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Selten habe ich bei einem Buch so viel gelacht und so viel Wahrheit darin gefunden wie bei Sinclair Lewis‘ Babbitt. Das ist umso erstaunlicher, als der Roman nun knapp 100 Jahre auf dem Buckel hat und man annehmen könnte, dass sich eine so betagte Gesellschaftssatire überlebt haben und der Humor nicht mehr zünden könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Sinclair Lewis hat durch die genaue Beobachtung seiner Zeit und ihrer Menschen offenbar etwas Zeitloses eingefangen, in dem ich auf einem anderen Kontinent und in einem anderen Jahrhundert viel von meinem Hier und Heute – und von mir – wiedererkennen konnte. Die hervorragende Neuübersetzung von Bernhard Robben tut ihr Übriges, dass dieser Klassiker taufrisch wirkt. Großer Applaus!

Mit seiner Titelfigur George F. Babbitt hat Sinclair Lewis einen ganz besonderen Charakter geschaffen: einen, der sich paradoxerweise durch seine Durchschnittlichkeit auszeichnet – das aber so markant, dass er geradezu zum Prototyp geworden ist. Seine unverkennbaren Nachfolger bevölkern etliche amerikanische Romane von John Updike („Rabbit“!) über Richard Ford bis T. C. Boyle, und auch in die amerikanische Umgangssprache hat Babbitt Eingang gefunden.

George F. Babbitt, Mitte 40, gehört in den 1920er-Jahren als Immobilienmakler der aufstrebenden Mittelschicht einer aufstrebenden amerikanischen Mittelstadt – dem imaginären Zenith – an. Seine Wohnverhältnisse in der schmucken Siedlung Floral Heights sind von A bis Z durchgenormt und bar jeder Individualität. In seine Ehe mit der biederen Myra ist er nicht ohne Sympathie, aber am Ende doch nolens-volens hineingeschlittert und lebt nun bequem neben der ergebenen Gattin her. Die drei gemeinsamen Kinder sind mehr oder weniger Randerscheinungen im Haus, bisweilen Störfaktoren, bisweilen Objekte vermeintlich weiser Ermahnungen. Gesellschaftliche Bestätigung findet Babbitt in diversen Clubs und/oder Bruderschaften, in denen sich etablierte Unternehmer und andere Stützen der Gesellschaft treffen und sich in ihrem konservativen Weltbild der eigenen Rechtschaffenheit versichern.

Babbitt also ist der perfekte Spießer, zukunftsgläubiger Amerikaner in Einklang mit sich und der Welt, die ihn umgibt, einer, der die bestehende Ordnung nie hinterfragen würde. Er fühlt sich moralisch stets auf der sicheren Seite, selbst wenn bei manch dubiosem Immobiliengeschäft die Moral auf der Strecke bleibt. Er ist opportunistisch, kleingeistig, geltungssüchtig, charakterschwach, borniert, chauvinistisch und komplexbeladen. Er buckelt nach oben und tritt nach unten und redet der Mehrheit nach dem Mund.

Diese Charakter- und parallel dazu Gesellschaftsstudie treibt Sinclair Lewis von Pointe und Pointe. Wie gesagt, es gibt ständig was zu lachen in diesem Roman. Trotzdem: Michael Köhlmeier hat in seinem Nachwort in der vorliegenden Manesse-Ausgabe völlig Recht, wenn er sagt, dass Babbitt viel mehr sei als eine bloße Satire. Eine Satire macht sich von außen und von oben herab lustig über ihre Figuren, die eben nicht mehr als Typen sind. Babbitt aber, das ist ein Individuum, und das sind wir alle.

Sinclair Lewis hat sehr scharf beobachtet und macht in der Normalität die alltägliche Absurdität sichtbar, ohne groß übertreiben oder bewerten zu müssen. Als Leser findet man George F. Babbitt nicht unbedingt sympathisch, man schüttelt den Kopf über ihn, man erkennt aber auch bestimmt die ein oder andere eigene Schwäche und absurde Komik aus dem eigenen Leben wieder. Vielleicht kann man Lewis‘ Methode ein wenig mit dem vergleichen, was Loriot in Bezug auf ein spezifisch deutsches Spießertum zuwege bringt.

Und wie bei jeder guten Komik gibt es auch hier einen tragischen Kern. Sinclair Lewis lässt subtil durchscheinen, dass George F. Babbitt in den Konventionen, an die er sich verzweifelt klammert, gefangen ist. Er ist ein zutiefst verunsicherter Mensch, der eigentlich auf der Suche nach sich selbst, nach Authentizität ist, aber zum Ausbrechen zu schwach. Und er wüsste übrigens auch gar nicht, wohin er ausbrechen sollte. Das macht aus diesem scheinbar lächerlichen Jedermann eine berührende, menschliche Figur.

Am sichtbarsten wird dieser Kern des Romans gegen Ende. Da kommt übrigens auch erst die Handlung ein wenig in Schwung: Babbitts Versuch, den bürgerlichen Konventionen zu entkommen, ein halbherziger Flirt mit liberalen politischen Ansichten und  ein Ausflug in ein – seinerseits aber wiederum vollkommen hohles – Lotterleben.

Leser, die sehr plotorientiert sind, müssen vielleicht etwas Geduld aufbringen, denn an äußerer Handlung haben die über 700 Seiten (in dieser kleinformatigen Ausgabe; sonst sind es wohl deutlich weniger) nicht sehr viel zu bieten. Ich fand es trotzdem durchgehend sehr kurzweilig, Babbitt durch sein Leben zu begleiten – etwa das erste Fünftel des Romans übrigens durch einen einzigen Tag.

Babbitt funktioniert universell. Und hat gleichzeitig Sprengkraft als bis heute gültige Gesellschaftskritik und Analyse eines Landes, von dem es einen nach der Lektüre wieder einmal ein Stück weniger wundert, dass es einen Präsidenten Donald Trump hervorgebracht hat.

  • Sinclair Lewis, Babbitt, Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Bernhard Robben, Nachwort von Michael Köhlmeier, Manesse Verlag, 784 Seiten, 28 Euro.

Ein Kommentar zu “Sinclair Lewis, Babbitt

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