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Ja, das waren tatsächlich Gute Tage, als Roger Willemsen das deutsche Fernsehen noch mit seinen blitzgescheiten Gedanken, geschliffenen Formulierungen und jungenhaften Art bereicherte. Bei aller Freude an den im Buch Gute Tage versammelten Texten, einer Mischung von Porträtstudien und Reiseimpressionen, habe ich sie auch mit etwas Traurigkeit gelesen. Am 7. Februar 2016 ist Roger Willemsen mit nur 60 Jahren an Krebs gestorben. Er fehlt in der Medienlandschaft, ist unersetzlich. Doch noch allgemeiner hat mich beim Lesen ein bestimmtes Gefühl beschlichen: Ich habe in den Artikeln ein fast verlorenes Lebensgefühl aus einer anderen Zeit gespürt.

Gute Tage enthält 23 Stücke, viele davon ursprünglich veröffentlicht im Magazin der Süddeutschen Zeitung oder des Zürcher Tagesanzeigers. Willemsen verarbeitet darin Interviews mit Prominenten aus Showgeschäft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Dabei geht es meist nicht in erster Linie um den Wortlaut des Frage-und-Antwort-Spiels, obwohl auch der teils wiedergegeben wird. Wichtiger für die meisten Texte aber sind die Begleitumstände der Treffen und vor allem die Atmosphäre von Orten, die Roger Willemsen einfängt.

Mitunter charakterisiert er die interviewte Person über diese Örtlichkeit und seine feinen Beobachtungen dort weit besser, als es alle Worte im Gespräch könnten. So ist es etwa bei der Begegnung mit Yassir Arafat in einem provisorischen „Regierungssitz“ in Tunis. Der Palästinenserführer wird bei allem Mangel und aller Hinfälligkeit der Szenerie notdürftig als Staatsmann inszeniert, sondert einige Worthülsen seines politischen Kampfes ab. Und Roger Willemsen erhascht einen Blick in Arafats brüchiges Badezimmer, in dem ein abgeschnittener Duschschlauch in die Wanne hängt.

Näher kommt der Autor den Menschen freilich, wenn er sie in deren Zuhause besucht, wie Schriftsteller John le Carré im abgelegenen Landhaus in Cornwall oder Jane Birkin in deren vollgestopftem Pariser Appartement. Es liegt jedoch in der Natur des journalistischen Geschäfts, dem Willemsen nachgeht, dass die Treffpunkte für die Interviews bisweilen auch einfach nur unpersönliche Hotels sind. Selbst einem solchen Rahmen gewinnt er aber noch eine Aussagekraft ab – kurzweilig zu beobachten beim arrangierten Halb-Stunden-Interview mit einer hermetischen, scheinbar nur als Inszenierung existenten Madonna, an der jeder Versuch eines persönlichen Zugangs abperlt und deren Panzer nur durch leichte Irritationen über Willemsens europäisch-tiefsinniges Fragen kleine Risse bekommt.

Immer wieder tritt die Begegnung mit der prominenten Persönlichkeit ganz zurück hinter die Beschreibung der Orte und Umstände. Dann verwandeln sich die Porträtstudien in Reiseberichte und -erzählungen. Über das Interview mit dem afrikanischen Popstar Papa Wembe erfahren die Leser fast nichts. Dafür umso mehr über Willemsens Aufenthalt im kriegsgebeutelten Kinshasa und seine Erfahrungen mit dem „afrikanischem Warten“ und manch anderem, was ein Europäer am kongolesischen Alltag undurchdringlich erscheint.

Willemsens feinsinnige und sprachlich anspruchsvolle Stücke erheben sich über das Niveau des alltäglichen, auch des guten Journalismus, können vielmehr literarischen Wert beanspruchen. Deswegen sind sie auch nach so vielen Jahren noch gut lesbar und haben etwas zu sagen.

Erstmals in Buchform erschienen ist Gute Tage 2004, die Texte stammen aus den Jahren 1990 bis 2004. Ich habe das Buch 2018 gelesen. Trotz der hohen Qualität ist da natürlich auch etwas von der Vergänglichkeit des Schaffens eines Reporters zu spüren. Sicher, man kennt die meisten interviewten Persönlichkeiten noch. Und doch sind einige dieser Prominenten, zum Beispiel Sinead O’Connor, Dame Edna oder Harald Schmidt, mittlerweile etwas aus dem Fokus verschwunden.

Mit diesen Repräsentanten eher der „Nuller-Jahre“ als von heute beginnt mein Empfinden der „anderen Zeit“ in diesem Buch. Es ist ja allein schon festzustellen, dass es heute weniger Prominente gibt, die den Menschen so allgemein geläufig sind wie die im Buch porträtierten. Die Nation versammelt sich nicht mehr geschlossen zu „Wetten, dass…“ vor dem Fernseher, jeder stellt sich sein eigenes Medienpaket zusammen, jede „Blase“ hat ihre eigenen Promis. Die Helden eines – übrigens sehr „westlichen“ – intellektuellen Film- und Musikkanons, wie er Willemsens Auswahl zugrunde liegt (Jean Seberg, Mikis Theodorakis, Michel Piccoli) sind eher nicht dabei.

Roger Willemsens begeistertes Reisen und staunendes Schauen verkörpert für mich zudem ein Deutschland von kurz nach der Jahrtausendwende, das weltoffener und weltläufiger wurde und sich mit zunehmender Selbstverständlichkeit zwischen London, Paris und Tokyo bewegte. Deutschland war nicht mehr Kohl, sondern cool. Zur WM 2006 symbolisierten die schwarz-rot-goldenen Fahnen ein freundliches, offenes, buntes Land mit unaufgeregtem Selbstbewusstsein, das am liebsten die ganze Welt willkommen heißen wollte.

Heute sieht man schwarz-rot-goldene Fahnen bei Pegida-Demonstrationen wehen oder bei Talkshow-Auftritten rechtsextremer Politiker über der Armlehne liegen. Die drei Farben stehen somit wieder für Engstirnigkeit, reaktionäres Denken, Heimattümelei und Ausschluss den Anderen. (Ähnliches ließe sich für Union Jack, Stars and Stripes und andere feststellen.)

Deutschland heute ist sicher mehr als das. Doch im aktuellen Klima der Gereiztheit wirken Willemsens feingeistige, kosmopolitische Texte wie Inseln eines davontreibendes Idylls.

Ach, was hätte uns Roger Willemsen heute zu sagen? Ich würde es zu gerne lesen.

  • Roger Willemsen, Gute Tage. Begegnungen mit Menschen und Orten, Fischer Taschenbuch, 416 Seiten, 9,95 Euro.
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5 Kommentare zu “Roger Willemsen, Gute Tage

      • In der ersten Zeit nach seinem Tod habe ich mich komplett geweigert, diesen zu akzeptieren. Ich habe mir permanent irgendwelche Interviews und Videos von ihm angeschaut und mir eingeredet, das alles muss doch nur ein ganz mieser Mediengag sein. Ist natürlich leider nicht so gewesen, schon klar … Aber es geht mir wie dir, ich glaube, es gibt kaum noch etwas, was ich nicht von ihm kenne bei YouTube. Ich muss gestehen, beim Lesen seiner Bücher komme ich oft an meine Grenzen, da ich ihn wirklich schwierig finde. Am allerbesten werden mir seine doch oft sehr komplizierten Gedankengänge zugänglich, wenn er sie selber liest oder Dinge erklärt in Videos. Das finde ich immer grandios!

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