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Auch wenn Ihr zu wissen glaubt, was drinsteht: Lest Die Nacht! Denn das Buch tut weh und macht dünnhäutig – so dünnhäutig, wie wir es heute sein müssen, anstatt dem Wiedererstarken der Ausgrenzer, der Nationalisten, der Bekämpfer von allem, was anders ist, mit einem Achselzucken zuzuschauen.

Elie Wiesels autobiografische Schrift Die Nacht  ist ein Holocaust-Zeugnis, so unmittelbar und direkt, wie es nur sein kann. Kein Wort ist in diesem Bericht zu wenig, keins zu viel. Das Buch steht so vollkommen für sich, dass sich eine Rezension eigentlich erübrigt. Mehr, als Elie Wiesel gesagt hat, ist nicht zu sagen.

Alles, was ich trotzdem zu Die Nacht loswerden möchte, ist: Lest es! Auch wenn es alles andere als angenehm ist, sich dem Text auszusetzen. Auch wenn wir doch alles schon gehört zu haben und zu kennen glauben: die Umstände der Deportation in Viehwaggons; die Selektion beim Eintritt ins KZ Auschwitz in diejenigen,  die direkt ins Gas gingen, und die, die noch kräftig genug zur Zwangsarbeit schienen; die Kälte; die Baracken; die Misshandlung; der Hunger; auch der Verlust der Menschlichkeit – und die überraschend aufscheinenden Reste von Menschlichkeit. Schließlich der Marsch der lebenden Toten, nachdem das KZ angesichts der nahenden russischen Truppen geräumt worden ist. Der allgegenwärtige Tod.

Doch bei Elie Wiesel ganz knapp und präzise und geradeaus davon zu lesen, aus der Perspektive des Jugendlichen, ist so unmittelbar, dass das Buch wie ein Schlag in die Magengrube wirkt. Worte, die über den reinen Bericht der Geschehnisse hinausgehen wollten, würden hier versagen. Alles muss so unmissverständlich und klar benannt sein, gerade weil es so jenseits von allem ist, was man für real und irgendwie möglich halten könnte. Mit am erschütterndsten ist es, zu lesen, dass die Juden in Wiesels Heimat Sighet vor ihrer Deportation 1944 selbst niemals geglaubt hätten, was ihnen bevorstand, und sie deswegen so manche Warnsignale und Chancen zur Flucht ignorierten.

Elie Wiesels Zeugnis war in den 1950er-Jahren wohl unverzichtbar, um den Menschen ins Bewusstsein einzuhämmern, dass das Undenkbare real gewesen war. Dass der Holocaust zu Kunst und Literatur wurde, das konnte erst später passieren. Die Nacht entzieht sich meiner Meinung nach noch solchen Kriterien.

Heute ist Elie Wiesels Zeugnis wieder so wichtig wie je. Zeitzeugen, die noch aus erster Hand berichten könnten und deren Authentizität jede Gewohnheit und Abstumpfung durchbrach, leben kaum mehr. Auch Elie Wiesel ist 2016 gestorben. Die Erinnerung an das, was nun mehrere Generationen zurückliegt, droht mit ihrem Verschwinden zu verblassen. Allzu viele Menschen wollen auch nichts mehr davon hören, fühlen sich belästigt vom Mahnen – und gelangen beim Blick auf heutige Entwicklungen, die den Keim der Menschenverachtung in sich tragen, zum Schluss: „Nun regt Euch nicht auf, so schlimm wird’s nicht werden, er/sie wird nie tun, was er/sie im Wahlkampf angekündigt hat.“ Sie scheinen so blind ins Unglück zu rennen wie einst die Juden von Sighet.

Dass heute wieder Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind, Politiker, die auf Ausgrenzung, Hass und Feindbilder setzen, in vielen Staaten an der Macht sind – jetzt sogar in den USA -; dass viele Menschen aufgehört haben, eine offene, vielfältige, freie, humane Gesellschaft zu hüten wie ihren Augapfel: Das hat auch damit zu tun, dass uns die Sensibilität bis hin zur Dünnhäutigkeit gegenüber jeder Form der Diskriminierung verloren geht – die Sensibilität, zu der Zeugnisse wie das von Elie Wiesel über viele Jahre entscheidend beigetragen haben. Deswegen sollte Die Nacht Pflichtlektüre für jeden sein.

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Ein Kommentar zu “Elie Wiesel, Die Nacht

  1. Ist schon einige Zeit her, dass ich „Die Nacht“ gelesen habe. Vergessen habe ich sie nicht. Wenn ich heute lese, dass manche Leser sagen, diese Thematik sei „durch“, man könne das einfach nicht mehr hören, stimme ich dir zu, „heute wieder so wichtig wie je.“

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