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Warum tue ich mir so schwer, dieses Buch wirklich zu mögen und mehr als nur okay zu finden? Vielleicht weil ich dem Autor keine Dringlichkeit abnehme, etwas in Worte zu fassen, das unbedingt aus ihm heraus musste. Auf mich wirkte „Pfaueninsel“ sehr durchdacht, mit Könnerschaft aufgebaut und umgesetzt – aber es mag diese Perfektion sein, in der etwas verloren gegangen ist, das mich berührt hätte.

Außer solchen vagen, subjektiven Eindrücken habe ich eigentlich kaum Argumente gegen das Buch. Das Preußen des 19. Jahrhunderts, die Könige, die alle Friedrich oder Wilhelm heißen oder beides, die Pfaueninsel in der Havel, die nach diversen Moden des Gartenbaus auf immer wieder neue Art zu einem künstlichen Paradies des jeweiligen Zeitgeschmacks gestaltet wird: Das ist der historische Hintergrund des Romans. Weder die Epoche noch die botanischen Details finde ich sehr attraktiv, aber das ist mein Problem und spricht per se nicht dagegen, dass man aus dem Stoff ein gutes Buch machen könnte. Vor allem, weil Hettche eine eigentlich faszinierende Protagonistin gefunden hat: das kleinwüchsige Schlossfräulein Marie. Sie wird als Kind zusammen mit ihrem Bruder als rokokohafte Ausstattung in den preußischen Garten Eden verpflanzt und verbringt hier ihr gesamtes Leben.
Nun habe ich aber das dumpfe Gefühl – es mag eine Unterstellung sein -, dass Thomas Hettche nicht recht wusste, was er über das Schlossfräulein, von dem historisch scheinbar nicht mehr überliefert ist als der Name auf ihrem Grabstein, in ihrem begrenzten Erlebensradius erzählen sollte. So erfindet er ihr eine unglückliche Liebe zum Sohn des Inselgärtners, das im Zueinander-Wollen-aber-nicht-Können ausreichend Spannung liefert, wenn sie auch nicht ganz über den Roman trägt. Hinzu fügt er einen Schuss Blechtrommel-artige Bizarrerotik rund um die im Duktus der Zeit so genannten „Zwerge“ und ab der Hälfte des Romans auch wohldosiertes Melodrama – vielleicht als saftigen Ausgleich zur trockenen Aufzählung von allerlei Tier- und Pflanzennamen sowie den gartenphilosophischen Exkursen. Hettche ist ein intelligenter Autor und verleiht dem Buch über Geschichte und Geschichtliches hinaus eine stimmige Ebene der Allgemeingültigkeit, nämlich eine Reflexion über Vergänglichkeit und Wandel, über das unerbittliche Fortschreiten der Zeit, mit der der Mensch nicht Schritt halten kann. Und natürlich über die Relativität von Schönheit und Ästhetik, über Norm und Abweichung.
So weit, so gut gemacht: Und das ist das Problem. Das Handwerkliche an dem Roman war mir zu sehr spürbar, an erster Stelle die fundierte geschichtliche Recherche. Da gelingt es Hettche leider nicht, sein Wissen so unaufdringlich einzubauen wie beabsichtigt. Seine Kenntnisse wirken mehr als einmal ausgestellt, der Text wird stellenweise sachbuchartig – zu einem Thema, das mich wie gesagt an sich nicht interessiert.
Als störend empfand ich die eingestreuten, künstlich wirkenden antiquierten Ausdrücke und Schreibweisen von der Citronenlimonade bis zum Shawl – und als noch störender, dass Hettche immer wieder über die Erzählperspektive aus heutiger Zeit reflektiert, wie um zu zeigen: „Mir passiert hier nichts einfach so, ich weiß, was ich tue.“
In diesem Kontext wirkt auch die Liebes- und Leidensgeschichte Mariens letztlich kalkuliert. Die Handlung – durchaus gut aufgebaut, mit berührenden Momenten und übrigens in schöner Sprache erzählt – scheint alles in allem wie eine nachträglich gefundene Ausrede, um die Historie der Pfaueninsel gut konsumierbar darzustellen. Ich hätte mir erhofft, dass es andersherum ist: dass Hettche in erster Linie die Geschichte einer Außenseiterin erzählen will, von einer, die anders ist, und die Pfaueninsel nur der Vorwand.

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