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Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich heute Romane über den Aufstieg des Nationalsozialismus lese. Auch an allzu vielen Stellen in Klaus Manns Mephisto hatte ich unmittelbar das Gefühl, eine Beschreibung unserer Gegenwart zu lesen.

„Was schön gewesen ist, wurde besudelt, was wahr gewesen ist, wurde niedergeschrien von der Lüge […] Auf allen Marktplätzen plappern sie ihren Schwindel. An jedem Orte, wo sie oder ihre Helfer erscheinen, erlöscht das Licht der Vernunft, und es wird finster.“

Ich komme nicht umhin, bei Sätzen wie diesen an einen Donald Trump, einen Wladimir Putin und an AfD-Wahlkampfveranstaltungen zu denken.

Wenn Klaus Mann aus dem Dritten Reich von „Juristen, die das Recht für einen liberalen Schwindel halten“, berichtet, fällt mir Viktor Orban ein, der keinerlei Anstalten macht, ein Urteil des Europäischen Gerichtshof zu befolgen, oder Jaroslaw Kaczynski, der in Polen die Unabhängigkeit der Justiz abschafft.

Wenn in Mephisto der glühende junge Nazi Hans Miklas, ein armer Schlucker eigentlich, ausruft: „Unser Führer wird dem Volk die Ehre wiedergeben!“, könnte der Satz fast von einem Erdogan-Anhänger stammen, vielleicht gar einem Deutschtürken, der sich lange gedemütigt fühlte und sich nun an den Nationalismus klammert und mit einem „starken Mann“ identifiziert, um sein Selbstwertgefühl aufzupolieren. Oder es könnte ebenso gut heißen: „Make America great again!“ Manchem glühenden Despoten-Verehrer von heute möchte man mit den (an die jeweilige Nationalität angepassten) Worten der Mann-Figur Barbara sagen:

„Warum erregt er sich so wegen der deutschen Ehre? Was stellt er sich eigentlich vor unter diesem ungenauen Begriff? […] Er sollte doch erst einmal sehen, seinen schlimmen Husten loszuwerden […] und etwas mehr Geld zu verdienen, damit er sich jeden Tag satt essen kann.“

Diese Gedanken Barbaras wirken im Kontext übrigens keinesfalls so herablassend, wie sie hier zitiert vielleicht erscheinen. Aus ihnen sprechen vielmehr die Verwunderung der vernunftgeprägten Frau und eine mitfühlende Sympathie. Zuhören, miteinander reden statt abkanzeln und weiter demütigen: Indem uns Klaus Mann zeigt, was die rationale Barbara mit dem verbohrten Radikalen tut, entwirft er ein sicher kluges Modell für den Umgang mit heutigen Fanatikern. Auch wenn die Wirkung im Roman wie in der Gegenwart fraglich bleibt.

Dass Klaus Manns 1936 geschriebener Text einer über 80 Jahre später stattfindenden Realität oft so nahe kommt, ist ein beeindruckender Beweis für seinen Scharfsinn und glasklaren Blick. Das ist die große Stärke von Mephisto.

Der Roman ist also zeitlos, und es geschieht ihm Unrecht, wenn er, wie so oft, auf eine ganz konkrete reale Geschichte und historische Vorbilder reduziert wird. Natürlich: Es geht hier ziemlich eindeutig um den Schauspieler Gustaf Gründgens, von Klaus Mann nur notdürftig verschleiert umbenannt in Hendrik Höfgen. Der Autor schildert ihn als charakterlosen Karrieristen und Opportunisten, der als Günstling der Nazis Karriere macht, ja zugunsten des eigenen Narzissmus über Leichen geht.

Höfgen ist eine Bel Ami-Figur, der die Gesellschaft verzaubert und narrt und mit der ihr eigenen Verkommenheit an der Nase herumführt – was im Gegensatz zu Maupassants mit wohlwollender Ironie gezeichneter Figur bei Manns Mephisto aber immer mehr ins Düstere, Amoralische und Grausame abgleitet und dabei jeden Glanz verliert. Klaus Mann ist nicht sanft-süffisant wie Maupassant, er ist beißend und sarkastisch. Sein Roman setzt nicht auf Zwischentöne und Doppeldeutigkeit. Er benennt, was böse ist. Was in seiner Zeit fraglos das richtige Mittel war, um eine klare Botschaft auszusenden.

Neben Gründgens sind noch etliche andere Vorbilder aus der Lebenswirklichkeit zu erkennen. Zuvorderst  sind da die boshaften (aber natürlich treffenden) Porträts von Hermann Göring in der Figur des dicken Ministerpräsidenten und von dessen Frau Emmy unter dem Namen Lotte Lindenthal zu nennen. Aber auch für viele weitere Figuren gibt es Entsprechungen im Deutschland der 1930er-Jahre, sei es Pamela Wedekind („Nicoletta Niebuhr“), Gottfried Benn („Benjamin Pelz“) oder Carl Sternheim („Theophil Marder“). Auch Klaus Mann selbst und seine Schwester Erika treten auf – in Gestalt von Höfgens erster Ehefrau Barbara Bruckner und deren Jugendfreund Sebastian.

Ja, insofern ist Mephisto sicher ein Schlüsselroman, und dass Richter gegenteilige Beteuerungen zurückwiesen und der Forderung nach Schutz  für Gustaf Gründgens Persönlichkeitsrecht nachgaben, ist nachvollziehbar. Doch damit enthielten sie dem Publikum viele Jahre einen großen, wichtigen Roman vor.

Und es stimmt trotz allem, was Klaus Mann hinter den letzten Satz des Romans schreibt: „Alle Personen dieses Buchs stellen Typen dar, nicht Porträts.“ Das bedeutet auch, dass es Mann weniger auf individuelle Psychologie ankommt als auf eine allgemeingültige Darstellung menschlicher Mechanismen, die zur Entstehung einer Diktatur führen und diese erhalten. Dadurch schrammt Klaus Mann öfters haarscharf am Klischee entlang – was ich, ohne Klaus Mann Rassismus unterstellen zu wollen, insbesondere bei der Zeichnung der „barbarischen Negerin“ Juliette an einigen Stellen als grenzwertig empfand. Die Nuancen gehen teils unter. Andererseits verhilft wohl gerade die Loslösung vom Individuum dem Roman zu seiner Übertragbarkeit ins Hier und Jetzt. Und zu seiner brennenden Aktualität über die Jahrzehnte hinweg.

  • Klaus Mann, Mephisto. Roman einer Karriere, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 416 Seiten, 9,99 Euro.
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