Home

Gestalten wie aus einem der düstersten Goya-Gemälde treten der 18-jährigen Andrea im unvergesslichen Eingangskapitel dieses Romans entgegen. Die junge Frau vom Land ist nachts in Barcelona angekommen, wo sie studieren will. Doch die Hoffnungen und Illusionen, mit denen sie ihre ersten Schritte durch die vibrierende Großstadt zurücklegt, sind verflogen mit dem Moment, in dem sie die klaustrophobische Wohnung ihrer Verwandten betritt. Im engen Gang begegnet sie gespenstischen Gestalten: der wirren Großmutter, dem abgemagerten, grobschlächtigen Onkel, dessen zerzauster Frau, der gestrengen Tante, dem abstoßenden Hausmädchen mit dem schwarzen Hund. Das Jahr, das Andrea hier verbringen wird, ist der zeitliche Rahmen des beklemmenden und doch fesselnden Werks Nada von Carmen Laforet.

Der Mikrokosmos der Wohnung an der Calle Aribau bildet eine Welt ab, die aus den Fugen geraten ist, die Welt nach dem spanischen Bürgerkrieg. In einem Klima der familiären Gewalttätigkeit und Unterdrückung, zwischen gestorbenen Träumen, vergilbten Fotos und sich auftürmenden alten Möbeln leben die Traumata des Kriegs fort und herrscht in Gestalt der bigotten Tante Angustias eine katholizistische Enge. Hier haben die Wände Ohren, immer belauscht irgend jemand etwas, das er nicht hören soll. Materielle Armut bis hin zum Hunger erhöht die Anspannung. Es ist eine bedrückende Abbildung des Landes unter der Franco-Diktatur. Damit schreit der Roman seine politische Kritik hinaus – doch die Zensoren überhörten sie wohl, da sich das Buch ohne Weiteres als rein private Familiengeschichte lesen lässt. Mehr hätte man der damals noch sehr jungen Autorin vermutlich nicht zugetraut.

Abseits der familiären Hölle tastet sich die Protagonistin Andrea hinaus ins Leben: Sie erforscht – am liebsten auf einsamen Streifzügen – die Stadt, macht Bekanntschaft mit studentischen Bohème-Kreisen, schließt Freundschaft mit der schillernden Kommilitonin Ena. Aus der unerwarteten Verbindung Enas zu Andreas Familie entwickelt sich zunächst sehr behutsam ein Melodram, das dann im dritten und letzten Teil plötzlich ein wenig forciert Fahrt aufnimmt.

Seine besten Momente hat Nada davor. Der Roman birgt viele atmosphärisch dichte Szenen. Wie Andrea ihren cholerischen, vor Zorn bebenden Onkel Juan ins verruchte nächtliche Barrio Chino verfolgt; wie sie zu einer vornehmen Gesellschaft eingeladen ist und ihr die Gastgeberin auf die abgewetzten Schuhe blickt; wie sich der erste Kuss ihres vor allem selbstverliebten Verehrers auf dem Tibidabo so falsch anfühlt; das alles hallt lange nach.

Laforets Sprache ist sachlich, alltagsnah und überrascht doch immer wieder mit poetischen Anwandlungen. Sie trägt, ebenso wie die zurückgenommene, irgendwie traumverlorene Ich-Erzählerin inmitten eines kruden Umfelds aus vielen starken bis fast schrillen Figuren, sicher zum ansonsten nicht so leicht erklärlichen Sog bei, den der Roman entwickelt. Mich hat Nada mit seiner Mischung aus Zartheit und Brutalität, aus Tristesse und Verträumtheit fasziniert.

Advertisements

2 Kommentare zu “Carmen Laforet, Nada

    • Denk Dir nichts – für mich wäre es eigentlich schon im Studium Pflichtlektüre gewesen, aber bis ich es tatsächlich zur Hand genommen habe, hat es fast 20 Jahre gedauert. Dabei lohnt es sich auf jeden Fall!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s