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Lesen abseits der ausgetretenen Pfade – in diesem Fall hat es sich absolut gelohnt. Der Roman Einsame Schwestern der mir zuvor unbekannten georgischen Autorin Ekaterine Togonidze war für mich eine große positive Überraschung. Es ist eine einfühlsam, bewegend und voller Poesie erzählte Geschichte übers Anderssein – und den grausamen gesellschaftlichen Umgang damit.

Für all das findet Ekaterine Togonidze viele eindringliche, aber nie aufdringliche Bilder und Symbole. Dadurch entsteht ein Roman von hoher Dichte und Emotionalität, bei dem man sich wundert, wie es die 1981 geborene Autorin schafft, in eigentlich schlichten Worten und auf gerade einmal 180 Seiten so viel zu sagen.

Die beiden titelgebenden Einsamen Schwestern heißen Diana und Lina. Einsam sind sie und doch niemals allein – beides aus dem Grund, dass sie sich sich von der Hüfte abwärts einen Körper teilen. Sie sind sogenannte Siamesische Zwillinge. Doch auch wenn sie durch die untere Körperhälfte und auch einige Organe untrennbar verbunden sind, handelt es sich selbstverständlich um zwei eigenständige Persönlichkeiten.

Ein Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag zeigt, dass Menschen mit dieser Fehlbildung in der Geschichte immer zu Objekten gemacht, oft regelrecht ausgestellt wurden. Auch ein Roman über Siamesische Zwillinge könnte Gefahr laufen, die Protagonistinnen einem neugierigen, voyeuristischen Blick preiszugeben. Ekaterine Togonidze tut das Gegenteil, indem sie Diana und Lina zu Subjekten des Erzählens macht. Die Handlung vermittelt sich dem Leser aus den Einträgen in den Tagebüchern, die beide führen – mit ihrer jeweils eigenen Sicht auf das zwangsläufig gemeinsam Erlebte, aber auch auf das jeweils getrennt erfahrene Seelenleben.

Die Aufzeichnungen offenbaren die gegensätzlichen Charaktere der beiden knapp 17-jährigen Teenager. Lina ist schwärmerisch, romantisch, schreibt Gedichte, hat Träume vom Leben und der Liebe. Diana hat einen deutlich abgeklärteren Blick auf die Welt, hadert mit den Beschränkungen, die ihr die Fehlbildung auferlegt, ist vom Überschwang der Schwester genervt.

Der Autorin gelingt es hervorragend, jeder Schwester eine eigenständige, authentische Sprache zu verleihen und ihre Perspektiven logisch stimmig zu halten. In der Sprache kommt auch ihre Isolation zum Ausdruck. Die Zwillinge wachsen bei ihrer Großmutter auf, die die „behinderten“ Schwestern penibel von der Außenwelt abschirmt – vorgeblich zu ihrem Schutz, doch ohne Zweifel zu einem Gutteil aus Scham. Diana und Lina sind damit jeglicher Freiheit beraubt. Das augenfälligste Bild dafür ist, dass die Großmutter sie als Kleinkinder an Möbeln festbindet, wenn sie einmal aus dem Haus muss.

Die Großmutter ist dementsprechend neben dem Fernsehen, Zeitschriften sowie diesen gelegentlich beigelegten Romanen die einzige Bildungsquelle der Mädchen. Sehr vieles von der Welt bliebt ihnen im begrenzten Horizont der ärmlichen Behausung am Rande von Tiflis freilich fremd. Das beginnt damit, dass sie die erste Monatsblutung völlig unvorbereitet ereilt, und endet damit, dass sie immer wieder nach dem Sinn bestimmter Fremdwörter fragen müssen.

Die Würde und Autonomie, die die Autorin ihren Protagonistinnen zugesteht, bleibt ihnen von Seiten der Gesellschaft in der Romanhandlung verwehrt. Lina und Diana werden zuerst versteckt, dann im Gegenteil als monströse Kuriosität zur Schau gestellt, entmündigt, ausgenutzt und gedemütigt. Sie landen unfreiwillig in einem Zirkus. Ihr Abweichen von der Norm wird zur Belustigung und auch zur sexuellen Stimulanz vorgeführt, ohne das beide wissen, wie ihnen geschieht. Was in letztlich naiven Worten der Schwestern in den Tagebüchern steht – auch der etwas zynischen Diana fehlen die Mittel, die eigene Entwürdigung einzuordnen -, ist für den Leser schwer erträglich.

Ekaterine Togonidze legt in diesem perspektivischen Erzählen große Kunst an den Tag, lässt den Leser mitfühlen und durch die gegenseitige Korrektur und Relativierung der Stimmen sowie die Einbeziehung des Erfahrungshorizonts des Lesers das Publikum oft mehr wissen, als die Zwillinge explizit artikulieren können. Doch dabei erhebt sich die Autorin nie über ihre Figuren.

Das Zirkus-Setting in Einsame Schwestern erscheint dabei etwas anachronistisch. Es mag vielleicht auch als Kritik Togonidzes an rückständigen Verhältnissen in Georgien zu verstehen sein, wie überhaupt im ganzen Roman die materielle Not und wirtschaftliche Unterentwicklung im Land durchscheinen. Es mag auch ein historischer Verweis oder ein zeitloses Symbol für die Diskriminierung Behinderter sein.

Doch letztlich ist es egal, ob die Siamesischen Zwillinge nun wie im Mittelalter auf Jahrmärkten durch eine tatsächliche oder, wie es bis heute der Fall ist, durch eine mediale Manege geschleift werden: Die grausame Botschaft, dass Gesellschaften allzu oft denjenigen, die von der Norm abweichen, Menschlichkeit und individuelle Würde absprechen, wird auf schmerzliche Weise deutlich und geht dem Leser durch Mark und Bein.

Zwischen die Tagebucheinträge Linas und Dianas eingeschoben sind auktorial erzählte Passagen rund um den Vater der Schwestern, den Universitätsdozenten Rostom Mordschiladze. Er erfährt erst nach deren Tod von der Existenz seiner Töchter – eine Wahrheit, gegen die er sich verzweifelt zu Wehr setzt.

Sein beharrliches Abstreiten und die in Rückblenden erzählte Geschichte seines Verrats an seiner Geliebten Elene – sie starb bei der Geburt der Zwillinge – sind das Dokument eines Mannes, der es nicht schafft, zu sich selbst zu stehen. Damit wird er zugleich Opfer und Täter einer Gesellschaftsordnung, die nicht anerkennt, was abseits der Konvention steht, und sich letztlich damit selbst verleugnet.

  • Ekaterine Togonidze, Einsame Schwestern, Aus dem Georgischen von Nino Osepashvili und Eva Profousová, Septime Verlag, 180 Seiten, 20 Euro (E-Book: 14,99 Euro).

4 Kommentare zu “Ekaterine Togonidze, Einsame Schwestern

    • Das ist ja schön, dass wir da mal wieder auf einer Wellenlänge sind! Ich komme gerade von meinem Literaturkreis zurück, da gab es auch einige kritische Stimmen. Manche hat das Buch regelrecht kalt gelassen, für andere war es wohl zu starker Tobak. Aber meinen Nerv hat Ekaterine Togonidze mit dem wichtigen Thema und der poetischen Umsetzung voll getroffen. Liebe Grüße zurück!

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