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Traumatisierte Soldaten, abgehobene Eliten, Intrigen im Élysée-Palast, Unruhen in den Banlieus, Identität, Rassismus, Islamismus, Antisemitismus, Populismus, Opportunismus, Scheinheiligkeit, Drogen, Sex, Selbstmord, Afghanistan, Irak, Terror – puh, ich bin schon außer Atem, dabei habe ich doch erst einen Teil des Themenspektrums umrissen, das Karine Tuil in ihrem Roman Die Zeit der Ruhelosen abdeckt. Also, wenn sich das nicht „Gegenwartsroman“ nennen darf, dann weiß ich auch nicht mehr. Bloß: Gute Literatur ist es nicht.

Aber sehen wir erst einmal das Positive: In der legitimen Absicht, ein möglichst umfassendes Bild von der aktuellen französischen Gesellschaft und Politik zu zeichnen, hat Karine Tuil durchaus geschickt ein Handlungsgeflecht konstruiert, das eigentlich interessant ist und viele Möglichkeiten bietet. Dazu entwirft sie vier Hauptfiguren, die zunächst kaum Berührungspunkte zu haben scheinen und deren Wege sich doch – auf erstaunlich plausible Art – immer wieder kreuzen und deren Schicksale sich verflechten.

François Vély ist ein typischer Vertreter der obersten Gesellschaftsschicht: schon reich geboren, Absolvent einer Eliteuniversität, heute Chef eines Telekommunikationsunternehmens und zehntreichster Mann Frankreichs, der ein sorgenfreies Luxusleben führt – die ein oder andere gescheiterte Ehe fällt da nicht weiter ins Gewicht.

Okay, ich übertreibe, denn die junge Schriftstellerin Marion Decker ist erst seine dritte Angetraute. Sie stammt aus der Banlieue, schrieb einen wütenden Roman über ihre verkorkste Kindheit und wurde damit berühmt. Als Vély seiner zweiten Gattin telefonisch mitteilt, dass er nun Marion zu ehelichen gedenkt, springt diese postwendend vor den Augen eines ihrer drei Kinder aus dem Fenster eines Hochhauses.

Marion wiederum sucht neue schreiberische Aufgaben, indem sie einen Trupp französischer Soldaten beim Einsatz in Afghanistan begleitet. In einer Hotelanlage auf Zypern, wo sich die Soldaten vor der Rückkehr nach Frankreich regenerieren sollen, beginnt sie eine explosive Affäre mit dem Soldaten Romain Roller – ein Mann mit zerbrochener Seele, denn er war in Afghanistan mit mehreren Kameraden, teils alte Freunde aus der Banlieue, in einen Hinterhalt geraten, wobei letztere getötet oder verstümmelt wurden.

Abgerundet wird das Tableau durch Osman Diboula, einen Franzosen mit ivorischen Wurzeln. Er war einst Sozialarbeiter im Vorort, in dem Roller und seine Freunde lebten. Nachdem in den Banlieues Unruhen ausgebrochen waren, erwarb sich Diboula Verdienste als Schlichter und Vermittler, wurde dadurch prominent und stieg in den Beraterstab des (konservativen) Präsidenten auf. Als er sich in einer Runde im Élysée-Palast impulsiv gegen eine rassistische Bemerkung zur Wehr setzt, wird er jedoch aus dem Zirkel der Macht verstoßen.

Bald darauf tut sich auch für François Vély ein gesellschaftlicher Abgrund auf: Für die Fotosession eines Hochglanzmagazins posiert er auf einer Skulptur sitzend, die eine gefesselte schwarze Frau darstellt. Es gibt einen öffentlichen Aufschrei, Vély wird als Rassist und Sexist abgestempelt, und in den sozialen Medien lassen antisemitische Ausfälle nicht lange auf sich warten. Tatsächlich: Auch wenn er damit nichts am Hut hat, ist Vély doch jüdischer Herkunft, sein Vater änderte einst durch Buchstabentausch den Namen von Lévy in Vély.

Wie man sieht, ist es schon aufwendig und kompliziert, nur die Grundkonstellation der Handlung wiederzugeben. Umso höher ist Tuils Leistung einzustufen, dass sie diesen ganzen Wust an Handlungssträngen in einem großen Ganzen zusammenhält und stringent von Wendung zu Wendung vorantreibt. Mag ja sein, dass manche Leser das ein oder andere etwas bemüht oder konstruiert finden. Aber die innere Logik der Erzählung kommt Tuil nie abhanden, und sie hält das Interesse des Lesers am Fortgang des Geschehens aufrecht. Insofern habe ich mich von Die Zeit der Ruhelosen auf eine Art gut unterhalten gefühlt und sollte vielleicht nicht ganz so laut lästern.

Aber die Kritikpunkte liegen eben auch auf der Hand. Karine Tuil prescht hier im Schweinsgalopp durch das Panorama des aktuellen Tagesgeschehens. Es kommt so ziemlich alles vor, was in den vergangenen Jahren die Nachrichten bestimmt hat. Manch einen Punkt, manch einen gesellschaftlichen Mechanismus trifft die Autorin auch recht gut: die Entstehung eines „Skandals“ etwa mit aller doppelzüngigen öffentlichen Empörung; die angebliche „Diversität“ als schöne Fassade bei gleichzeitiger Entfremdung der Lebenswelten von Menschen verschiedener ethnischer Herkunft; oder das Aufkeimen radikaler Denkweisen unter Muslimen. Bei der täglichen Zeitungslektüre erkennt man zwangsläufig vieles aus Tuils Roman wieder.

Allerdings bleibt Tuil großteils doch ziemlich an der Oberfläche. Vieles ist mir zu schematisch, klischeehaft, inklusive der tendenziell platten Figuren. Oft geht es um wohlfeile Kritik am „Establishment“ und der „Korrumpiertheit der Macht“, die aber bei genauerem Hinsehen keine großen neuen Erkenntnisse bietet. Die Autorin nimmt sich viel vor, zu viel, geht dabei aber in die Breite statt in die Tiefe. „Ruhelos“ wirkt dabei vor allem sie selbst. Kaum einmal nimmt sie sich die Zeit innezuhalten. Wie sie selbst über einige dramatische Handlungswendungen und weitreichende Debatten hinwegfegt, wirkt manchmal geradezu abstrus. So wirkt der Roman gleichzeitig überfrachtet und seltsam hohl. Sie zeigt uns das Bild einer zerrütteten Nation. Bei der Ursachenforschung aber kommt sie nicht weit über Gemeinplätze hinaus.

Und vor allem: Bei all dem bleibt die Kunst auf der Strecke. Ein Roman hat die Fähigkeit, in der Fiktion eine Wahrheit zu vermitteln, die ein journalistischer Text mit der Wiedergabe reiner Fakten nie ganz zu fassen vermag. Die Zeit der Ruhelosen aber bringt mich keineswegs weiter als die Lektüre eines Sachbuchs oder eines Nachrichtenmagazins.

Karine Tuils Roman fehlt es an Poesie. Was die Französin schreibt, das hätte Marcel Reich-Ranicki als „reine Mitteilungsprosa“ bezeichnet. Zwischen den Zeilen ist da rein gar kein Geheimnis zu entdecken. Karine Tuil lässt keine zwei Meinungen zu. Sie stellt klipp und klar dar, wie die Dinge ihrer Ansicht nach sind und miteinander zusammenhängen: Leser, friss oder stirb.

Den Versuch, den politischen Zustand und die Probleme des heutigen Frankreich – übertragbar auf die ganze westliche Welt – in einem Roman zu fassen, finde ich ja prinzipiell sehr gut, ich vermisse ähnliches in der deutschen Gegenwartsliteratur. Besser als Karine Tuil ist es aber zum Beispiel Leïla Slimani in Dann schlaf auch du gelungen – mit einer viel übersichtlicheren und doch komplexeren Handlung.

  • Karine Tuil, Die Zeit der Ruhelosen, Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff, Ullstein Hardcover, 512 Seiten, 24 Euro; als E-Book: 19,99 Euro.
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3 Kommentare zu “Karine Tuil, Die Zeit der Ruhelosen

  1. Das habe ich genau anders herum empfunden. Ich fand Slimanis Roman sprachlich nicht gut. Es scheint mir eine Art Thriller, der versucht gesellschaftskritisch sein. Bei Tuil entsprach diese Schnelligkeit und Oberflächlichkeit ja genau unserer heutigen Gesellschaft, gerade auch was die Hauptpersonen angeht – austauchbar wie so vieles heute …

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    • Na ja, ich stimme Dir zu, dass auch Slimanis Roman sprachlich nicht unbedingt eine Perle ist. Und die etwas reißerische Thrillerhandlung hätte es nicht unbedingt gebraucht. Trotz allem kann ich persönlich Slimani deutlich mehr abgewinnen als Tuil. Auf jeden Fall ist es spannend, beide Romane zu vergleichen. Sie haben einiges gemeinsam und sind doch so unterschiedlich.

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