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Wirklich fabelhaft, dass es diesen Roman jetzt endlich (wieder) auf Deutsch gibt. Mit ihrem Debütroman von 1938 Young Man with a Horn vollbringt Dorothy Baker Außerordentiches. Sie erweckt die Jazz-Musik der 1920er-Jahre mit den Mitteln der Literatur zum Leben, lässt uns eintauchen in eine überschäumende Epoche und gibt unprätentiös, aber sehr einfühlsam Einblick in eine Künstlerseele.

Es ist ein großes Verdienst der dtv Verlagsgesellschaft, mit Dorothy Baker eine weitere wichtige Autorin aus der Vergessenheit zu holen. Young Man with a Horn wurde zwar 1950 mit Kirk Douglas, Lauren Bacall und Doris Day verfilmt, und man findet eine antiquarische Ausgabe einer deutschen Übersetzung unter dem Titel Der Jazztrompeter. Doch irgendwie scheint dem Buch hierzulande bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil geworden zu sein. Nachdem dtv zunächst Bakers bekanntesten Roman Zwei Schwestern (Cassandra at the Wedding) neu herausgebracht hatte, ließ der Verlag 2017 Young Man with a Horn folgen. Wie dabei der deutsche Titel Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft zustande kam, bleibt schwer nachvollziehbar, wenn ich auch zugeben muss, dass er eigentlich recht schön klingt und auch gar nicht so unpassend ist.

Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass die Handlung an das Leben des Musikers Bix Beiderbecke (1903-1931) angelehnt ist – laut dem hervorragenden Nachwort des Jazz-Journalisten Gary Giddins aber dann offenbar doch nur sehr lose. Eher mag Bakers Roman durch Beiderbeckes Musik inspiriert sein. Der einst bekannte, jedoch bei Erscheinen des Romans 1938 schon nur noch Experten geläufige Trompeter und Dorothy Bakers Romanheld Rick Martin haben biografisch wohl nicht viel mehr gemeinsam als das musikalische Genie und den frühen Tod in Folge ihrer Alkoholsucht.

Dorothy Baker hat aus dem Stoff einen tief gehenden und mitreißenden Künstlerroman gemacht. Sie zeigt uns Rick Martin als Menschen, dessen ganze Ambition auf die Musik gerichtet ist. Indem er sein Instrument, die Trompete, zur höchsten Perfektion und Ausdruckskraft führt, verwirklicht er sein ganzes Sein, das darüber hinaus kaum eine Substanz zu haben scheint. Nur die Musik hebt ihn auf eine Ebene der Erfüllung und Vitalität, die für andere unerreichbar bleibt. Der Alkohol, zunächst nicht mehr als ein gewöhnlicher Bestandteil des Alltags im Jazzer-Milieu, wird für ihn irgendwann zum Mittel der Grenzüberschreitung hin zu neuen Sphären des Musizierens. Dorothy Baker schildert Rick Martin als hell aufleuchtenden und rasch verglühenden Stern.

Schon das ist höchst faszinierend. Dorothy Baker findet eine präzise, von Expertise zeugende Sprache zur Beschreibung von Musik, die aber auch dem Laien glasklar macht, was ein einzelnes Stück und seine Interpretation ausmacht. Als Musikkenner kann man diese Meisterschaft Bakers vermutlich noch besser schätzen.

Dazu kommt ihre große Kunst, Atmosphäre zu schaffen. Als Leser glaubt man, mitten in dem Jazz-Club in Los Angeles zu sitzen, in dem Rick als Junge zum ersten Mal dem Auftritt einer aus Schwarzen bestehenden Combo lauscht. Leicht und beschwingt erlebt man die Konzerte der Tanzband mit, denen Rick in einem kalifornischen Freizeitpark mit der Trompete einen ungeahnten Kick verleiht. Schließlich taucht man mit ein in die New Yorker Jazzclubs und spürt, wie unterbewertet Rick sich in dem – wenn auch legendären – Swing-Orchester fühlen muss, dessen Star er ist.

Die Musik von Bix Beiderbecke war eine Inspirationsquelle für Dorothy Bakers Roman Young Man with a Horn. Die Geschichte ihres Helden Rick Martin hat aber nur bedingt mit der historischen Biografie des Jazz-Trompeters zu tun.

Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft ist aber noch viel mehr als ein herausragender Musik- und Musikerroman. Es ist eine zutiefst menschliche Hymne auf Lebensentwürfe, die Konventionen und Grenzen überschreiten. Hier beginnt der große Kontrast zwischen Bakers Romanhelden und dem angeblichen Vorbild Bix Beiderbecke. Während letzterer offenbar aus einem gutbürgerlichen Milieu stammte, hat Rick kein solides Lebensfundament. Er wächst bei Onkel und Tante auf und ist dabei als Kind weitgehend sich selbst überlassen.

Eine Ersatzfamilie findet er in einer Gruppe schwarzer Musiker. Dass sie sowohl seine menschlichen Bezugspersonen als auch seine Idole sind, ist in Zeiten der Rassentrennung ein Verstoß gegen die Konvention, die für Rick aber einfach keine Relevanz hat. Auch Dorothy Baker hält sich an keiner Stelle mit Klischees auf. Ihre schwarzen Figuren sind keine Opfer, sie entstammen der Mittelschicht und machen Karriere als Musiker. Baker hat keinen Anti-Diskriminierungsroman geschrieben, setzt aber dem zu ihrer Zeit noch höchst virulenten Rassendenken andere Maßstäbe entgegen und unterwandert subtil, mit Herz und Witz ein paar Vorurteile.

Kategorien sprengen Ricks Freundschaften aber nicht nur im Hinblick auf die Rassentrennung. Wenn er seinen Lebensbegleiter, Schlagzeuger Smoke, Babe nennt, schwingt darin mehr wahre Verbundenheit mit, als sich in der verrückten Ehe mit der faszinierenden Neurotikerin Amy einstellt. Die Schilderung letzterer Beziehung wird bei Baker übrigens zu einer schillernden, wunderbar ambivalenten Liebesgeschichte.

Geprägt ist der Roman nicht zuletzt von Dorothy Bakers Sprache und ihrem Erzählton. Sie schreibt exakt, fast kühl, oft blitzt leise Ironie auf – ein geschickt eingesetztes Gegengewicht zur beschriebenen musikalischen Leidenschaft, das diese von vornherein vom möglichen Makel der Irrationalität befreit. Sein ganzes Selbst im Streben nach dem perfekten Ton aufzulösen, so vermittelt uns Dorothy Baker, ist kein Wahnsinn, sondern das Klügste, das man tun kann.

  • Dorothy Baker, Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft, Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, Mit einem Nachwort von Gary Giddins, dtv Verlagsgesellschaft, 272 Seiten, 20 Euro.

3 Kommentare zu “Dorothy Baker, Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

  1. Pingback: Blogbummel Dezember/Januar 2019 – buchpost

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