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Der berühmteste Roman von Marlen Haushofer feiert bald 50. Geburtstag. Man kann, man sollte ihn immer noch lesen, und er wirkt dabei frisch und hat nichts von seiner irritierenden, Konventionen aufbrechenden Kraft verloren. Das weckt einen Verdacht: Es könnte sich bei Die Wand um einen Klassiker handeln.

Was ist ein Klassiker? Ich traue mir nicht zu, dafür irgendwelche Kriterien aufzustellen, denn schon bei der Anwendung auf den nächsten fraglosen „Klassiker“ werden sie sich wahrscheinlich als zu starr und unpassend erweisen. Als eine Klassiker-Eigenschaft von Die Wand würde ich aber bezeichnen, dass ganz verschiedene Menschen in verschiedenen historischen Momenten und an verschiedenen Orten den Roman jeweils neu und individuell lesen und für sich eine tiefe Bedeutung darin finden werden. Nach diversen Rezeptionswellen – Kalter-Krieg- und Frauenbewegungs-Hype in den 1980ern, Verkaufsförderung durch Elke Heidenreich 2004 und Verfilmung mit Martina Gedeck 2012 – ist jetzt vielleicht ein sehr guter Zeitpunkt, um sich unvoreingenommen darauf einzulassen.

Die titelgebende Wand ist ein Bild von universeller Kraft, vollkommen einfach, vollkommen einleuchtend – und vollkommen rätselhaft. Die Wand ist ein Motiv, das Marlen Haushofer direkt aus der Tiefe der menschlichen Seele hervorgeholt zu haben scheint – wo es schon immer vorhanden war, bevor es die Autorin in Worte fasste. Jedenfalls wird man es nach dem Lesen des Romans im Kopf behalten und immer wieder in seinem Leben entdecken – welche Bedeutung auch immer man ihm gibt. Insofern steht Marlen Haushofers Roman für mich in enger Verbindung zur fantastischen Literatur von Julio Cortázar, der ebenfalls eine andere Realitätsebene aus dem Unterbewusstsein in unseren Alltag hervorholt.

Die Wand ist eine unsichtbare, unüberwindliche Trennlinie zwischen einem Individuum und der menschlichen Gesellschaft. Im Roman ist sie über Nacht da und schneidet die namenlose Ich-Erzählerin von der Außenwelt ab. Das geschieht irgendwo in den österreichischen Bergen, wo die Protagonistin mit ihrer Cousine und deren Mann ein Wochenende in einer Jagdhütte verbringen wollte. Während die beiden anderen noch einmal kurz ins Dorf gegangen sind, muss es passiert sein: Eine Art gläserner, nein, eigentlich immaterieller Glocke hat sich – ohne dass es eine Erklärung dafür gäbe – über die Region gelegt. Die Protagonistin bleibt darunter allein mit dem Hund Luchs zurück. Sie sieht, dass jenseits der Wand alles menschliche Leben erloschen sein muss. Diesseits der Wand beginnt sie ein aufs Wesentliche reduziertes Leben als autarke Selbstversorgerin. Sie pflanzt Kartoffeln und Bohnen an, hält sich eine Kuh, schießt ab und zu ein Stück Wild. Hund Luchs und einige Katzen sind ihre einzige Gesellschaft. Körperlich gebeutelt von harter Arbeit im Kampf ums Überleben, seelisch am Rand des Wahnsinns des Unerklärlichen, gelangt sie im Lauf von zwei Jahren doch zu einer Art von Zufriedenheit im Einklang mit der Natur.

Erzählerisch steht Marlen Haushofer mit dieser Handlung vor einer riesigen Herausforderung. Eine einzige Figur, keine menschliche Interaktion, das unverrückbare, statische Faktum Wand: In dieser Konstellation hat die Autorin beständig gegen die Gefahr anzuschreiben, dass sich der Leser langweilt. Denn rein äußerlich ist das Geschehen monoton: Die Protagonistin melkt die Kuh, sammelt Beeren, streift mit dem Hund durch den Wald, der Höhepunkt im Jahreslauf ist die Heuernte. Auch auf psychologischer Ebene tut sich eigentlich nicht viel mehr, die Innenschau der Protagonistin bleibt begrenzt. Und doch entwickelt die Erzählung einen Sog – sofern man sich als Leser auf diese Reduziertheit einlässt und sich nicht selbst wie hinter einer Wand ausgegrenzt fühlt.

Sehr viele Leser entdecken in dem Roman aber offenbar etwas für sie Faszinierendes. Den einen mag Die Wand als Robinsonade in den Alpen in den Bann ziehen, als Zivilisationskritik und Lob des Back to basic. Für andere ist der Roman vielleicht eine düstere Endzeitvision – eine Lesart, die wohl auf dem Höhepunkt der nuklearen Bedrohung in den 1980er-Jahren Konjunktur hatte. Verbreitet ist die Interpretation von Die Wand als feministisches Werk: Immerhin erfährt die Protagonistin ihre Abgeschnittenheit von all den mit dem Frausein verbundenen Zwängen „draußen“ auch als eine Art von Befreiung. Diesen Deutungsansatz kann man auch weiter fassen: Der Wegfall jeglichen zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen Drucks kann insgesamt durchaus als erleichternd aufgefasst werden. An seine Stelle tritt hier eine sehr subtil dargestellte Beziehung zwischen Mensch und Tieren – ganz ohne Hund, Katze und Kuh zu vermenschlichen und trotzdem unter Wahrnehmung ihrer Individualität. Ich habe eine Rezension gelesen, die Die Wand als perfektes Porträt eines depressiven Menschen beschreibt. Man kann die Wand als klaustrophobisches Gefängnis sehen oder als Schutzwall, hinter den man sich gerne zurückziehen möchte. Der Roman gibt da nichts vor. Diese Bedeutungsoffenheit und Unmittelbarkeit macht Die Wand zu einer zeitlosen, universellen und auf jeden Fall ungewöhnlichen Leseerfahrung.

  • Marlen Haushofer, Die Wand, Mit einem Nachwort von Klaus Antes, List Taschenbuch, 288 Seiten, 8,95 Euro.
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2 Kommentare zu “Marlen Haushofer, Die Wand

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