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Ungewöhnliche Schönheit und Eleganz – und der ihnen immer schon eingeschriebene Verlust und Untergang: Diese Kombination macht den besonderen Zauber und die Traurigkeit dieses Buchs aus. Bevor der Leser die Gärten der Finzi-Contini in all ihrer herrschaftlichen Pracht betritt, hat er sie bereits so verwildert und überwuchert gesehen, wie sie in späteren Jahren aussehen: nach dem Untergang der jüdischen Welt Norditaliens.

Die Gärten der Finzi-Contini erzählt die Geschichte einer unerfüllten Liebe vor dem Hintergrund der Judenverfolgung im faschistischen Italien und des drohenden Zweiten Weltkriegs. Diese Liebe scheitert wohl auch daran, dass eine böse Ahnung die Figuren des Romans begleitet, dass sie es nicht wagen, den Blick in die Zukunft zu richten, und sie sich stattdessen entweder dem Augenblick hingeben oder melancholisch in der Beschwörung des Vergangenen schwelgen, dem sie selbst bald angehören werden.

Der Ich-Erzähler beschreibt aus der zeitlichen Distanz von etwa 20 Jahren seine Beziehung zur großbürgerlichen jüdischen Familie Finzi-Contini, die auf einem feudalen Anwesen in Ferrara lebt – zunächst durch Dünkel und hohe Mauern abgeschottet vom Rest der Gesellschaft. Doch die Implementierung der Rassengesetze ab 1938 bewirkt bei den Finzi-Contini eine Solidarisierung mit der jüdischen Gemeinde und eine Öffnung. Nachdem Juden aus dem örtlichen Tennisclub und der städtischen Bücherei verstoßen werden, stellt Patriarch Prof. Ermanno Finzi-Contini der Jugend seinen privaten Tennis-Court und speziell dem Ich-Erzähler, der gerade an seiner Dissertation arbeitet, die hauseigene Bibliothek zur Verfügung. So gelangt der Ich-Erzähler erstmals in diese einst abgeschirmte großbürgerliche Welt, verkehrt bald täglich dort und freundet sich insbesondere mit der Tochter des Hauses an, der selbstbewussten, ironischen Micòl.

Diese unerreichbare, rätselhafte Frau mit dem messerscharfen Verstand und stets einer schnippischen Bemerkung auf den Lippen ist eine großartige literarische Frauenfigur. Ebenso einprägsam und unvergesslich sind viele Motive des Romans: Micòl, die als Kind den jungen Ich-Erzähler von der Gartenmauer aus anspricht und einlädt, darüberzuklettern; Micòl und der Ich-Erzähler, die sich vor dem Regen in einen Schuppen und in eine alte Kutsche flüchten – wobei er den Moment verpasst, ihr näherzukommen; die wilden Tennis-Matches und die Radtouren durch den weitläufigen Park des Anwesens: All das schildert Bassani überaus plastisch und verwandelt es vor den Augen des Lesers in eine Art von Erinnerungsgemälden.

Bassani erzählt sehr ruhig, emotional zurückgenommen, in langen, perfekt konstruierten Sätzen. Die elegante, fast beschauliche und sachliche Herangehensweise verstärkt dabei nur die tiefe Traurigkeit hinter der Schönheit. Die Gelassenheit und Ironie, mit der Micòl der fortschreitenden Diskriminierung der Juden begegnet, schärft den Blick für die Rohheit und Borniertheit der Ausgrenzung, oft verkleidet hinter einem falschen bedauernden Lächeln und hohlem Opportunismus.

Micòl und alle Finzi-Contini – außer dem kranken Bruder Alberto, der schon vorher stirbt – werden wenige Jahre später deportiert und im KZ ermordet werden. Dieses Wissen schwebt über allem detailreich zum Leben erweckten Glanz der reichen und schönen Familie. Vielleicht liegt es an der Ahnung des bevorstehenden Unheils, dass die weise Micòl den verliebten Ich-Erzähler zurückweist. Dass es im Roman viel „vielleicht“ und wenig mit Bestimmtheit Ausgesprochenes gibt, ist eine weitere große Stärke von Die Gärten der Finzi-Contini.

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