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Ein Gefühl der Fremdheit kann einen ja dieser Tage tatsächlich beschleichen, wenn man politisch an die Türkei denkt. Vielleicht also kein schlechter Zeitpunkt, um die Möglichkeit der Literatur zu nutzen, die Türkei aus einer anderen Perspektive zu betrachten, die viel näher herankommt und mehr ausleuchtet als die tägliche Berichterstattung – noch dazu unter dem passenden Titel Diese Fremdheit in mir.
Dabei ist Orhan Pamuks neues Werk zumindest vordergründig kein politisches Buch, sondern ein Familienepos und ein großer Istanbul-Roman, der den Wandel der Stadt von den 1960er-Jahren bis fast in unsere Gegenwart nachvollzieht. Sehr klassisch und zugänglich wird das Leben von Mevlut erzählt, der als Junge aus Anatolien mit seinem Vater nach Istanbul kommt und hier eigentlich immer ein einfaches bis ärmliches Leben führt, mit diversen Jobs, aber nur einer Berufung: auf den abendlichen Straßen das traditionelle, leicht alkoholische Hirsegetränk Boza zu verkaufen und sich dabei seinen Träumen und Gedanken hinzugeben. Während er so durch sein Leben treibt und kaum vorankommt, wirkt der Romanheld bisweilen schon arg ziellos und naiv. Aber immerhin ein gutmütiger Typ, der es schafft, sich von der Welt nicht verderben zu lassen.
Die türkische Politik und Geschichte zeichnen sich eher schemenhaft im Hintergrund ab: sich gewaltsam entladende politische Auseinandersetzungen, ethnische Konflikte, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, Putsche und Pogrome, Kurden und Linke, Nationalisten, Laizisten, Moderne und Religiöse als explosives Tableau der Akteure: Mit dieser Szenerie der vergangenen Jahrzehnte im Hinterkopf wirkt die aktuelle politische Entwicklung vielleicht nicht mehr ganz so abstrus und überraschend.
Diese Fremdheit in mir bietet dem Leser zudem ein intimes Gesellschaftsportrait der Türkei. Ein großes Thema sind Liebe und Ehe – zwischen arrangierter Hochzeit, starrer Konvention, Verklemmtheit, machistischem Ehrbegriff und überhöhter, naiver Schwärmerei. Bei aller gesellschaftlichen Enge heiratet in diesem Roman übrigens doch fast jeder, wen er will, und nicht, wen Eltern und Familie als opportun auswählen. Gleich mehrmals (und bezeichnenderweise auch noch bei der jungen Generation) muss allerdings eine „Entführung“ her, damit die Liebenden ihre individuellen Gefühle verwirklichen können. Zu einer glücklichen Ehe führt der romantische Ansatz im Roman allerdings nicht zwangsläufig, und es wird mehrfach räsoniert, ob das Geheimnis einer guten Ehe nicht darin liegt, dass sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nicht kennen.
Mevluts großes Glück jedenfalls resultiert nicht daraus, dass er die Partnerin seiner Wahl heiratet. Über Jahre schreibt er Liebesbiefe an eine Schönheit, deren Augen ihn auf einer Hochzeitsfeier in den Bann geschlagen haben. Als er die Angebetete schließlich entführt, muss er dann feststellen, dass seine Briefe die ganze Zeit über bei deren Schwester angekommen sind – und er nun diese an seiner Seite sitzen hat. Doch die Verwechslung – heimtückisch vom Cousin in die Wege geleitet – ist der Beginn einer berührenden Liebesgeschichte.
Idealisiert wird im Roman aber nichts. Zur Ehe zwischen Mevlut und Rayiha gehören – wie zu jeder Partnerschaft, die wir hier sehen – patriarchalische Unterdrückungsmechanismen. Patriarchen bestimmen auch das wirtschaftliche Leben, dazu Korruption, Vetternwirtschaft und Raffgier.
Um all das geht es in dem breit angelegten Roman. Am wichtigsten aber ist dem Autor seine Stadt. Dieses Istanbul mit seinen geheimnisvollen Gassen, seinem Zauber des Verfalls, seiner Pracht und Geschichte. Und dieser grauenhafte, unkontrolliert und rücksichtslos unästhetisch wachsende Moloch. Mevlut, sein Vater und sein Onkel sind anfangs noch ein Teil der wilden Wucherung, wenn sie als arme Zuwanderer vom Land auf den Hügeln am Stadtrand auf öffentlichem Grund über Nacht ihre illegalen Hütten, die Gecekondus, hinstellen. Doch für sich erobern wird Mevlut die Stadt nie. Er kann mit ihrem unmenschlichen Tempo nicht Schritt halten. Sie wird ihm am Ende fremder sein denn je.

  • Orhan Pamuk, Diese Fremdheit in mir, Hanser, 592 Seiten, 26 Euro.
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