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Wer auch nur ein wenig Sinn für schwarzen Humor hat, muss allein schon vom Titel hingerissen sein: Rest in Pieces, dieses geniale Wortspiel verheißt ein makabres, hintersinniges Vergnügen. Doch zur morbiden Lektüre gehört hier leider auch, dass sie streckenweise sterbenslangweilig ist.

Dabei ist die Grundidee sehr attraktiv: Die Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten durch die Schilderung dessen zu ergänzen, was nach ihrem Ableben mit ihren Körpern passierte, ist ein origineller Ansatz und füllt eine Lücke, die der allgemeine Biografien-Markt bislang offen lässt. Man erwartet sich eine Kombination von echten Bildungselementen, unnützem Wissen, mit dem man vielleicht bei künftigem Small-Talk glänzen könnte, wohligem Grusel und abgeklärtem Witz – verbunden vielleicht noch mit ein wenig Nachdenken über Leben, Sterben und Vergänglichkeit.

Und ja, irgendwie ist das alles in Rest in Pieces ja auch enthalten. Nur mag sich einfach nicht recht zu einem stimmigen Ganzen verbinden.

An Fakten mangelt es dem Buch wahrlich nicht. Was Bess Lovejoy zusammengetragen hat, wirkt sogar seriös und durch eine stattliche Bibliografie im Anhang fundiert. Die Autorin zieht es vor, Unsicherheiten und mögliche Legendenbildungen zu benennen statt auf Knalleffekte zu setzen. Man kann glauben, was in diesem Buch steht. Es sind keine „alternativen Fakten“.

Doch am Ende sind es wahrscheinlich einfach zu viele Fakten, die das Buch so schwer lesbar machen. Lovejoy stellt uns die Geschichten von sage und schreibe 52 berühmten Leichen vor, jeweils komprimiert auf vier bis fünf Seiten. Erfreulich daran ist, dass die Liste der behandelten Persönlichkeiten nicht so amerika- beziehungsweise anglophon-zentriert ist wie bei manch anderen Kompendien aus den USA. Die Leichen von Molière, Ludwig van Beethoven, Christoph Columbus, Adolf Hitler und Osama Bin Laden gehören ebenso zum bunten Spektrum wie die von Elvis Presley, Lee Harvey Oswald und Apachenhäuptling Geronimo.

Doch all die Leichenbiografien hintereinander wegzulesen, ist ebenso hart wie sich immer aufs Neue dafür zu interessieren, wer nun wieder wessen Knochen gestohlen hat, wann und warum ein Skelett ausbebuddelt und mit wem verwechselt wurde, und wo wessen Asche verstreut liegt. Vieles wiederholt sich, und es zeigt sich, dass das Leben nach dem Tod eben doch nicht ganz so variantenreich ist wie davor. Wegen ihrer Kürze sind die einzelnen Kapitel gleichzeitig sehr dicht und bleiben doch notgedrungen an der Oberfläche des rein äußerlichen Geschehens. Das Buch vermittelt nicht viele Erkenntnisse, die darüber hinaus ins Allgemeingültige reichen. Es ist vor allem eine makabre Nummernrevue.

Die Autorin lockert all das durch einen betont legeren Tonfall und mit vielen trockenen Sprüchen auf. Doch das wirkt auf mich eher aufgesetzt. Möglicherweise ist der Humor auch in der Übersetzung verloren gegangen. Anzuerkennen ist, dass die Würde der toten Persönlichkeiten stets gewahrt und niemals einem billigen Witz geopfert wird.

Natürlich, etliche skurrile, unterhaltsame Kapitel sind in dem ganzen Sammelsurium schon auch enthalten. In Erinnerung bleibt etwa die Geschichte des dem Alkohol und dem Genuss zugetanen Hollywood-Schauspielers John Barrymore, mit dessen Leiche sich seine Freunde einen Scherz erlaubt und sie für ein letztes Cheers in in ihrem Lieblingssessel platziert haben sollen. Doch ausgerechnet diese aus dem Einheitsbrei der Reliquienverehrung herausstechende Episode soll eher dem Reich der Legenden angehören, wie uns Bess Lovejoy ehrlicherweise aufklärt. Ansonsten könnte ich nach der Lektüre eigentlich keins der gelesenen Leichenschicksale wiedergeben.

Das größte Schmuckstück des Buchs befindet sich im Anhang: ein Kapitel, das sehr anschaulich und im besten Sinne populärwissenschaftlich den biologischen Prozess beschreibt, der mit dem Tod einsetzt. Das ist lesens- und wissenswert und in dieser Präzision und Unverblümtheit, ohne auf Schockeffekte zu setzen, eine Seltenheit.

Rest in Pieces ist wohl eher ein Buch, zu dem man immer mal wieder greifen kann, wenn man sich für eine bestimmte historische Persönlichkeit interessiert und dort weiterlesen will, wo die konventionelle Biografie aufhört. Als Ganzes ist es aber nur bedingt genießbar. Charme hat hier – wie so manches Mal – die bloße Idee von dem Buch. Dass man das alles auch tatsächlich liest, ist vielleicht gar nicht vorgesehen.

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