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Ein schmaler Band, eine tiefgründige, tragische schwule Liebesgeschichte ist das Vermächtnis des 2015 verstorbenen Rafael Chirbes. Nach der Lektüre von Paris-Austerlitz war ich traurig. Über den hoffnungslosen Ausgang des Romans, in dem Liebe eben nicht alle Grenzen überwindet. Und darüber, dass die Stimme dieses großartigen, präzisen, klugen Autors verstummt ist.

Dass er sich auf eine reine, vorurteilslose Liebe eingelassen hat, bezahlt der Ich-Erzähler von Paris-Austerlitz mit einer stumpfen Schuld, die er sich kaum eingestehen mag und die ihn doch in eine Art von Rechtfertigung treibt. Er berichtet – nicht chronologisch, sondern ausgehend vom bitteren Ende – von seiner Beziehung zu Michel. Nach außen verbindet das Paar nichts. Der Ich-Erzähler ist ein junger werdender Maler, der aus einem großbürgerlichen Madrid flieht und in einem proletarischen Paris landet. Als er dort irgendwann mittellos auf der Straße steht, nimmt ihn Michel auf, ein 30 Jahre älterer, bulliger Fabrikarbeiter, der in einfachsten Verhältnissen lebt und ans Leben keine anderen Ansprüche zu stellen scheint als die ausreichende Versorgung mit Alkohol und Zigaretten.

Es ist nicht so, als habe man diese Geschichte noch nie gelesen. Wie die Liebe sich vom sorglosen In-den-Tag-Leben wandelt zum allmählichen Überdruss. Wie das anfängliche Objekt der Begierde dem einen fremd und fast schon widerlich wird. Und wie der andere sich mit Haut und Haaren hingibt und damit den Partner einengt, überfordert. Die starken Schenkel, die einst „marmorn“ erschienen, sind irgendwann nur noch Fleischberge. Die Diagnose Aids, die bei Michel bald nach der Trennung gestellt wird, manövriert den großen, starken Mann noch mehr in die Opferrolle, und aus der Faszination des Gegensätzlichen ist endgültig Verachtung geworden.

Es ist nicht die homosexuelle Besetzung dieser klassischen Geschichte von der Unmöglichkeit der Liebe, die Paris-Austerlitz so besonders macht. Viele andere Qualitäten verhindern, dass der Roman sich irgendwelchen Klischees annähern könnte. Die nüchterne und doch innige Sprache Chirbes‘ etwa, das oberflächlich sachliche Erzählen, das doch Abgründe birgt, wie etwa diese kleinen Wiederholungen, die fast wie ein Lapsus wirken und die Erzählung irgendwie erzittern lassen, ihr den Boden unter den Füßen wegziehen.

Sehr wirkungsvoll ist an Paris-Austerlitz die Figurenkonstellation. Zunächst einmal wird sich der Leser sicher mit dem intellektuellen, wohlsituierten Ich-Erzähler identifizieren und nachvollziehen können, wie sich nach der ersten Verliebtheit die Ratio Bahn bricht, die da sagt: Diese Liebe hat keine Zukunft, das Leben mit diesem Mann ist nicht das, was du anstrebst. Doch letztlich ist das Verhalten des intellektuell und sozial Überlegenen, das ganz unseren Mustern entspricht, eine Niederlage: seine Feigheit – er wagt nicht, Michel seiner Mutter vorzustellen -, seine Kälte, seine Rückkehr in den Rahmen dessen, was von ihm erwartet wird.

Michel aber, dieser grobschlächtige Proletarier mit dem sehr zarten, naiven, stark liebesbedürftigen Kern, bewahrt seine Größe, selbst dann, wenn er sich erniedrigt und den Ich-Erzähler anfleht, bei ihm zu bleiben. Er hat an einem Ideal festgehalten. Das hat sich zwar als unrealistisch, vielleicht dumm erwiesen. Aber er hat damit mehr Tanszendenz erreicht als der junge, nach Höherem strebende Künstler.

In seiner Intimität passt Paris-Austerlitz auf den ersten Blick nicht recht in Chirbes‘ sozialkritisches, bisweilen ätzendes Gesamtwerk. Aber natürlich geht es hier auch um das: Wie wir uns von der sozialen Klasse, von Äußerlichkeiten determinieren lassen, wie unüberwindlich die Gräben zwischen den ökonomischen und kulturellen Milieus sind. Letztlich beutet hier ein reicher Schnösel einen Vertreter der Arbeiterklasse aus – anfangs sogar materiell, vor allem aber emotional. Mit dieser sehr authentischen, eindringlichen und berührenden Liebesgeschichte packt uns Chirbes bei unseren Gefühlen und unserem Gewissen, um uns – unter anderem – für grausame soziale Mechanismen zu sensibilisieren, an denen wir kräftig mitwirken.

Der Umstand, dass Chirbes die Arbeit an Paris-Austerlitz 20 Jahre mit sich herumgeschleppt hat und es am Ende postum veröffentlicht wurde, mag dem Buch eine zusätzliche Aura verleihen. Aber natürlich steht dieser hervorragend komponierte, bewegende kurze Roman perfekt für sich.

  • Rafael Chirbes, Paris-Austerlitz, Barcelona: Editorial Anagrama 2016, 160 Seiten; deutsche Ausgabe: aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz, München: Verlag Antje Kunstmann 2016, 160 Seiten, 20 Euro.
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3 Kommentare zu “Rafael Chirbes, Paris-Austerlitz

  1. Sehr traurig, dass diese großartige literarische Stimme verstummt ist. Auch wenn ich mich mit den neueren, umfangreicheren Romanen wie Am Ufer oder Krematorium immer etwas schwer getan habe, gehört Chirbes für mich zu den liebsten Autoren. Die schöne Schrift bleibt immer noch mein Lieblingsbuch von ihm.

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  2. Pingback: Blogbummel Juni 2017 – 2. Teil – buchpost

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