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Jeanette Winterson hat mich schon mit dem Titel, spätestens aber mit den ersten Sätzen dieses autobiografischen Romans für sich eingenommen:

Wenn meine Mutter böse auf mich war, was häufig vorkam, sagte sie: „Der Teufel hat uns ans falsche Bettchen geführt.“
Die Vorstellung, wie sich Satan 1960 von Kaltem Krieg und McCarthyismus eine Auszeit nimmt, um in Manchester vorbeizuschauen – Zweck der Reise: Täuschung der Mrs Winterson – hat etwas überzogen Theatralisches.“

Dieser Auftakt gibt ein gutes Bild davon ab, wie Winterson schreibt. Die Monstrosität von vielem, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, macht sie wie mit einem Hammerschlag klar. Aber eben ganz ohne etwas „überzogen Theatralisches“. Stattdessen umgeht sie mit Humor, Klugheit und Wärme jede Larmoyanz – ohne zu relativieren, aber eben auch ohne sich in Selbstbespiegelung oder -inszenierung zu ergehen. Dieser unprätentiöse, oft fast flapsige Ton ist eine wohltuende Seltenheit im Genre der Autobiografie.

Warum glücklich statt einfach nur normal? ist die Geschichte einer Adoption. Es geht um die Leerstelle im Leben des Adoptierten – dessen Geschichte Winterson als „ein Buch, bei dem die ersten Seiten fehlen“ beschreibt – und die daraus resultierende Notwendigkeit und Chance, seine Identität selbst zu schreiben, unabhängig von der biologischen Abstammung und, wie in Wintersons Fall, in Abgrenzung und Emanzipation von einer äußerst problematischen sozialen Prägung in der Adoptionsfamilie.

Jeanette Winterson kommt im Alter von sechs Monaten zu einem Paar, das der evangelikalen Pflingstler-Bewegung angehört und möchte, dass seine angenommene Tochter einmal Missionarin wird. Die Erziehung nach fundamental-christlicher Doktrin ist das eine – das andere der destruktive Charakter der Mutter, im Buch meist Mrs W genannt. Für sie ist jede Art von irdischer Freude eine Sünde, das Leben auf Erden ein Jammertal, „das Unglücklichsein schien etwas Tugendhaftes an sich zu haben“. Mrs W mag auf Erden nichts und niemanden – und lässt dies auch Jeanette spüren, sperrt sie als Strafmaßnahme in den Kohlenkeller oder lässt sie die ganze Nacht auf der Stufe vor der Haustür sitzen.

In Warum glücklich statt einfach nur normal? geht es auch um die Rettung durch die Literatur. Während die Mutter jedes Buch außer der Bibel als Gefahr betrachtet und verbietet, liest sich Jeanette durch die die „Englische Literatur von A bis Z“ aus der Stadtbücherei und findet in ihr eine Pforte in andere Welten. Als Mrs W unter Jeanettes Matratze eine ganze Sammlung an Romanen entdeckt und im Hof verbrennt, weiß das Mädchen: Die Gedichte, die sie auswendig im Kopf hat, die kann ihr niemand nehmen.

Jeanette findet ihren eigenen, unter diesen Startbedingungen unwahrscheinlichen Weg. Weder ein Exorzismus noch das titelgebende Unverständnis der Mutter, dass jemand lieber glücklich sein möchte statt einfach nur normal, bringen sie von ihrer Liebe zu anderen Frauen ab. Mit 16 Jahren zieht sie wegen einer lesbischen Beziehung von zu Hause aus, wird in Oxford Literatur studieren und mit 26 als Autorin des – ebenfalls autobiografischen – Romans Orangen sind nicht die einzige Frucht und der späteren Verfilmung als BBC-Serie berühmt.

Im zweiten Teil des Romans, nach einem Zeitsprung von 25 Jahren, erzählt Winterson, nun deutlich ernster im Ton, wie ihre Kindheitstraumata sie im Alter um die 50 erneut einholen. Es kommt krimihafte Spannung auf, wenn sie die Suche nach der leiblichen Mutter schildert, ein Prozess, bei dem sie an den Rand der psychischen Belastbarkeit, gar des Selbstmords, gelangt. Die Begegnung mit der „echten“ Mutter bringt am Ende in mancher Hinsicht Erleichterung,  doch ist alles andere als das klischeehafte Idyll, das man erwarten würde. Jeanette Winterson weiß, dass ihre Persönlichkeit viel stärker von Mrs Winterson geprägt ist als von der fremden Frau, die sie zur Welt gebracht hat. Die Schriftstellerin gelangt zu einer menschlich großen, aber wie immer ohne Dramatik formulierten verzeihenden Haltung: „Sie war ein Monster. Aber sie war mein Monster.“

Jeanette Winterson stellt ihr Leben auf besondere Art dar: Formal verzichtet sie gerade im ersten Teil auf eine chronologische Erzählung. Es gibt keine „Handlung“, die sich in logischem Aufbau entwickeln würde. Winterson legt eher anhand von Beschreibungen, kurzen Szenen und Erläuterungen die Lebensumstände ihrer Kindheit und die Eigenheiten ihrer Mutter dar.  Der Stil ist dabei locker, erfrischend, tendenziell umgangssprachlich, aber auch voller brillanter Zuspitzungen. Ich habe mehr als einmal laut gelacht und wollte mir etliche genial auf den Punkt gebrachte Formulierungen herausschreiben.

Einprägsam sind auch die Skizzen aus der Welt einer nordenglischen Arbeiterstadt – natürlich völlig unromantisch, gleichzeitig durchaus mit nostalgischen Gefühlen für ein Ambiente, in dem auch das Ärmliche, Schmutzige, Ungeschliffene noch seinen Platz hatte.

Was die eigene Biografie angeht, ist Winterson ehrlich, frech, schont weder sich noch andere, ohne zu urteilen. So ist Warum glücklich statt einfach nur normal? bei aller Traurigkeit ein beglückendes Buch vom Anderssein, vom Verlorensein und vom Zu-sich-selbst-Finden.

  • Jeanette Winterson, Warum glücklich statt einfach nur normal?, 256 Seiten, Hanser Berlin, 20 Euro; als E-Book 14,99; ab 22. Juni 2017 als Fischer Taschenbuch erhältlich, 10,99 Euro.

 

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