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Autsch! Es versetzt dem Leser schon einen kleinen Stich, dass der Autorin und dem Verlag buchstäblich auf der letzten Seite ein Lapsus unterläuft, der den positiven Eindruck dieser Maria-Callas-Biografie ein wenig trübt. Dass die Asche der Callas bereits im Juni 1977 in der Ägäis verstreut worden sein soll, obwohl sie doch erst am 16. September 1977 starb, ist dann halt doch eher unwahrscheinlich. Okay, Fehler passieren, das weiß jeder Schreibende nur zu gut. Aber ich komme nicht umhin anzumerken, dass es sich hier um die Neuausgabe des 2006 erschienenen Buchs Meine Stimme verstörte die Leute – Diva assoluta Maria Callas handelt. In elf Jahren hätte so ein Fehler doch eventuell auffallen können?

So, jetzt aber Schluss mit dem Gemecker! Gunna Wendts Buch hat weder einen solchen Schluss noch einen solchen Rezensionsanfang verdient. Trotz des genannten groben Schnitzers und noch einer anderen kleinen Ungenauigkeit, die mir aufgefallen ist, gibt es eigentlich keinen Grund zu zweifeln, dass diese Biografie auf seriös recherchierten Fakten beruht. Diesbezüglich sogar etwas irreführend finde ich die Bezeichnung als „Romanbiografie“. Es handelt sich meines Erachtens ganz einfach um eine Biografie, die sich zwar unterhaltsam liest wie ein Roman, aber keineswegs mit fiktionalen Ergänzungen oder Ausschmückungen arbeitet, wie es das Wort „Roman“ suggeriert.

Gunna Wendt erzählt das Leben der Maria Callas einerseits recht konventionell chronologisch von der Geburt 1923 bis zum Tod 1977 – was dem weniger opernkundigen Leser wie mir auf angenehm übersichtliche Art zu einem soliden Grundwissen verhilft -, andererseits schafft es die Autorin durchaus, eigene Akzente zu setzen. So widmet sie etwa ein Drittel des Buchs der Kindheit und Jugend von Maria Callas in New York beziehungsweise, nach der Trennung der Eltern, mit Mutter und Schwester in Griechenland. Das macht dem Leser Maria Callas als Mensch begreiflich, der nicht nur durch sein Genie eine Außenseiterrolle einnimmt, sondern den zusätzlich die Lebenserfahrung des Fremdseins geprägt hat – als Griechin in Amerika und als Amerikanerin in Griechenland. Das große Klatsch-Thema in Callas‘ Leben, die Beziehung mit Aristoteles Onassis, nimmt bei Wendt dagegen nur wenige Seiten ein.

Der Autorin ist es wichtig, immer wieder die Klischees in der öffentlichen Wahrnehmung der großen Sängerin zu durchbrechen. Sie zeigt auf, welche medialen Mechanismen das verzerrte Bild einer kapriziösen, berechnenden Operndiva entstehen ließen, dann wieder das des gedemütigten Opfers des Frauenhelds Onassis. Gunna Wendt porträtiert Maria Callas vielmehr als Künstlerin, die ihr Leben ganz in den Dienst der Musik stellte, die nach Perfektion strebte und von Anfang an groß dachte, die sich als Figur selbst kreierte und inszenierte. Diese weibliche Autonomie war es wohl, die das Denken in Geschlechterrollen ihrer Zeit heraus- und überforderte. So erklärt Gunna Wendt die vielen Angriffe, denen Maria Callas Zeit ihres Lebens ausgesetzt war. Die Antwort gab die Sängerin nach Darstellung dieser Biografie immer wieder in Form von unhinterfragbaren künstlerischen Großtaten.

Besonders gelungen in Gunna Wendts Buch finde ich das Kapitel, in dem sie plastisch und leicht verständlich die wichtigsten Opernrollen der Maria Callas porträtiert – La Traviata, Norma und Tosca – und dabei darstellt, wie Figuren und Darstellerin sich wechselseitig prägten. Interessant auch, wie differenziert Gunna Wendt in aller Kürze die Beziehung der Callas zu wichtigen Persönlichkeiten ihres Lebens schildert, beginnend bei der Gesangslehrerin Elvira de Hidalgo über den Dirigenten Tullio Serafin bis hin zu den Regisseuren Luchino Visconti und Pier Paolo Pasolini.

Als niederschwelliger, angenehm zu lesender Einstieg in die Beschäftigung mit Leben und Werk der Maria Callas ist Gunna Wendts geradeaus geschriebene Biografie auf alle Fälle empfehlenswert.

  • Gunna Wendt, Maria Callas. Musik ist, was ich am meisten liebe, Romanbiografie, Herder, 256 Seiten, 14,99 Euro.

 

2 Kommentare zu “Gunna Wendt, Maria Callas

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