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Wenn man bei einer Medien- und Gesellschaftssatire auch 18 Jahre nach ihrem Erscheinen sagen kann „Ja, das trifft einen Punkt“, spricht das für den Text. Bei Thomas Glavinics Der Kameramörder haben sich die Phänomene, über die sich der Roman auf bitterböse Art lustig macht, zwar gewandelt, in ihrer Essenz aber noch einmal deutlich zugespitzt: gnadenloser Voyeurismus und sein Pendant, der mediale Exhibitionismus – zusammen eine Allianz, bei der die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Glavinic stellt beides in einer beißenden Groteske zur Schau. Die Konsequenz, mit der er den Bogen überspannt, ist zwar bewundernswert. Doch was dabei herauskommt, war für mich letztlich ein Unwohlfühl-Roman, der mich nicht sonderlich weitergebracht hat.

Der kurze Roman zeigt uns ein Verbrechen auf eine ganz eigene, durchaus originelle Art: nämlich aus einer durch die Medien vermittelten Sicht. Es handelt sich um eine sadistische Tat von völlig überdrehter Perfidie: Der Täter – der titelgebende Kameramörder – hat drei Kinder, Brüder, in seine Gewalt gebracht und zwingt zwei von ihnen durch Psychoterror, Selbstmord zu begehen, um Schlimmeres von den Geschwistern und dem Rest der Familie fernzuhalten. All das hält er per Videokamera fest.

Das Filmmaterial wird einem Privatsender zugespielt, der die Sequenzen unter dem Deckmantel eines aufklärerischen Impetus im Spätprogramm ausstrahlt. Diese Sendung, die ganze Berichterstattung über das Verbrechen und die Jagd nach dem flüchtigen Täter werden genauso zum Politikum wie zum überragenden Quotenhit. Die Öffentlichkeit verfolgt gebannt den Live-Krimi, immer mehr Journalisten und Schaulustige strömen in die ländliche Region in der Steiermark, dem Schauplatz des doppelten Kindsmordes.

Erzählt wird das Geschehen aus der Perspektive zweier Paare. Der Ich-Erzähler und seine Lebensgefährtin sind über Ostern bei einem befreundeten Pärchen zu Besuch, das in eben dieser Region in ländlicher Idylle lebt. Getrieben von der Sensationsgier vor allem des Gastgebers verfolgt das Quartett das Geschehen gebannt über Teletext, Boulevardzeitungen und Live-Übertragungen, pilgert gar in den benachbarten Wohnort der Opfer. Während sich die voyeuristische Lust über alle moralischen Skrupel hinwegsetzt, bemerken die vier, wie die Reality-TV-Handlung immer näher an sie heranrückt.

Die dem Roman zugrunde liegende Medienschelte ist mir eigentlich zu platt und zu wohlfeil. Wer würde es schließlich nicht verurteilen, wie kommerzielle Sender ebenso wie Politiker aller Couleur bis hin zur lokalen Wirtschaftswelt des Örtchens, das nun im Blickpunkt steht, Profit aus einer menschlichen Tragödie ziehen? Allzu leicht kann man sich auch über das Publikum echauffieren, das mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher sitzt, sich an sensationalistischen Berichten aufgeilt und mit seiner Nachfrage erst das pietätlose Angebot erschafft.

Glavinics Gesellschaftskritik erhält eher im Nachhinein zusätzliche Relevanz: All das, was 2001 noch als Übertreibung gemeint sein mag, wurde mittlerweile von der Realität überholt. Denkt man an die hysterische Flut unfundierter Live-Tweets bei Terroranschlägen, stellt das den Medienrummel und die Panikmache aus dem Roman in den Schatten. Und die Selbstdarstellung von Gewalttätern hat im Internet mittlerweile eine Vielzahl prominenter Plattformen erhalten und treibt entsprechende Blüten.

Also: Ist man wohlwollend, so mag man Thomas Glavinics Roman prophetisch nennen. Ich bleibe aber dabei: Besondere Hellsichtigkeit war nicht nötig, um solche offensichtlichen Missstände zu entdecken.

Interessanter finde ich da das doppelbödige Spiel, das Glavinic mit dem Leser treibt. Denn auch bei Der Kameramörder handelt es sich letztlich um nichts anderes als einen Krimi, der seinen Reiz aus der Spannung und dem wohligen Schauer über ein grausames Verbrechen bezieht. Der Leser, der hier atemlos die Verbrecherjagd verfolgt und sich ob der Unmenschlichkeit der geschilderten Taten gruselt – auch der Leser der hier offenbar parodierten, populären Splatterkrimis mit immer abstruseren Gewaltphantasien – muss sich natürlich fragen, ob er einen Deut besser ist als der widerliche Voyeur, der chipsfutternd die Schreckensnachrichten im TV aufsaugt.

Ich persönlich habe mich allerdings bei ganz anderen Dingen gegruselt, die Glavinic, wie ich finde, treffender und subtiler satirisch aufs Korn nimmt: diese unerträgliche Spießigkeit der beiden Paare, ihr wohlorganisiertes, schrecklich biederes Freizeitprogramm mit Tischtennisspiel, Badminton auf der Wiese und Jause mit Wurst und Käse. Was daran zu kritisieren wäre, liegt nicht sofort auf der Hand, und doch treibt einem die dem durchgetakteten „Spaß“ innewohnende Pedanterie Schauer über den Rücken – und man erkennt sich gleichzeitig selbst darin wieder. So sollte Satire funktionieren!

Dabei sind wir beim wohl markantesten Merkmal des Romans: seiner Sprache. Die ist nun wirklich eine überaus gelungene Parodie auf einen bürokratisierten, überkorrekten, gestelzten, unpersönlichen, wichtigtuerischen, protokollarischen Beamtensprech voller Gemeinplätze, der es aus verstaubten Amtsstuben heraus geschafft hat, unsere alltägliche Ausdrucksweise zu infizieren. Wenn der Ich-Erzähler seine „Lebensgefährtin“ als „Wagner Sonja“ vorstellt, die aus „Graz-Umgebung“ stammt, und erwähnt, dass sie „anlässlich eines Treffens“ mit Freunden „in einem übertriebenen und schadhaften Ausmaß alkoholischen Getränken (ca. 1 l Weißwein, 6 x 2 cl Tequila, ? Bier)“ zuspricht, wenn er erbsenzählerisch allerlei Einzelheiten registriert und auflistet, dann spiegelt sich allein in der Sprache die Mentalität einer entmenschlichten, empathielosen und engstirnigen Gesellschaft.

Glavinic treibt diese kalte, papierne und gerade in ihrer Detailversessenheit besonders unanschauliche Sprache auf die Spitze. Darüber kann man sich kaputtlachen, weil man den Duktus leider nicht nur aus Behördenschreiben allzu gut kennt. Andererseits sind die Formulierungen, die jeglicher Eleganz und Schönheit entbehren, über einen ganzen Roman hinweg – selbst wenn der Umfang begrenzt ist – nur schwer erträglich. Von Genuss kann hier keine Rede sein.

Nun kann es ja gut und durchaus beabsichtigt sein, wenn es der Autor dem Leser nicht erlaubt, sich in einem Roman gemütlich einzurichten. Allerdings ziehe ich es selbst bei einer noch so zynischen Gesellschaftsparodie vor, wenn der Autor seinen Figuren auch etwas Sympathie entgegenbringt, dem Leser ein Stück Identifikation mit ihnen erlaubt – und so umso eindringlicher bewirkt, dass man sich am Ende selbst hinterfragt. Ohne dieses Stückchen Wärme aber läuft Satire Gefahr, zur reinen Selbstversicherung zu werden. So kann ich vieles von der zweifellosen Raffinesse und den zahlreichen gelungenen Pointen von Der Kameramörder nur als Spielerei bewundern.

  • Thomas Glavinic, Der Kameramörder, Fischer Taschenbuch, 160 Seiten, 11 Euro.

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