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Ganz nach der Art eines Till Eulenspiegel hat mir dieser Roman einen bösen Streich gespielt. Ja, er hat mich unterhalten, hat in mir Bewunderung für seine Tricks und Spielereien geweckt, mich mit Charme umgarnt – und mir dann doch bloß höhnisch die Zunge herausgestreckt und mich nicht hinter seine lachende Fratze schauen lassen. Daniel Kehlmanns neues Buch Tyll ist mir fremd geblieben. Ich kann nach dem Lesen nicht sagen, was es mich anginge.

Das ist mein rein subjektives Empfinden, und selten habe ich mir so schwer getan, Argumente für meine ablehnende Haltung zu finden. Denn der Roman ist zweifelsohne gut geschrieben. Kehlmanns Sprache zählt wahrscheinlich zum Elegantesten, was die deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat, fließend, reich und von großer Leichtigkeit. Diese Sätze lesen sich wie Butter. Ein einfach schönes Deutsch, das ist ein Genuss im Vergleich zum heute weit verbreiteten schmucklosen, flachen Stil, der oft als Lakonie ausgibt, dass der es Autor schlicht nicht besser kann.

Hoch ausgearbeitet ist auch die Handlung. Kehlmann verpflanzt die legendäre Figur Till Eulenspiegel alias Tyll Ulenspiegel vom Mittelalter in die Zeit des 30-jährigen Kriegs. Das Leben des Schalks ist dabei verknüpft mit der Geschichte des großen europäischen Religionskriegs, insbesondere mit dem Schicksal des „Winterkönigs“, der als Friedrich V. Kurfürst der Pfalz war, später als Friedrich I. ein Jahr lang König von Böhmen. Dass er in Prag den Thron bestieg, war einer der Auslöser des 30-jährigen Kriegs.

Kehlmann reiht mehrere Episoden aneinander, die jeweils Einblick in bestimmte Aspekte jener Europa prägenden Epoche geben. Er schildert den Hexenprozess gegen Tylls Vater, den Müller Claus, der nichts anderes verbrochen hat, als Fragen zu stellen und transzendent zu denken. Er beschreibt die Schlacht von Zusmarshausen; einen Bittgang des exilierten Königs Friedrich in ein Kriegslager zum erfolgreich kämpfenden Schwedenkönig Carl Gustav; die Begleitumstände der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. All das wird aus den Perspektiven wechselnder Protagonisten erzählt. Roter Faden ist der Lebensweg Tyll Ulenspiegels, eines unverschämten Freigeists inmitten von Grausamkeit und geistiger Enge, der zwar federleicht mit Bällen jongliert, doch auch schwer an einem Kindheitstrauma und der unerfüllbaren Liebe zur seiner Gefährtin, der Bäckerstochter Nele, trägt.

Offenbar begeistert Tyll viele Leser. Gründe, das Buch zu mögen, könnten die leichte Lesbarkeit ohne Seichtheit sein, historisches Interesse oder Freude am Eintauchen in eine Welt, die der unseren schon sehr fremd ist.

All das hat bei mir leider nicht verfangen. Gutes, teils spannendes Erzählen um seiner selbst willen reicht mir nicht. Auch nicht die schönen literarischen Kniffe, die oft auf eine Verschiebung von Wahrnehmung und Realität abzielen, wohl inspiriert von den überbordenden, formal experimentierfreudigen lateinamerikanischen Erzählern des Magischen Realismus.

Persönlich hatte ich noch dazu nie besonderes Interesse an der frühen Neuzeit. Schon in Schule und Uni konnte ich die Machtrangelien zwischen verschiedenen Kleinstaaten, Fürstenhäusern und Kirchenmännern kaum nachvollziehen. Manch anderer Roman hat es schon geschafft, mich für Epochen, Länder und historische Zusammenhänge zu interessieren, die mir ebenso fern sind. Bei Tyll war das nur begrenzt der Fall.

Dass mir die geschilderte Lebenswelt des 30-jährigen Kriegs so fremd blieb, liegt vermutlich am märchenartigen, irgendwie onkelhaften Erzählhabitus. Das hat mir das Geschehen weit vom Leib gehalten. Ich bin nicht der Frage entkommen: Was geht mich das alles an? Ich habe keinen Bezug zu meiner Lebenswelt herstellen können, zu nichts, das mich umtreibt. Keine dieser teils antiquiert, teils gekünstelt kolloquial („Willst mit mir kommen?“) sprechenden Figuren ist mir nahe gekommen. Vor allem nicht Tyll. Zwar ist das Bemühen Kehlmanns erkennbar, hinter dem zynischen Narren-Habitus einen gebrochenen Menschen durchscheinen zu lassen. Doch ich konnte unter dem Gaukler-Kostüm zu wenig Differenziertes davon erkennen.

Auch die meisten anderen Figuren haben nach meinem Empfinden etwas Puppen- oder Karikaturhaftes an sich. Die ganze Erzählung verbleibt für mich in einer Künstlichkeit, in der ich mich als Leser nicht wohlfühlen kann. Bei mir hinterlässt Kehlmanns Roman nicht viel mehr als ein Schulterzucken.

  • Daniel Kehlmann, Tyll, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2017, 480 Seiten, 22,95 Euro.

Dass man das Buch mit guten Argumenten auch sehr viel positiver sehen kann, zeigt die empfehlenswerte Rezension im Blog LiteraturReich.

5 Kommentare zu “Daniel Kehlmann, Tyll

    • Ja, das ist gut so. Ich will natürlich niemandem die Freude an diesem Buch verleiden. Es hat ja auch ganz sicher seine Qualitäten. Mich persönlich hat es eben nicht so erreicht.

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  1. Pingback: Daniel Kehlmann – Tyll – LiteraturReich

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