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Mit Romanen, die den Geist der Jetzt-Zeit einfangen wollen, ist das so eine Sache. Ob sie den Moment überdauern, wird man erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten sagen können: Entweder wirken sie dann einfach nur überholt und angestaubt – oder man wird sie aus der Distanz als treffendes Portrait eines bestimmten historischen Moments wertschätzen, vielleicht gar als Klassiker. Jonathen Franzens Purity, das aktuelle Themen behandelt, ist eigentlich zu klug und scharfsichtig, um später einfach so in der Versenkung zu verschwinden. Und doch: Das große, zeitlose Meisterwerk, dass es offenbar gern sein möchte, sehe ich darin nicht.

Seine Aura des ganz und gar Gegenwärtigen verschafft sich der Roman, indem er sich auf ein Zeitphänomen des 21. Jahrhunderts stürzt: Enthüllungs-Plattformen im Internet mit ihren charismatischen Protagonisten à la Julian Assange und Edward Snowden. Das Äquivalent zu diesen beiden heißt in Unschuld Andreas Wolf, Schöpfer der weltverbesserischen Hacker-Organisation Sunlight Project. So geht es in Unschuld unter anderem um moderne Dilemmata zwischen Internet-Aufklärung und Internet-Totalitarismus, zwischen ungefilterter Offenlegung von Information und einordnendem (vielleicht aber auch bevormundendem) Journalismus, zwischen größtmöglicher Transparenz und dem Recht auf Geheimnisse. Gesellschaftspolitisch ist der Roman also sehr zeitgemäß, und die Fragen, die er aufwirft, werden sicher auch in Zukunft nicht an Brisanz verlieren.

Doch wie es sich für einen 800-Seiten-Wälzer gehört, ist Purity noch viel mehr. Es ist kein Thesenroman übers Internet, sondern ein Schmöker, der Geschichten rund um komplizierte Familienkonstellationen, meist in Frust und/oder Verzweiflung führende Liebesbeziehungen und einen Mord erzählt. Weil Andreas Wolf der Sohn eines DDR-Bonzen ist und als junger Mann eine Art Dissident light, kommt noch eine weitere zeitgeschichtliche Ebene dazu, nämlich der Niedergang des ostdeutschen Staates, im Roman als „Republik des schlechten Geschmacks“ porträtiert – übrigens gar nicht klischeehaft nach Art eines von Europa ahnungslosen Amerikaners, sondern durchaus authentisch.

Franzen beherrscht das Erzählen im Breitwandformat, hält über die ganze Langstrecke des Romans die Spannung und zeigt, wie ein großer Familien- und Gesellschaftsroman heute aussehen kann. Insofern ist er vielleicht ein bisschen so etwas wie ein Dostojewski des 21. Jahrhunderts – darauf komme ich, weil ich in der Mordgeschichte Anklänge an Schuld und Sühne sehe. Ich bin bei der Lektüre von Unschuld durchweg am Ball geblieben, habe mich gut unterhalten gefühlt. Das zeigt, dass Franzen erzählen kann. Die ganze Geschichte, deren komplexen Inhalt wiederzugeben ich hier gar nicht erst anfange, ist sehr intelligent und einfallsreich erdacht und geschickt konstruiert.

Trotzdem: So richtig wohl fühlen kann man sich mit dem Roman nicht. Die durch die Bank neurotischen, oft unsympathischen Figuren sind zwar in sich schlüssig und interessant, lassen aber wenig Identifikation zu. Protagonisten wie weltweit vergötterte Internetgurus oder Milliardärstöchter bleiben eben zwangsläufig auf Distanz zum Leser. Dem Roman ist Frauenfeindlichkeit vorgeworfen worden, weil sämtliche Mutterfiguren darin ganz besonders monströs sind.  Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen – ich würde aber sagen, dass das Buch insgesamt von einem illusionslosen, sicher nicht unzutreffenden Blick auf die menschliche Natur geprägt ist. Emotionalität steckte für mich einzig und allein in der Geschichte der Ehehölle zwischen Tom und Anabel – die hat mich in jeglicher Hinsicht „mitgenommen“. Ansonsten aber fand ich die aufgeworfenen Fragen von Schuld, Moral und Verantwortung schwer auf mein eigenes Erleben übertragbar.

Jetzt, am Ende einer irgendwie fesselnden, irgendwie quälenden, einer langen, aber auch überraschend schnell vorbeirauschenden Lektüre, habe ich das Gefühl, einen versierten Geschichtenspinner und einen klugen Kopf kennengelernt zu haben – aber keinen Freund.

  • Jonathan Franzen, Unschuld, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2016, 832 Seiten, 12,99 Euro.
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