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Schlicht, aber effektvoll ist Ismail Kadares Roman Der zerrissene April über ein sehr fremd erscheinendes Thema: das Gesetz der Blutrache im nordalbanischen Hochland. Wobei „schlicht“ keineswegs bedeuten soll, dass es dem Roman an literarischer Finesse fehlte, im Gegenteil. Kadare bringt das vermeintlich einfache Erzählen hier zu einer klassischen Perfektion. Die Komposition ist sehr geschickt und gleichzeitig glasklar. Form und Inhalt korrespondieren in Der zerrissene April auf makellose Weise. Die Erzählung verläuft in einer Kreisform, die so unausweichlich geschlossen ist wie die thematisierte Regelwerk des Kanun.

Darunter zu verstehen ist eine jahrhundertealte, überlieferte und erst später verschriftlichte Gesetzesordnung, die in abgeschotteten Berggegenden Albaniens offenbar lange jedem staatlichen Zugriff widerstanden und seine praktische Gültigkeit behalten hat. Zentrales Element ist neben Werten wie Ehre, Familiensinn und Gastfreundschaft die Blutrache. Der Kanun fordert unausweichlich, dass ein Mord mit einem anderen Mord gesühnt wird. So entstehen über Generationen währende, nicht enden wollende Fehden zwischen Familien, ein ewig fortgesetztes Töten.

Kadares Roman beginnt damit, dass der junge Gjorg Berisha einem Mitglied der Familie Kryeqyqe auflauert und es erschießt. Denn die Kryeqyqes liegen seit einer Untat zu Urahns Zeiten mit den Berishas „im Blut“, wie es heißt. In dieser Gewaltspirale gab es auf beiden Seiten bislang je 22 Todesopfer. Gjorg weiß, dass er nun der nächste sein wird. Aufgrund des Kodex wird ihm eine Gnadenfrist von einem Monat gewährt, bis zu deren Ablauf er sich noch gefahrlos bewegen kann, bis er – nach der Hälfte eines „zerrissenen Aprils“ – seinerseits für die Kyeqyqes zum Abschuss freigegeben ist.

Protagonisten eines zweiten Handlungsstrangs sind der Schriftsteller Besian Vorpsi und seine frisch Angetraute Diana. Das Paar aus Tirana  fährt  auf seiner Hochzeitsreise per Kutsche durchs albanische Hochland. Für den jungen Autor ist es offenbar eine Art Feldforschung im Geltungsbereich des Kanun. Diese archaische Welt, die ihn in ihrer Fremdartigkeit und Grausamkeit fasziniert, nimmt er fast als touristische Sehenswürdigkeit wahr. Das rastlose Rollen durch das spätwinterliche Hochland mit Übernachtungen in kargen, kalten Steinhäusern – natürlich der Sitte entsprechend nach Geschlechtern getrennt – ist allerdings nicht ganz das, was sich Diana unter einer romantischen Hochzeitsreise vorgestellt haben dürfte. Davon abgesehen schafft sie es nicht wie ihr Mann, die gnadenlose Welt des Kanun mit dem distanzierten, ethnologisch interessierten Blick des Schriftstellers zu betrachten. Die Erzählungen von all den blutigen Gesetzmäßigkeiten nehmen sie zusehends mit. Eine Entfremdung zwischen den Eheleuten setzt ein.

Kadare folgt den jeweiligen Reiserouten der beiden Seiten durch eine abweisende Landschaft, in der sich der Winter festgekrallt hat. Regen, Nebel, verharschte Schneereste, heruntergekommene Gasthäuser, Steinhaufen, die Gräber markieren, und die „Türme“ genannten, ärmlichen und trutzburgartigen Häuser mit ihren schießschartengroßen Fenstern prägen das Bild. Es ist eine Welt wie in der Zeit erstarrt. Das nostalgische Fortbewegungsmittel der Kutsche, die mittelalterlich anmutende Lebensweise der Einheimischen und ein Flugzeug, das am Himmel vorüberfliegt, stehen als gegensätzliche Gradmesser von Modernität unverbunden nebeneinander. Nur am dünnen Faden der Erwähnung des albanischen Königreichs lässt sich festmachen, dass die Handlung in den 1930er-Jahren spielen muss.

Gjorg geht hier wie in Trance seinem sicheren Tod entgegen. Besian und Diana verstummen zunehmend in ihrer Kutsche. Kadares Sprache dafür ist so kalt und karg wie das Hochland und das Innenleben der Figuren. Einmal, in der Mitte des Romans, kreuzen sich die Wege. Diana und Gjorg tauschen, getrennt durch das beschlagende Fenster der Kutsche, einen tiefen Blick aus und kommen gedanklich nicht mehr voneinander los. Für Diana hat der Kanun hier ein menschliches Gesicht bekommen, und sie ist tief aufgewühlt von dem Seelenkontakt mit dem Todgeweihten. Gjorg muss dagegen die schöne Frau aus der Stadt wie ein unerreichbares Traumbild von einem freien Leben mit menschlichen Gefühlen vorgekommen sein. Auch wenn sie von da an nacheinander Ausschau halten, werden sich beide nicht mehr sehen.

Kadares Erzählung ist geschlossen, streng, distanziert, schmucklos wie die Welt, in der die Handlung angesiedelt ist. Der Kanun wird im Roman als gnadenlos und kalt gezeigt. Es geht bei diesem Regelwerk und den geforderten Bluttaten um keinerlei menschliche Affekte – getötet wird nicht aus Hass oder Zorn. Auch Logik oder Gerechtigkeit spielen dabei keine Rolle. Ein menschliches Einfühlen in die Figuren, so führt es Kadare vor, ergibt in dieser unmenschlichen Umgebung keinen Sinn.

Wären da nicht immer wieder die poetischen Bilder, die Kadare einfließen lässt, und das fast pathetische Motiv dieses bedeutungsschwangeren Blicks zwischen Gjorg und Diana. Hier spürt man subtil, dass sich der Erzähler die Empathielosigkeit des Kanun nicht zu eigen macht. Mit dem schlafwandlerischen Gjorg, der wehrlos seine Rolle als Mörder und Mordopfer befolgt,  hat man als Leser Mitleid, auch wenn man ihn nicht verstehen kann. Er ist ein Mensch, für den das Streben nach individuellem Glück außerhalb der Vorstellungskraft liegt. Seine kleine Rebellion besteht lediglich darin, dass er Verzweiflung empfindet. Doch einen Ausweg gibt es für ihn nicht. Wie Gjorg in absolut willkürlichen Regeln gefangen ist, erinnert an Kafka.

In der Figur des Schriftstellers reflektiert Ismail Kadare seine eigene Rolle (freilich ganz ohne jede postmoderne oder metatextuelle Spielerei, denn hier haben wir es mit einem klassischen, auktorialen Erzählen zu tun). Besian schlachtet die Blutrache als guten Romanstoff aus, genießt den wohligen kalten Schauer angesichts des Horrors (wie vielleicht auch stellenweise der Leser?) und muss sich an einer Stelle vorhalten lassen, er ergötze sich nur als Zuschauer an der Dramatik und Bedeutungsschwere der Blutrache statt etwas zu unternehmen, um etwas an der Lebenslage der Menschen zu verändern. Damit mag Kadare auch Bezug nehmen auf Kritik an seiner Person. Ihm wurde vorgeworfen, sich nicht deutlich genug gegen die Diktatur von Enver Hoxha gestellt zu haben.

Die Mittel der Literatur, gerade in der Unfreiheit einer Diktaur, sind freilich manchmal subtiler. In Der zerrissene April geht es jedenfalls durchaus auch um Möglichkeiten, ein geschlossenes, unverrückbar wirkendes System aufzubrechen. Diese Rolle kommt im Roman den Frauen zu. Es ist eine Tante, die einmal einen – wenn auch gescheiterten – Versuch unternimmt, das ewige Rache-Ping-Pong zwischen den Familien zu beenden, und die damit für Vernunft und Menschlichkeit steht. Und Diana überschreitet am Ende ebenfalls eine Grenze.

Die Hoffnungsschimmer in diesem Roman mögen schwach sein. Doch auch aus einem zerrissenen April muss irgendwann ein Frühling werden.

  • Ismail Kadare, Der zerrissene April, Aus dem Albanischen von Joachim Röhm, Fischer Taschenbuch, 239 Seiten, 11 Euro.
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4 Kommentare zu “Ismail Kadare, Der zerrissene April

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