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„Build that wall!“ Das war nicht nur der Schlachtruf Donald Trumps und seiner Anhänger im Präsidentschaftswahlkampf 2015/16. Es ist auch das Motto einer Gruppe von Nachbarn in T. C. Boyles 1995 erstveröffentlichtem Roman América. Die Besitzer von Häusern im einheitlichen Kolonialstil am Rand der Wildnis etwas außerhalb von Los Angeles wollen eine Mauer um ihre Siedlung bauen, um sich vor den vermeintlichen Gefahren von außen zu schützen. In erster Linie ist wie bei Trump die Abgrenzung vor mexikanischen Einwanderern gemeint, der gefühlten Bedrohung für Sicherheit und Wohlstand des weißen Amerikaners. Dass man sich mit der Mauer gleichzeitig selbst einsperrt, der Freiheit und des offenen Blicks beraubt, daran scheint sich in beiden Fällen kaum jemand zu stören – beziehungsweise ist die Stimme der Vernunft einfach nicht laut genug, um sich gegen Panikmache und Simplifizierung zu behaupten. Den Rest erledigt der Opportunimsus.

Der Bau von Zäunen und Mauern ist nur eines von vielen treffenden Bildern, mit den Boyle in América sarkastisch eine Gesellschaft der Angst und Abschottung darstellt – wobei dem Leser das Lachen im Halse stecken bleibt, denn in dem, was eigentlich wirkt wie ein böser Witz ist praktisch ohne Abweichung die Realität des Trump-Amerika und des AfD-Deutschland 2018 wiederzuerkennen.

Es erfüllt mich mit Bewunderung und ist zugleich zutiefst frustrierend: T. C. Boyles Roman taugt auch 23 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch als perfekte Gegenwartsanalyse,  heute sogar mehr denn je. Das Buch veranschaulicht, wie rasch die liberale Fassade einer vermeintlich freiheitlichen Gesellschaft bröckelt, wie die Angst vor dem Fremden und Vorurteile Raum greifen und Menschen in eine kollektive Hysterie abdriften, in der die Menschlichkeit (oder der Anschein davon) untergeht. T. C. Boyle erzählt das mit beißendem Spott, aber ohne das Mitgefühl zu verlieren. Es ist ein großartiger Roman.

Das Erzählgerüst besteht aus zwei stark kontrastierenden Handlungssträngen, die sich immer wieder mal berühren, im Wesentlichen aber parallel laufen. Sie stehen für zwei Lebenswelten, die trotz räumlicher Nähe kaum Berührungspunkte aufweisen – und wenn, dann sind die Begegnungen von Verständnislosigkeit geprägt. Zu Beginn des Romans aber kollidieren sie gewaltsam. Delaney Mossbacher, Inbegriff des liberalen, weißen Amerikaners und Bewohner erwähnter Chalet-Siedlung namens Arroyo Blanco, ist mit seinem „wachsgepflegten, japanischen Auto“ auf den Weg zum Wertstoffhof, als er auf der Landstraße einen Menschen erfasst. Wie sich beim Nachsehen herausstellt, handelt es sich augenscheinlich um einen Mexikaner, der nun verletzt im Gebüsch liegt. Delaney drückt ihm, der ärztliche Hilfe ablehnt, 20 Dollar in die Hand und setzt seinen Weg fort. Seiner Frau wird diesen allzu billigen Freikauf später am Telefon mit den Worten erklären: „Ich sage dir doch – es war ein Mexikaner.“

Von diesem Ausgangspunkt begleitet der Roman Delaney und seine Familie auf der einen sowie den Mexikaner Cándido auf der anderen Seite. Cándido ist ein illegaler Einwanderer, der zusammen mit der 17-jährigen América aus seinem Heimatdorf über die Grenze geflohen ist. Das Paar campiert in einen Cañon ohne festes Dach über dem Kopf in freier Natur, ohne Papiere, darauf angewiesen, an einer Art „Arbeiterstrich“ vor einem Postamt für ein paar Stunden schlecht bezahlte Schwarzarbeit zu ergattern, um nicht zu verhungern und vielleicht, vielleicht ein paar Dollar anzusammeln für den großen Traum von einer richtigen Wohnung.

Delaney Mossbacher unterdessen führt mit seiner Frau Kyra und deren Sohn das Leben moderner, aufgeklärter, gesundheitsbewusster Demokraten-Wähler. Während sie als akribische Immobilienmaklerin das Geld verdient, betreut er Sohn Jordan – wobei die Einhaltung des ausgewogenen Ernährungsplans bedeutsamer zu sein scheint als menschliche Zuwendung – und verfasst für ein Naturmagazin Artikel über seine Erkundungstouren im benachbarten Cañon. Seine Liebe zur Natur stößt jedoch an Grenzen, als selbige in sein heimisches Territorium vordringt, und zwar in Gestalt wilder Coyoten, die sich erst den einen, dann den anderen Haushund der Mossbachers zum Frühstück schnappen.

Boyle erzählt die Geschichte von Cándido und der schwangeren América im Stil eines schonungslosen Realismus. Für die beiden folgt Rückschlag auf Rückschlag, eine Katastrophe jagt die nächste. Das ist explizit angelehnt an John Steinbecks Früchte des Zorns. In diesem Roman geht es um verarmte Landarbeiter aus Oklahoma, die in den 1930er-Jahre in einem großen Treck Richtung Kalifornien fliehen, dort aber auf nichts als Ausbeutung, Diskriminierung, Gewalt und ebenfalls bitterste Armut stoßen. Die Parallele macht die Allgemeingültigkeit des verzweifelten Migranten-Schicksals deutlich und zeigt, dass es ebenso Mexikaner wie auch US-Amerikaner sein können, die die schiere Not dazu zwingt, an einem anderen Ort ein besseres Leben zu suchen.

Bei Delaneys Geschichte hingegen ist die Erzählweise geprägt von Ironie und bitterem Humor. Beim Lesen möchte man laut lachen, fasst sich an den Kopf – und fühlt sich dann wieder selbst ertappt in seiner Wohlstandsblase und mit seinen Ressentiments und seiner Gleichgültigkeit. Wie böse ist die Schilderung der Empörung Kyras über einen unsympathischen Zeitgenossen, der einen Hund im heißen Auto eingeschlossen hat – während ihre Empathie nicht bis zum Mann und seiner schwangeren Frau reicht, die in unmittelbarer Nähe ihres Hauses schier zu verhungern drohen. Und natürlich macht sich Delaney – in Gegenüberstellung zum Überlebenskampf von Cándido und América – lächerlich mit seinen Lebenskatastrophen zwischen gestohlenem Auto (das die Versicherung ersetzen wird) und  Verlust des Haustieres. Und doch kann man sein Gefühl irgendwo nachvollziehen, dass sich eine Schlinge immer enger um ihn zieht, bis er, angestachelt vom sozialen Druck aus der Nachbarschaft, in eine Spirale von Angst und Fremdenfeindlichkeit bis hin zum offenen Hass gerät.

T. C. Boyle erzählt mitreißend und oft herrlich komisch, dann wieder höchst dramatisch. Er analysiert messerscharf und gnadenlos eine gesellschaftliche Entwicklung, die in den USA ihren vorläufigen traurigen Höhepunkt in der Präsidentschaft Donald Trumps gefunden hat und die ganze westliche Welt zu erfassen droht. Auch wenn T. C. Boyle in seinem Roman keine Lösungen anbietet (nur mit einem leicht am Kitsch kratzenden Schluss eine vage Hoffnung auf Mitmenschlichkeit als Bindeglied zwischen separierten Gesellschaftsteilen weckt): Wie er uns so schonungslos den Spiegel vorhält, das sollte unseren Widerstandsgeist wecken.

  • T. C. Boyle: América (OT: The Tortilla Curtain)  Deutsch von Werner Richter, dtv, 400 Seiten, 9,95 Euro.
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7 Kommentare zu “T. C. Boyle, América

    • Vielen Dank. So ein Zufall – auch in unserem Literaturkreis war das Buch gerade vor ein paar tagen Thema. Oder eben doch kein Zufall, denn das Buch passt sehr gut in diese Zeit. Bei welchem Boyle bist Du denn gescheitert? Ich möchte jetzt unbedingt mehr von ihm lesen.

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      • Terranauten. Das find ich blöd und die Übersetzung grauenhaft. Wassermusik hingegen habe ich sehr gefeiert. Und da erinnere ich mich zumindest nicht an Übersetzungsschnitzer. Auf meinem Blog ist auch beides rezensiert, solltest du mehr Info wollen.

        Wir haben es gelesen weil eine von uns bald für ein paar Wochen nach Kalifornien fährt. Es hat ihr die Vorfreude aber nicht genommen 🙂
        Es ist ja wohl auch eine recht beliebte Schullektüre.

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  1. Pingback: T. C. Boyle, Als ich heute morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte | BuchUhu

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