut Knole House (das sich als unermesslicher Adelssitz Orlandos im Roman widerspiegelt) und beträchtlicher Verachtung für die niederen Klassen nicht so ganz, aber bitte sehr, vielleicht war sie ja tatsächlich eine überaus interessante und einnehmende Persönlichkeit. 91 Jahre nach seinem Erscheinen muss es aber etwas anderes als dieser und weitere lebensweltliche Bezüge eines Schlüsselromans geben, das Orlando zum zeitlosen Klassiker macht, der noch immer Leser und Anhänger findet.

Zu sagen hat Orlando bis heute sicher etwas in Bezug auf Geschlechterrollen. Die Auflösung des Mann-Frau-Schemas, die Weigerung, dem äußeren Geschlecht irgendeine Bedeutung zuzumessen, die parodistischen Anmerkungen über Rollenbilder waren zu Virginia Woolfs Zeit sicher progressiv und haben über die Zeiten hinweg ihre Relevanz behalten.

Schon das nonchalante Ignorieren jeglicher Ansprüche an eine Einheit der Zeit und der Handlung, an eine Logik des Erzählens, an die Grenzen des Realismus mag man als ein Aufbegehren Virginia Woolfs gegen eine patriarchale Erzähltradition verstehen. Ist das „weibliches Schreiben“? Virginia Woolf sprengt jedenfalls Grenzen, und jegliche Schubladen sind ihr egal.

Zeitlos schön sind sicher auch Virginia Woolfs intime Betrachtungen zur Arbeit des Dichters. Nicht umsonst hat sie Orlandos oft metaphorisch beschriebene und symbolisch aufgeladene Arbeit am Eich-Baum zum roten Faden dieses diffusen Lebenswegs gemacht.

Sicher beinhaltet Orlando noch ausreichend Bedeutungsebenen und Bezüge, die sich bei einer zweiten und dritten Lektüre mit ausreichend Muße und Einfühlungsvermögen noch entdecken ließen. Dieser Reichtum ist es, was dem Roman wohl die Qualität eines Klassikers verleiht. Die Leseerfahrung möchte ich nicht missen – aber vorerst auch nicht unbedingt wiederholen.

  • Virginia Woolf, Orlando. Eine Biographie, Herausgegeben und kommentiert von Klaus Reichert. Deutsch von Brigitte Walitzek, Fischer Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, 8,95 Euro.

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