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Welche spannende Geschichte könnte sich rund um Gummistiefel entspinnen? Wofür könnten Gummistiefel ein interessantes, vielschichtiges Sinnbild sein? Vom Titel her wirkt Henning Mankells letzter Roman nicht sehr attraktiv. Doch eines habe ich beim Lesen gelernt: Den Erzähler Mankell darf man nicht unterschätzen. Er macht sogar den unprätentiösesten aller Schuhe zu einem ergiebigen literarischen Motiv, in diesem Fall zum melancholischen, humorvollen, rätselhaften und, wenn man will, symbolisch aufgeladenen Leitmotiv eines sehr schönen Romans.

Ich muss es gleich gestehen: Ich hatte vorher noch nie ein Buch von Mankell gelesen. Und auch dieses hat mich am Anfang nicht so reingezogen. Schon der Schauplatz: eine Schärenlandschaft in Schweden, einsame Archipele im kalten nordischen Meer, im Herbst verlassen von Ausflüglern und Urlaubern. Die Bewohner der kleinen Felsinseln beziehungsweise des ebenfalls nicht eben pulsierenden Städtchens an Land sind tendenziell verschroben und wenig redselig. Viel Raum in der Erzählung nimmt ein, wie der etwa 70 Jahre alte Protagonist Fredrik Welin, der allein auf so einem Eiland wohnt und entsprechend sozial isoliert ist, mit dem Boot von hier nach dort fährt – und wie er morgens ein Bad im kühlen, zunehmend eisigen Meer nimmt. Brrrr, bei all dem wurde mir zunächst gar nicht warm ums Herz.

Mit der Zeit aber doch. Nach einem Paukenschlag zu Beginn – Fredrik Welins Haus, von seinen Großeltern erbaut, brennt ab, er kann sich gerade noch retten – fließt die Erzählung sehr ruhig dahin, in einfachen Sätzen und scheinbar unergiebigen Dialogen. Doch unversehens baut sich Spannung auf. Welin, ein ehemaliger Chirurg, dessen Karriere mit einem Kunstfehler ein unrühmliches Ende fand, wird verdächtigt, der Brandstifter zu sein. Er lernt eine deutlich jüngere Lokaljournalistin kennen, in die er sich verliebt (hurra, endlich ein Roman, der meinen Beruf ernst nimmt, diese Lisa Modin ist eine interessante, attraktive Figur). Seine schroff und gleichzeitig verletzlich wirkende Tochter Louise, von deren Existenz er erst erfahren hat, als sie erwachsen war, kommt zu ihm, um ihm beizustehen, mit ihm zu streiten, ihm zu sagen, dass sie schwanger ist, und wieder zu verschwinden. Bei all dem wollte ich immer wissen, wie es weitergeht, und habe begierig weitergelesen.

Tatsächlich folgt noch viel Handlung mit manch überraschender Wendung. Die Schärenlandschaft entfaltet ihre Faszination. Und als zweiter kontrastierender Schauplatz kommt Paris dazu. Doch das Beste am Roman sind seine Figuren, denen Mankell alle Zeit gibt, nach und nach ein paar ihrer Geheimnisse preiszugeben. Andere Rätsel der menschlichen Seele behalten sie für sich, denn, das ist eins der Grundmotive des Romans: Niemanden kann man jemals so ganz (er)kennen.

Und so bleibt im Roman immer Distanz zwischen und zu den Figuren. Man redet aneinander vorbei, dann bricht man das Gespräch ab, weil irgendwas irgendwen verletzt hat, ohne dass er sagt warum, und ohne dass es eine Antwort auf eine Frage gibt. Trotzdem – bei aller Kühle, Traurigkeit, Isolation – ist das Buch von Sehnsucht nach Nähe getragen und ist voller Hoffnung, dass sie entstehen kann. Und es hat einen warmherzigen Blick auf die Menschen, auf scheinbar normale und auf die, die Konventionen und Regeln brechen. Er lässt sie alle gelten, auch wenn man sie manchmal nicht verstehen kann. Deswegen ist das Buch, das sich um Einsamkeit, Alter, Vergänglichkeit, verlorene Zeit und die Angst dreht, vom Lauf der Welt abgehängt zu werden, am Ende doch so versöhnlich und nicht ohne Optimismus. Was noch mehr berührt, wenn man daran denkt, dass Mankell es in seiner letzten Lebensphase geschrieben hat.

Klingt das jetzt kitschig? Bei Mankells nordisch-sachlicher Erzählweise ist es weit entfernt davon.

Und was ist mit den Gummistiefeln? Nach dem Brand braucht Fredrik Wieland ein Paar neue. Man kann in ihnen nur einen running gag sehen. Oder vielleicht stehen sie für den Wunsch nach etwas Vergangenem, etwas Stabilem, Vertrauten, das festen Stand in einer unsicheren Welt verleiht. Das ist schwer zu bekommen. Die Auslieferung der bestellten Stiefel wird über 400 Seiten dauern.

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