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Ich weiß, ich tue mehr denn je etwas Überflüssiges, indem ich eine Rezension über Mein Leben als Sohn schreibe. Denn so wie andere Bücher von Philip Roth, die ich gelesen habe, steht auch dieses eigentlich perfekt und glasklar für sich selbst, ohne dass es weiterer Erläuterungen bedarf – vielleicht sogar noch etwas stärker als andere. Philip Roth versteht es, auf den Punkt direkt zu sagen, was er zu sagen hat, so dass man als Leser überzeugt ist: Besser geht es nicht.

Mein Leben als Sohn dreht sich um ein Thema, mit dem mich Roth auch in Jedermann beeindruckt und berührt hat: um Vergänglichkeit und Tod. Roth schildert in dem autobiografischen Text das Lebensende seines Vaters von der Entdeckung eines Hirntumors, als er 86 ist, bis zum Tod. Sehr offen und direkt berichtet er von den erschreckenden Operationsvorschlägen und Prognosen der Ärzte, von der schweren Entscheidung, ob man die lebensverlängernden Möglichkeiten der Medizin nutzen sollte, vom körperlichen Verfall des Vaters, von seiner Schwäche, aber auch oft unerwarteten Stärke, seiner jeweils in einer Situation überraschenden Irrationalität oder Rationalität im Umgang mit dem nahenden Tod.

Dabei entsteht ein schillerndes Porträt des Vaters als Mensch, der alles andere als einfach und nicht immer liebenswert ist, mal unleidlich, mal verschroben, mal autoritär, unterdrückerisch gerade im Umgang mit seinen Frauen, Philip Roths 1981 verstorbener Mutter, später der Lebensgefährtin. Doch die Charakterzeichnung ist immer von tiefer Liebe und  Verbundenheit zwischen Vater und Sohn getragen, nie entblößend, selbst in der schonunglosesten und vermeintlich demütigendsten Szene des Romans, in der der Vater die Kontrolle über seine Darmentleerung verliert und das Badezimmer und noch etwas mehr mit Kot verschmutzt. Es geht auch um eine Umkehr der innerfamiliären Hierarchie, wenn der Sohn mit einem Mal den Vater zurechtweist und Entscheidungen für ihn treffen muss – den Vater, der ein Leben lang so dominant und unangreifbar war.

Zudem steckt die Geschichte vom Aufstiegskampf einer Einwandererfamilie  in dem Buch, das Ringen um und mit jüdischer Identität, das Lob des Erinnerns und Aufbewahrens, viel kleinbürgerlicher Alltag, der durch die Literatur zum kostbaren Schatz wird. Und Mein Leben als Sohn ist voller Humor. Ich habe beim Lesen mehr als einmal herzlich gelacht, etwa bei der Schilderung eines Klassikkonzerts in einer Seniorenwohnanlage, bei dem den betagten Musikern die körperliche Anstrengung beim Bearbeiten ihrer Instrumente anzusehen ist und die Zuhörer nach jedem Satz applaudieren und zum Buffet schreiten wollen, bevor es unversehens wieder und wieder doch noch weitergeht.

Roth erzählt schnörkellos und vermeintlich kunstlos geradeaus, so dass einem das Buch fast schon als banale Abbildung eines Lebensabschnitts vorkommen könnte. Aber wie er gerade dabei an den ganz großen Fragen rührt, ist eben doch große Kunst.

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