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Von William Faulkner, geboren heute vor 119 Jahren, bliebt viel mehr als sein eigenes, großartiges Werk. Er hat die Tür aufgemacht für eine ganz neue Art zu erzählen und damit einige meiner Lieblingsromane der Literaturgeschichte erst möglich gemacht – von Pedro Páramo (Juan Rulfo) bis La casa verde (Mario Vargas Llosa). Faulkner hat das Erzählen mehrdimensional gemacht, die Realität mit einem Hammer zersplittert und dadurch erst ganz gemacht.  

Wie das funktioniert, lässt sich zum Beispiel in Als ich im Sterben lag sehen. Die Aufteilung der Erzählung auf ein Dutzend Perspektiven und innere Monologe ist das auffälligste Merkmal des Romans. Das wirklich Großartige ist aber, was Faulkner daraus macht, welche Vielschichtigkeit und Tiefe er damit den nach außen doch eher tumb wirkenden Figuren verleiht.

Vieles ist nicht so, wie es scheint, wenn Vater Anse Bundren und fünf (großteils erwachsene) Kinder sich im Fuhrwerk auf den Weg machen, um den verwesenden Körper der toten Mutter Addie zur Bestattung in deren Heimatstadt zu bringen: eine Irrsinns-Aktion, die eklatante Widersprüche zwischen der heroischen Geste gegenüber der toten Mutter und den abgestumpften emotionalen Verhältnissen in der Familie aufwirft.

Dass die Gruppe den von Katastrophen gesäumten Weg bis zum schmerzhaften Ende beschreitet, das liegt, wie nach und nach durchscheint, an teils ganz anderen Motiven, die jeden einzelnen antreiben. Was selbstlos erscheint, verfolgt teils kaltschnäuzig ziemlich profane Interessen, und hinter mancher stumpfen Fassade kommt doch eine verborgene Spur von Gefühl und Solidarität zum Vorschein. All das zu entdecken, wird zum Schluss hin immer faszinierender.

Denn es ist höchste literarische Kunst, wie Faulkner die höchst beschränkten Sichtweisen der einzelnen Figuren zu einem komplexen Familienportrait mit vielen Schattierungen zusammenfügt. Für den Leser bedeutet es natürlich einiges an Arbeit, sich aus den Puzzleteilen das ganze Bild zu erschließen. Mit dem Frust, dass dabei auch Lücken bleiben, muss man zurechtkommen. Doch die Mühe lohnt sich.

  • William Faulkner, Als ich im Sterben lag, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, 9,99 Euro.
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