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Seit ich América gelesen habe, hat T. C. Boyle einen Platz in meinem persönlichen literarischen Olymp. Verfestigt hat er diesen Status mit seinem absolut coolen und humorvollen Auftritt bei der Vorstellung seines neuen Romans Das Licht in der Münchner Muffathalle. Mit entsprechend hohen Erwartungen habe ich das Buch zu lesen begonnen. Wurden sie erfüllt? Na ja, ich habe letztlich so gebannt gelesen, dass ich meine Erwartungen vergessen habe.

Das Licht macht als zeithistorischer Roman ein Stück amerikanischer Kulturgeschichte erlebbar, das sich rund um eine prominente, charismatische Persönlichkeit entwickelte, nämlich den LSD-Guru Timothy Leary. Eng entlang an den Fakten schildert Boyle, wie Leary als Psychologie-Professor in Harvard mit einem „inneren Zirkel“ von Studenten Experimente mit Psilocybin, bald darauf mit LSD durchführt. Das Ziel, die Wirkung der bewusstseinserweiternden Drogen zu dokumentieren und zu therapeutischen Zwecken einzusetzen, tritt in der Praxis der Sessions in Learys Haus rasch in den Hintergrund, man gibt sich in ungezwungener Party-Atmosphäre den rauschhaften Höhenflügen hin.

Im akademischen Umfeld von Harvard erwachen rasch (berechtigte) Zweifel an der wissenschaftlichen Seriosität von Learys Treiben. Sein Mitstreiter, Prof. Richard Alpert, fliegt von der Uni, auch Leary verlässt Harvard. Der „innere Kreis“ folgt dem Professor zunächst nach Mexiko, wo er ein komplettes Hotel angemietet hat. Später stellt ihm seine steinreiche Freundin Peggy ein 64-Zimmer-Anwesen im Dorf Millbrook im Staat New York zur Verfügung, wo seine Anhänger in einer Art Kommune mit ihm leben. Während sie LSD zum Sakrament und Timothy Leary zu ihrem Guru verklären und die Frequenz und Dosis des Konsums immer weiter ansteigt, entgleitet den „Jüngern“ das Leben Stück für Stück.

Gleichzeitig wird Learys revolutionäre Attitüde zusehends zur Selbstinszenierung und zur Masche, die sich auch gut kommerzialisieren lässt. Der Ausbruch aus den Konventionen wird zunehmend hohl, je mehr er in in immer breiteren Kreisen schick wird und ein Trip zum guten Ton gehört.

Über diese Entwicklung der Jahre 1962 bis 1964 enthält Das Licht so viele fundierte Informationen wie ein gutes, intelligent einordnendes Sachbuch – nur dass Boyle die Form des Romans gewählt hat, und das sehr gewinnbringend, denn anhand der fiktiven Hauptfiguren lässt sich die Realität jener Jahre noch besser nachvollziehen.

Im Mittelpunkt stehen Fitz Loney, der in Harvard promoviert, seine Frau Joanie und ihr pubertierender Sohn Corey – zu Beginn eine eigentlich sehr konventionelle, fast biedere amerikanische Kleinfamilie, die in bescheidenen Verhältnissen lebt. Als Fitz den ersehnten Zugang zum „inneren Kreis“ bei den Sessions im Hause Leary erhält, ist die temperamentvolle Joanie fast noch stärker Feuer und Flamme als er, denn die Trips bringen im wahrsten Sinne etwas Farbe in den allzu grauen Alltag der Bibliotheksangestellten.

Schritt für Schritt geht ihr kleinbürgerliches Leben in der Drogen-Kommune auf. Ganz allmählich wird aus der euphorisch angestrebten neuen, freien Lebensform fern der bürgerlichen Prägung jedoch ein sinnentleertes Hangeln von Kick zu Kick, für das neben sich steigernden Dosen LSD auch jede Menge Alkohol, Marihuana und freie Liebe herhalten müssen.

Die vermeintlich höhere Bewussteinsebene, das „Licht“, zu dem die LSD-Konsumenten zu gelangen hofften, ist am Ende weiter entfernt denn je. Zur Kommune gehört auch ein wilder, bösartiger Affe, man ergeht sich in abstrusen Riten, Fitz entblödet sich zu einer erotischen Obsession für eine hirnlose 19-Jährige, und Joanie muss feststellen, dass eine Ehe ohne Eifersucht und Besitzansprüche für sie ebenso wenig umsetzbar ist wie seelenruhig mit anzusehen, wie ihr Sohn als Teenager auf Trip geht und für sich dieselbe erotische Libertinage in Anspruch nimmt wie die Erwachsenen.

Ohne zu urteilen, aber doch mit gehöriger ironischer Distanz entzaubert T. C. Boyle auf diese Weise etwaige noch vorhandene LSD- und Timothy-Leary-Mythen. Trotz allen Zaubers der drogeninduzierten Halluzinationen und Farbenräusche landen seine Figuren am Boden. Die naive Überhöhung des Wirkstoffs und ihres Messias‘ setzt Boyle dem grellen Licht eines realistischen Blicks aus.

Das ist höchst unterhaltsam zu lesen. Boyle schreibt mit einem bewundernswerten Drive, als Leser hing ich quasi an seinen Lippen. Diese wunderbare Mischung aus bösem Witz und Verzweiflung, die mich an América so fasziniert hat, ist in Das Licht allerdings nicht anzutreffen. Der Blick auf diese frühen Hippies fällt doch deutlich sanfter aus. Sie sitzen letztlich einer Illusion auf, doch Abgründe tun sich bei ihnen nicht auf. Im Gegenteil: Die Charaktere bleiben etwas flach, insbesondere die vielen Nebenfiguren aus der „Kommune“ waren für mich teils schwer unterscheidbar.

Die Dramaturgie der Handlung ist der chronologischen Wiedergabe der Ereignisse untergeordnet. Und ja, die repetitive Aufeinanderfolge von einem Trip nach dem anderen ist zwischendurch schon etwas nervig. Mir als Ahnunglosem war es zwar neu zu erfahren, welche Art von Sinneswahrnehmungen ein LSD-Trip beinhaltet, aber irgendwann hatte auch ich es verstanden.

Thematisch hatte Das Licht für mich auch keine echte Dringlichkeit – im Gegensatz zur den bloßgelegten Mechanismen der Fremden- und Menschenfeindlichkeit in América. Dennoch habe ich mich auf kluge Art bestens unterhalten gefühlt. Und weitergebildet. Nicht nur im Hinblick auf die Wirkungsweise halluzinogener Substanzen, sondern auch, was eine bestimmte geistesgeschichtliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts anbelangt. Und wie er aus dem Nimbus von Leary als Genie die Luft herauslässt, damit zeigt Boyle auf alle Fälle die ihm eigene Gewitztheit.

  • T. C. Boyle, Das Licht, Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Carl Hanser Verlag, 384 Seiten, 25 Euro.

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