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Dieses Buch steht und fällt mit der Person Elke Heidenreich. Wer sich nicht für sie interessiert oder sie von Haus aus nicht mag, sollte die Finger davon lassen. Ich halte sie allerdings für eine herausragende, charismatische Persönlichkeit des literarischen und medialen Lebens in Deutschland  – genug Antrieb, zu dieser von der Form her unkonventionellen – ich sage mal – autobiografischen Materialsammlung zu greifen. Doch sympathischer ist mir Elke Heidenreich durch die Lektüre leider nicht geworden.

Alles kein Zufall ist eine Sammlung von sehr vielen – locker über 100 – sehr kurzen… ja, was? „Geschichten“ trifft es nicht, denn Handlung ist, wenn überhaupt, nur wenig in den manchmal nur ein paar Zeilen, höchstens etwas mehr als eine Seite umfassenden Abschnitten enthalten. Es sind oft einfach nur kurze Pointen, Mini-Episoden, etwas, was jemand in einer bestimmten Situation gesagt oder getan hat, Kurzdialoge, Gedankenfragmente, Bonmots, manchmal nur eine Formulierung, die Elke Heidenreich irgendwo aufgeschnappt hat, wie ein Hinweis aus einem New Yorker Hotelzimmer:

„Wenn Sie bei uns nicht schlafen können, schimpfen Sie nicht auf unsere bequemen Betten, sondern prüfen Sie erst einmal Ihr Gewissen.“

Kurz: Der Inhalt des Buchs weckt den Eindruck, als habe Elke Heidenreich Massen an verstreuten Notizzetteln aus den Taschen alter Mäntel oder von einem überquellenden Schreibtisch zusammengeklaubt, mit Stichwörtern versehen und alphabetisch – wohlgemerkt: nicht nach inhaltlichen Zusammenhängen oder ästhetischen Prinzipien – geordnet. Vielleicht in der Hoffnung, dass sich auf diese Weise mosaikartig  eine Art Bild eines gelebten Lebens zusammensetzt.

Nun bin ich ja für originelle literarische Darstellungsformen durchaus dankbar. Doch stellte sich mir hier zuerst einmal das praktische Problem der Lesbarkeit. Es ist meiner Ansicht nach kaum möglich, auch nur eine halbe Stunde am Stück konzentriert in diesem Buch zu lesen, denn das würde bedeuten, mindestens 20 literarische Häppchen am Stück zu konsumieren: unbekömmlich! Liest man aber täglich nur vier oder fünf Geschichtchen, schleppt man das Buch über Wochen mit sich herum und hat es irgendwann über. Nun, das kann vielleicht noch jeder individuell für sich lösen.

Schwerer wiegt die Frage, ob es das Wagnis wert war, diesen Zettelkasten in Buchform zu veröffentlichen. Ja und nein. Es gibt offenbar genügend Menschen in Deutschland, die es, so wie ich, interessant genug finden, was einer öffentlichen Person wie Elke Heidenreich so an Gedankenwolken durch den Kopf schwebt.

Doch wie gesagt: Ohne den Namen Elke Heidenreich auf dem Cover hätte das Buch wohl kaum eine Daseinsberechtigung. Ich kann nicht abstreiten, dass mich manche „Geschichte“ amüsiert, ab und zu auch berührt hat. Häufig fand ich sie aber auch einfach nur banal, überflüssig, nichtssagend. Hervorragend geeignet sind sie für  Talkshow-Auftritte oder öffentliche Lesungen. Wenn Elke Heidenreich da einige der Pointen aus dem Buch zum Besten gibt, dann klebt das Publikum sicher an ihren Lippen, lacht mit ihr oder verfällt in nachdenkliches Nicken. Doch die Schriftform lässt immer wieder die Trivialität zu Tage treten.

Im Lauf des Lesens wuchs mein Widerstand gegen das Buch noch auf einer anderen Ebene. Das mag an dem egozentrischen Ansatz liegen, der jedem autobiografischen Schreiben innewohnt. Das Ich mit seinen Befindlichkeiten, Eigenheiten und Verletzungen steht hier – manchmal mit unangenehmer Sentimentalität – im Mittelpunkt. Als Kern des Buchs kristallisiert sich die Geschichte des Mädchens aus einfachen Verhältnissen und einem emotional schwierigen Elternhaus heraus, das in Kunst und Kultur Halt findet, doch in ihrem Gefühlsleben viel am einstigen Verhalten von Mutter und Vater zu knabbern hat.

Alle anderen Menschen beziehungsweise Figuren aber werden zu Statisten degradiert, zu Pointenlieferanten, Stichwortgebern, Staffage und recht häufig auch zum Objekt von Spott, Kritik, Verwunderung. „Alles Idioten außer mir“ wäre auch ein passender Titel für das Buch. Freund und Feind sind mit ein paar Sätzen abgehandelt, stecken in ihrer Schublade und tauchen nie mehr auf. Nun möchte ich nicht unterstellen, dass Elke Heidenreich so durchs Leben geht, und bei einer Buchbesprechung soll es ja auch nicht um ein Psychogramm der Autorin gehen. Losgelöst von der realen Elke Heidenreich rief mir der Text aber ein Bild von einer starken Persönlichkeiten vor Augen, um die alles kreist, weil sie faszinierend ist und das Leben bunter macht – die sich aber hart tut, andere wirklich wahrzunehmen, und neben und vor der es schwer ist zu bestehen.

Die objektivere Frage, ob Alles kein Zufall nun lesenswert ist oder einen literarischen Wert hat, ist schwer zu beantworten. Im Gegensatz zu mir – diese Rezension ist bereits länger als die meisten der Abschnitte im Buch – beherrscht Elke Heidenreich die hohe Kunst, einen Gedanken, einen Moment, eine ganze Geschichte in wenigen einfachen Sätzen auf den Punkt zu bringen. In anderen Momenten denkt man sich aber: Es ist fast schon eine Unverschämtheit, diese Zettelwirtschaft als Buch zu verkaufen.

Elke Heidenreich, Alles kein Zufall, Hanser, 240 Seiten, 19,90 Euro.

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