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2011. Die baskische Terrororganisation ETA hat das Morden für beendet erklärt. Ist es nun Zeit für Versöhnung? Oder ist die Zeit gekommen, um alte Rechnungen zu begleichen? An diesem Punkt setzt Fernado Aramburos großer ETA-Roman Patria ein. Es ist ein wichtiges Buch – vielleicht weniger aus künstlerischer Sicht, sondern vor allem, weil es so erhellend und menschlich ist.

Uns mag der Terrorismus im Baskenland heute fast wie ein Kapitel aus einer anderen Zeit vorkommen. Tatsächlich aber ist das Ende der Untergrundorganisation ETA ein ganz aktuelles Ereignis: Erst am 2. Mai 2018 wurde bekannt gegeben, dass zum 16. April sämtliche Organisationsformen der terroristischen Vereinigung aufgelöst worden waren.

Die ETA wird für rund 830 Morde verantwortlich gemacht, begangen über Jahrzehnte hinweg bis zur Verkündung eines Waffenstillstands 2010 und der Erklärung der Aufgabe aller bewaffneten politischen Aktivitäten 2011. Die Meldungen über Terroranschläge der ETA waren während meiner Kindheit und Jugend ein fast alltäglicher Bestandteil der Nachrichten. Und doch geht es mir wie vermutlich vielen anderen Menschen außerhalb Spaniens, für die dieser blutige Konflikt irgendwie weit weg und schwer durchschaubar blieb. Ein dringender Grund mehr, nun Patria zu lesen.

Mehr als dass er eine politische Erklärung liefern würde, macht der Roman die Jahre des Terrorismus auf menschlicher Ebene nachfühlbar. Aramburo erzählt die Geschichte zweier Familien in einem baskischen Dorf. Es gibt neun weitgehend gleichberechtigte Hauptfiguren, doch der Kernkonflikt dreht sich um die beiden Mütter, Miren und Bittori. Sie waren einst beste Freundinnen, wollten gar zusammen ins Kloster eintreten. Dann aber heiratet Bittori einen Unternehmer, der es mit seiner Transportfirma zu einigem Wohlstand bringt; und Miren einen gutmütigen, aber etwas trägen Arbeiter, mit dem sie eine Existenz im kleinbürgerlichen Milieu fristet.

Die Frauen bleiben lange eng verbunden, doch die politischen Entwicklungen machen sie zu Antagonistinnen, unüberbrückbar getrennt auf der Täter- und der Opferseite des baskischen Konflikts. Mirens Sohn Joxe Mari schließt sich dem bewaffneten Kampf der ETA an. Bittoris Mann Txato wird von einem Terrorkommando vor seinem Haus erschossen.

Aramburo erzählt die Geschichte der beiden Familien als Puzzle aus  125 kurzen Kapiteln. Dabei springt der Erzähler in der Zeit vor und zurück und wechselt die Perspektive zwischen den neun Protagonisten – den beiden Ehepaaren und ihren zwei beziehungsweise drei Kindern. Höchstens für drei oder vier Kapitel am Stück wird dabei ein Handlungsstrang weiterverfolgt. Innerhalb der einzelnen Abschnitte ist die Erzählperspektive wiederum dadurch gebrochen, dass sich eine Stimme mit antreibenden Zwischenfragen zu Wort meldet.

Das klingt vielleicht avantgardistisch und schwer zu lesen – ist es aber überhaupt nicht. Aramburo erzählt – übrigens in einfacher, kolloquialer Sprache – letztlich vollkommen konventionell eine Familiensaga, die sich süffig herunterliest. Aus der Erzähltechnik bezieht er gute Spannungseffekte: Man sieht eine Figur in einer bestimmten Lebenslage – nehmen wir die schwerbehinderte Arantxa, Mirens Tochter – und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. Das nicht-chronologische Erzählen erlaubt dem Autor, die Erklärung irgendwann nachzuliefern und den Leser auf diese Weise bei der Stange zu halten. Alles bleibt trotzdem so übersichtlich, dass der Leser nicht befürchten muss, den Faden zu verlieren.

Wie Aramburu den Leser an die Hand nimmt und selbst in der zersplitterten Romanstruktur die Kontrolle behält und die Logik beachtet, ist schon bewundernswert. Ich bin mir nur nicht ganz schlüssig, ob er nun das Komplizierte für den Leser einfach macht, oder ob er die an sich schlichte Erzählung unnötig kompliziert gestaltet, um ihr einen literarisch-modernen Anstrich zu verpassen. In jedem Fall würde ich hier eher von einer großen handwerklichen als von einer künstlerischen Leistung sprechen.

Die Aufsplitterung in neun Perspektiven hat da schon eher eine inhaltliche Begründung. Der Leser kann auf diese Weise die Welt durch die Augen des Terroristen sehen, sich in die Mutter hineinversetzen, die in unverbrüchlicher Loyalität zu ihrem Sohn steht und sich politisch radikalisiert, aber auch in die Angehörigen des Terror-Opfers, die Zeit ihres Lebens an ihrer Bürde zu tragen haben, und zwar, wie Aramburu durchaus subtil zeigt, teils auf eine gar nicht so offensichtliche Art.

Hier sehe ich die ganz große Stärke des Romans: Aramburu sieht alle Beteiligten des Konflikts als Menschen. Das heißt nicht, dass er die Morde der ETA in irgendeiner Form relativieren oder um Verständnis für die Täter werben würde. Nein, Joxe Mari bleibt in Patria ein Verbrecher, der viel Leid verursacht, das wir im Roman auch ganz deutlich zu sehen bekommen. Aber er ist auch ein Sohn, Bruder, Freund, ein nicht eben intellektueller Haudrauf, einer, der Anerkennung sucht – und schließlich auch ein Opfer von Folter durch die Polizei.

Patria macht zudem sehr anschaulich, wie ein politischer Konflikt eine Gesellschaft spaltet, wie Mechanismen von Vorurteilen, Ausgrenzung, Opportunismus und Nicht-mehr-miteinander-Reden funktionieren. Das ist treffend und klug beobachtet und natürlich weit über die Grenzen des baskischen Konflikts hinaus relevant und hochaktuell. So hat Aramburus ETA-Roman uns zweifellos auch viel und Wichtiges über das Miteinander in einem sich polarisierenden Deutschland zu sagen, über die von außen so unverständlichen Fronten im Katalonien-Konflikt – und über die Radikalisierung muslimischer und anderer heutiger Terroristen sowieso.

Diese Themen herunterzubrechen auf ganz normale Menschen, deren Leben beileibe nicht nur aus Politik oder Ideologie besteht, die sicher nicht als Symbolfiguren für irgendetwas taugen und die auch ganz andere Probleme haben – und die trotzdem ganz unmittelbar unter dem Einfluss ihrer Zeit stehen: Das ist das große Verdienst  des Romans Patria.

  • Fernando Aramburu, Patria, Tusquets Editores, 648 Seiten, erhältlich als e-Book für zirka 10 Euro oder als Taschenbuch für zirka 24 Euro. Deutsche Übersetzung: Patria, Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Rowohlt, 768 Seiten, 25 Euro.

Ein Kommentar zu “Fernando Aramburu, Patria

  1. Pingback: Zu dokumentarisch für einen Roman, als Dokument zu romanhaft: Patria – Sören Heim – Lyrik und Prosa

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