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Na. Ja.

Dass es sich beim Felix Krull nicht um die Krönung im Schaffen von Thomas Mann handelt, so viel dürfte klar sein.

Aber es ist immer noch Thomas Mann. Thomas Mann, der eine eigene Sprache erfunden zu haben scheint, der das Deutsch fast aller anderen Autoren im Vergleich so unbeholfen und klobig wirken lässt. In diesem seinen letzten Roman zeigt er eine Facette von sich, die es trotz aller (im Vergleich zu seinem sonstigen Werk) Schwächen wert ist, entdeckt zu werden. Schon aus Interesse und um ein vollständiges Bild zu haben.

Die Bekenntnisse des Hochstaplers sind zunächst einmal zugänglicher als viele andere Werke Thomas Manns, es kostet keine Überwindung, sie als Leser in Angriff zu nehmen. Denn mit Felix Krull entdeckt Thomas Mann die Leichtigkeit. Die Bekenntnisse sind ein explizit heiterer, ein bisschen frivol gemeinter Roman, mit einem traditionellen Schelm als Hauptfigur: Felix Krull, ein hübscher Junge, attraktiv für Weiblein wie für Männlein, weder klug noch gebildet, aber ausgesprochen schlau, mit der einzigen Ambition, so durchs Leben zu flanieren, dass er allzu Mühseliges – vom Schulbesuch bis zum Militärdienst – umschifft und möglichst viel Genuss an dem mitnimmt, was diese Welt an Schönem, Ästhetischem zu bieten hat. Zu diesem Zweck beugt er die Moral zu seinem Vorteil, er lügt, stiehlt, fälscht und verführt, doch stets auf so charmante und elegante Weise, dass ihm die volle Sympathie des Lesers sicher ist.

Die im Titel verheißene Hochstapelei nimmt eigentlich gar nicht so viel Raum ein. Am Anfang steht eine gefühlt sehr lange Schilderung von Felix Krulls Jugend, eine umständliche Einleitung, die wohl als Vorbereitung und Andeutung dessen dienen soll, was noch kommt, jedoch ohne wirklich neugierig darauf zu machen.

Hat man diesen zähesten Teil des Romans hinter sich, wird es endlich handlungsreicher. Nach Bankrott und Selbstmord des Vaters geht Felix Krull nach Paris, arbeitet erst als Liftboy, dann als Kellner in einem Nobelhotel, pflegt aber dank gestohlenem Schmuck heimlich einen prätentiöseren Lebensstil – betreibt also in Wirklichkeit Tiefstapelei, wenn er trotzdem als einfacher Angestellter auftritt. Die Struktur des Romans wird jetzt episodisch, speziell in der Aneinanderreihung diverser amouröser Kapitel. Von denen weiß ich nicht, ob ich sie etwas aufgesetzt und gekünstelt oder doch authentisch und erstaunlich offen finden soll, lässt sich doch sowohl im erfüllten, satirisch dargestellten Verlangen der Madame Houpflé  als auch in der verbotenen, tragischen Liebe des Lord Kilmarnock ein Stück von Thomas Manns eigenem Begehren erahnen.

Im dritten Teil kommt der Roman endlich beim Kern seiner Handlung an: einem Rollentausch. Felix Krull schlüpft in die Identität eines jungen Adeligen, den seine Eltern auf eine Weltreise schicken wollen, um ihm eine unstandesgemäße Liebe auszutreiben. Der junge Marquis bleibt aber lieber bei seiner Freundin in Paris und schickt statt seiner Krull, den Kellner mit dem unerwartet weltmännischen Auftreten, auf große Tour. Felix Krull ergreift die Gelegenheit beim Schopfe, um nun ein Leben auf großem Fuß zu führen.

Weiter als bis zur ersten Station, Lissabon, dürfen die Leser den Helden jedoch nicht begleiten, denn hier endet der Memoiren erster Teil – einen zweiten gibt es nicht, das Werk blieb unvollendet. Das vorhandene Fragment umfasst allerdings allein schon 400 Seiten, und ich persönlich brauche eigentlich nicht mehr davon. Dieser Meinung war dann offenbar auch Thomas Mann selbst.

Andererseits: Das vorliegende Bruchstück allein ist auch irgendwie unbefriedigend. So als sei Thomas Mann einfach nicht zum Punkt gekommen. Vieles in dem Roman ist leidlich unterhaltsam, die berühmte Musterungsszene ist virtuoser Slapstick, der den Militarismus aufs Korn nimmt. Andere Passagen ziehen sich wie Kaugummi, sind nach meinem Geschmack viel zu breit gewalzt. Für einen Schaufensterbummel oder Zirkusbesuch Felix Krulls fehlte mir beim Lesen die Geduld. Doch egal, ob kurz- oder langweilig und bei allem Genuss an der Sprache und am feinsten Austarieren von Sinneseindrücken und Seelenlagen: Bei allem erschloss sich mir nicht recht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte.

Figuren wie diese hat es vor und nach Felix Krull immer wieder gegeben. Spontan fallen mir als literarische Brüder der Bel Ami von Maupassant oder auch Highsmiths Ripley ein. Doch im Gegensatz zu den letzten beiden fehlt Felix Krull die letzte Konsequenz, die Kaltschnäuzigkeit und die kriminelle Energie, mit der die anderen ihr falsches Spiel auf die Spitze treiben und damit letztlich ihr jeweiliges Umfeld bloßstellen. Bel Ami und die Ripley-Reihe sind gesellschaftskritische Romane, die eine Welt zeigen, in der Schein mehr zählt als Sein.

Doch was will uns die Geschichte von Felix Krull eigentlich sagen?  Roman und Hauptfigur wirken sauberer, unschuldiger, absichtsloser.  Felix Krull verfolgt lediglich situativ hedonistische Absichten, lässt seinen Weg vom Zufall und den äußeren Umständen bestimmen, statt ein Ziel zu verfolgen. Man kann in der Sekundärliteratur nachlesen, dass der Felix Krull als Parodie des Künstler- oder des Entwicklungsromans zu deuten sei oder als ironische Verfremdung eines Wertesystems der Selbstdisziplin und des Aufstiegswillens. Mag sein. Doch für mich war von Mehrdimensionalität und Bedeutungstiefe beim Lesen nicht viel zu erkennen. Der Roman rührte an wenig, was mich im Inneren beschäftigt.

Wollte Thomas Mann hier zeigen, dass er auch leichtfüßig und unterhaltend schreiben kann? Es bleibt der Eindruck, dass ihm das nicht allzu gut steht. Gerade der spürbare Wille, mal frech und frivol rüberzukommen, lässt mir das Buch etwas altbacken erscheinen. Auf mich wirkt es heute deutlich verstaubter und verklemmter und weniger bissig als der 70 Jahre zuvor geschriebene Bel Ami.

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3 Kommentare zu “Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

  1. Schöne Besprechung! Bei Thomas Mann gibt es Werke, die mich begeistern und solche, die ich nicht ausstehen kann. Den Krull habe ich bisher noch nie lesen mögen und muss es nun auch nicht unbedingt nachholen ;). Viele Grüße, Petra

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