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Ein Krimi wie ein Sudoku – und zwar eins für Fortgeschrittene: Verdächtige Geliebte von Keigo Higashino zeichnet sich durch tadellose Logik, eine große Klarheit und Reduktion aufs Wesentliche aus. Der Autor stellt den Leser vor eine große Logelei, die am Anfang schlicht wirkt, doch deren Lösung immer komplizierter und schließlich unmöglich erscheint – bis zum überraschenden Ende, das völlig zwingend und unabweisbar ist. Verdächtige Geliebte ist ein sehr guter Krimi. Nicht weniger – aber eben auch keinen Deut mehr.

In Verdächtige Geliebte – der Roman hätte übrigens einen besser zum Inhalt passenden und nicht ganz so stereotypen Titel verdient – meint es der Leser zunächst „nur“ mit einem Mordfall zu tun haben, bei dem er die Täterin bereits kennt. Die Kellnerin und alleinerziehende Mutter Yasuko bringt im Affekt ihren Ex-Mann um, einen grobschlächtigen, brutalen Geist aus der Vergangenheit, der eines Tages wieder bei ihr auftaucht, um sie weiter materiell und psychisch auszunutzen.

Ihr Nachbar Ishigami bekommt die Tat zufällig mit. Ishigami ist ein Mathematiklehrer, genial in der Welt der Zahlen, im menschlichen Umgang mit autistischen Zügen, der heimlich in seine Nachbarin verliebt ist.  Er stellt ihr nun die ganze Kraft seines logischen Denkens zur Verfügung, um ihre Täterschaft zu verbergen. Dafür setzt er auf die Kreation eines unumstößlichen Alibis, das den Ermittlern – gleich einer vertrackten Matheaufgabe für seine Schüler – mächtig zu knabbern gibt.

Ermittler, das ist zuvorderst Kommissar Kusanagi. Doch so wie auf „Täterseite“ nicht die eigentliche Mörderin die Fäden zieht, sondern Ishigami,  steht letzterem als wahrer Widersacher ebenfalls ein Außenstehender gegenüber: Der Physikprofessor Yukawa, Held einer ganzen Romanreihe Higashinos, ebenso genial und naturwissenschaftlich-rigoros wie Ishigami und übrigens ein alter Freund des Mathematikers, auch irgendwie schrullig, aber zusätzlich mit mehr emotionaler Intelligenz ausgestattet.

So beruht die Spannung in Verdächtige Geliebte auf einem intellektuellen Wettstreit auf hohem Niveau. Auch wenn die Mörderin von Beginn an feststeht, entwickelt sich eine absolut klassische Krimi-Rätselei. Nur stellen sich eben andere Fragen: Welchen Sinn haben diese Spuren, die Ishigami gelegt hat? Wie hat er es hinbekommen, dass Yasukos Alibi so überzeugend ist? Und was bezweckt Yukawa mit seinen seltsamen Nachforschungen? Higashino gibt mit allerlei geschickt gesetzten Leerstellen, die er durch das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven erreicht, reichlich Anlass, sich den Kopf zu zerbrechen.

Higashino erzählt schnörkellos. Er kommt ohne Ablenkungsmanöver aus. Die Zahl der Figuren bleibt sehr übersichtlich. Auf jegliche Nebenhandlungsstränge verzichtet er. Jedes Wort hat mit dem „Fall“ zu tun.

Alles Grübeln und Deuten bleibt freilich umsonst. Denn erst zum Schluss fällt es einem wie Schuppen von den Augen, wie man als Leser ebenso wie die Ermittler die ganze Zeit raffiniert an der Nase herumgeführt worden ist. Es ist eine tolle Auflösung, wie man sie sich für den perfekten Krimi wünscht und wie sie doch sehr selten ohne logische Verrenkung gelingt.

Kusanagi aber schafft diesen einen einfachen Kniff, und plötzlich sind sämtliche Fragen beantwortet. Alle Hinweise waren da – und doch wäre man selbst nie darauf gekommen, weil man sich brav in eine völlig falsche Richtung des Denkens hat leiten lassen. Das findet man, wenn man es mal genau betrachtet, selbst beim großen Vorbild Sherlock Holmes nicht in dieser Eleganz. 

Am Ende ist der Leser ebenso befriedigt wie beim Anblick eines fehlerfrei ausgefüllten Sudokus. Überhaupt fand ich es sehr wohltuend,  einen Krimi zu lesen, der statt, wie heute in Mode, auf blutige Schockeffekte ganz auf das detektivische Puzzlespiel, auf Beobachtung und Kombination setzt. Verdächtige Geliebte ist insofern ein angenehm altmodischer Krimi, ein wenig in der Tradition von Columbo oder Agatha Christie, nur ohne deren Biederkeit und durch den unkonventionellen Aufbau auch innovativ.

Was hat mir dann gefehlt? Nun ja, ein paar Dinge, die gute Literatur kann, um dem Erzählten eine Bedeutungsebene über das Gesagte hinaus hinzuzufügen. Verdächtige Geliebte hat – um nur Beispiele zu nennen – keine weitere gesellschaftspolitische oder psychologische Dimension, die über den Krimiplot hinausginge. Der Roman birgt nichts von allgemeiner Gültigkeit. Er lässt mich weder in eine japanische Lebenswelt eintauchen noch führt er zu authentischen seelischen Abgründen. Humor ist – immerhin – in homöopathischen Dosen anzutreffen. Schönheit der Sprache spielt keine Rolle.

Die Personen bleiben Schachfiguren, die der Autor virtuos bewegt, doch die wenig individuelle Tiefe haben. Sie haben eine Funktion im Konstrukt zu erfüllen. Aber sie werfen den Leser nicht auf sich selbst zurück, wie es in großen Romanen passiert.

All das kann man Keigo Higashino nicht zum Vorwurf machen. Er hat eben einen anderen Ansatz gewählt, mit seinem Schreiben andere Ziele verfolgt, und diese mit Bravour erreicht.

Ich als Leser habe Verdächtige Geliebte mit Spannung und Bewunderung konsumiert – wenn auch letztlich ohne innere Anteilnahme. Ab und zu ist einem aber auch nach dieser Art von Roman. Und dann ist Keigo Higashino eine gute Wahl

  • Keigo Higashino, Verdächtige Geliebte, Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Piper Taschenbuch, 320 Seiten, 10 Euro.

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